Ländliche Gegenden unterschätzt? Forscher behaupten wir könnten deutlich mehr als 8 Milliarden Menschen sein

Sind wir doch ein paar Milliarden mehr auf unserem Planeten?

Haben wir seit Jahrzehnten falsch gerechnet? Laut dieser Studie sieht es ganz danach aus. (Bild: Adobe Stock - IBEX.Media) Haben wir seit Jahrzehnten falsch gerechnet? Laut dieser Studie sieht es ganz danach aus. (Bild: Adobe Stock - IBEX.Media)

Was, wenn Milliarden Menschen in ländlichen Gebieten in Statistiken einfach fehlen? Eine Studie der Aalto Universität in Finnland deckt auf, dass uns die gängigen Datenbanken seit Jahrzehnten ein falsches Bild liefern könnten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Finnische Forscher entdecken massive Lücken in globalen Bevölkerungsdatensätzen
  • Ländliche Regionen werden um bis zu 84 Prozent unterschätzt
  • Fehlende Daten beeinflussen Ressourcenverteilung, Katastrophenmanagement und Infrastrukturplanung
  • Probleme betreffen alle gängigen Bevölkerungsdatenbanken

Überraschende Entdeckung mit potenziell weitreichenden Folgen

Im Detail: Die Forscher der Aalto Universität haben gängige Datensätze überprüft, die unter anderem seit den 1970ern als Referenz für Einwohnerzahlen weltweit genutzt werden, und festgestellt, dass diese Daten 53 bis 84 Prozent weniger Menschen in ländlichen Gegenden vermuteten, als tatsächlich da sein sollten.

Postdoktorand Josias Láng-Ritter erklärt (via Phys.org):

Zum ersten Mal liefert unsere Studie Beweise dafür, dass ein erheblicher Teil der ländlichen Bevölkerung in globalen Bevölkerungsdatensätzen fehlen könnte.

Warum ist das wichtig? Die Datensätze werden teilweise seit Jahrzehnten als Grundlage für tausende wissenschaftliche Untersuchungen und politische Entscheidungen genutzt – von Ressourcenverteilung über Infrastrukturplanung bis hin zum Katastrophenmanagement.

Unkonventionelle Forschungsmethode deckt systematische Fehler auf

Wie gingen die Forscher vor? Das Forscherteam nahm die fünf meistgenutzten globalen Bevölkerungsdatenbanken und verglich sie mit Umsiedlungszahlen von über 300 ländlichen Staudammprojekten in 35 Ländern.

Der Vorteil dieser Methode: Die Daten sind unabhängig von Volkszählungen – im Gegensatz zu den überprüften Datensätzen, die hauptsächlich auf Zensusdaten basieren.

Während unsere Studie zeigt, dass sich die Genauigkeit im Laufe der Jahrzehnte etwas verbessert hat, ist der Trend eindeutig: Globale Bevölkerungsdatensätze lassen einen erheblichen Teil der ländlichen Bevölkerung außer Acht.

  • Josias Láng-Ritter

Systematische Fehleinschätzungen weltweit

Die Analyse umfasste fünf führende globale Datensätze:

  • WorldPop: Unterschätzung um 53 Prozent
  • GWP (Gridded Population of the World): Unterschätzung um 65 Prozent
  • GRUMP (Global Rural-Urban Mapping Project): Unterschätzung um 67 Prozent
  • LandScan: Unterschätzung um 68 Prozent
  • GHS-POP (Global Human Settlement Population): Unterschätzung um 84 Prozent

Hier seht ihr die verschiedenen Herangehensweisen der Datensätze. Hier seht ihr die verschiedenen Herangehensweisen der Datensätze.

Bemerkenswert: Selbst in der genauesten Datenbank (WorldPop) wird die ländliche Bevölkerung, laut der Studie, um mehr als die Hälfte unterschätzt.

Wie viele Menschen leben auf der Erde? Dazu machen die Forscher keine genauen Angaben. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass die Forscher ihren Job richtig gemacht haben und in ländlichen Gegenden wirklich 53 bis 84 Prozent zu wenig Menschen einkalkuliert wurden, können wir hochrechnen.

Diese 307 ländlichen Gebiete wurden im Rahmen der Studie untersucht. Hier wurden zwischen 53 und 84 Prozent der Bevölkerungszahlen unterschätzt. (Bild: Aalto Universität, Finnland) Diese 307 ländlichen Gebiete wurden im Rahmen der Studie untersucht. Hier wurden zwischen 53 und 84 Prozent der Bevölkerungszahlen unterschätzt. (Bild: Aalto Universität, Finnland)

Die World Bank gibt an, dass im Jahr 2023 rund 43 Prozent der Weltbevölkerung in ländlichen Gegenden lebten. Wenn wir von einer Weltbevölkerung von 8 Milliarden Menschen ausgehen, würden also 3,44 Milliarden Menschen auf dem Land leben. 

Wie rechnen wir? In der Studie ist vom negative Bias von 53 bis 84 Prozent die Rede. Das deutet darauf hin, dass wir von einer unbekannten Zahl ausgehen müssen, die um 53 Prozent geringer ist, als die bisher angenommene Bevölkerungszahl. So kommen wir auf folgende Ergebnisse.

Wenn wir von 53 Prozent Untererfassung ausgehen, läge der reale Wert für die ländliche Bevölkerung bei ca. 7,32 Milliarden, was einer Gesamtbevölkerung von 11,88 Milliarden entsprechen würde.

Wenn wir von 84 Prozent Untererfassung ausgehen, läge die ländliche Bevölkerung bei 21,5 Milliarden und die Gesamtbevölkerung bei ca. 26 Milliarden. Das wäre mehr als das Dreifache der aktuell rund 8 Milliarden Menschen. Wir gehen also davon aus, dass eine Untererfassung von 84 Prozent eine Ausnahme ist und der reale Prozentsatz deutlich geringer ist.

Die andere Art zu rechnen: Es kann auch sein, dass wir davon ausgehen müssen, dass die Forscher mit dem negative Bias einfach meinen, dass die bisherigen Zahlen um 53 bis 84 Prozent erhöht werden müssen, um korrekt zu sein. Dann kommt man auf eine Gesamtbevölkerung zwischen 9,83 und 10,96 Milliarden.

Volkszählungen als Wurzel des Problems

Die Hauptursache für die Verzerrungen liegt laut der Studie in den zugrundeliegenden Volkszählungen. Nicht alle Nationen verfügen über die Ressourcen für präzise Datenerhebungen, und gerade ländliche Regionen sind oft schwer zu erreichen, so Láng-Ritter. Deswegen werden Zählungen von Staudammunternehmen zurate gezogen.

Wenn Staudämme gebaut werden, werden große Flächen überflutet und Menschen müssen umgesiedelt werden. Die umgesiedelte Bevölkerung wird in der Regel genau gezählt, weil Staudammunternehmen den Betroffenen Entschädigungen zahlen.

  • Josias Láng-Ritter

Die Konsequenzen sind weitreichend: Eine systematische Unterschätzung könnte dazu führen, dass:

  • Katastrophenschutzpläne zu wenig Menschen in gefährdeten ländlichen Gebieten berücksichtigen
  • Gesundheitssysteme in ländlichen Regionen unterfinanziert werden
  • Infrastrukturinvestitionen fehlgeleitet werden

In vielen Ländern stehen möglicherweise nicht genügend Daten auf nationaler Ebene zur Verfügung, so dass sie sich auf globale Bevölkerungskarten stützen, um ihre Entscheidungen zu unterstützen: Brauchen wir eine asphaltierte Straße oder ein Krankenhaus? Wie viele Medikamente werden in einem bestimmten Gebiet benötigt?

  • Josias Láng-Ritter

Zeitliche Entwicklung und Zukunftsaussichten

Die gute Nachricht: Die Genauigkeit der Daten hat sich über die Jahrzehnte verbessert. Die Studie konzentrierte sich auf den Zeitraum 1975-2010, und neuere Datensätze könnten bereits präziser sein.

Für digitalisierte Länder wie Finnland spielt das Problem eine geringere Rolle. Hier in Finnland sind die Bevölkerungsdaten heutzutage sehr zuverlässig, auch in ländlichen Regionen, da wir das zweite Land der Welt waren, das bereits 1990 mit der Führung digitaler Bevölkerungsregister begann, erklärt Láng-Ritter.

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