Beim Browser bin ich genauso loyal wie beim Friseur: Wenn der Schnitt stimmt, bleibe ich.
Dann versprach mir ein junger Browser eine große Typveränderung. Arc kam mit frischen Ideen und radikalen Schnitten, die mir sensationell standen. Ich wurde Stammkunde.
Im Mai 2025 kam jedoch der Dämpfer: Arc wird nicht mehr weiterentwickelt, alle Ressourcen fließen seitdem in Dia, einen neuen KI-Browser. Schweren Herzens bin ich deshalb wieder zur großen Kette gewechselt, zu Chrome.
Am 22. Dezember 2026 schließt das Unternehmen nun endgültig die Pforten für seinen alten Browser. Grund genug, ein letztes Mal am Schaufenster vorbeizugehen und mich an einer der coolsten Apps zu erinnern, die es für mich je gab – und an die größte Enttäuschung, die sie mir bereitet hat.
Warum Arc für mich so perfekt war
Hatte man seinerzeit die Ambitionen von Arc gelesen, klang alles wie großes Marketing-Blabla. The Browser Company versprach nicht weniger als das »Zuhause im Internet« für Arbeit und Privates. Es flogen noch mehr Phrasen wie »Betriebssystem fürs Web«, »Internet-Computer« und natürlich das sichere Bingo-Buzzword »Revolution«.
Für mich hielten die Entwicklerinnen und Entwickler aber Wort. Suchleiste, Tab-Leiste und weitere Browser-Elemente wurden in die vertikale Seitenleiste gepackt. Wurde ein Tab nicht angepinnt, verschwand er nach einer festgelegten Zeit.
Jeden Morgen öffnete sich mir ein Browser, der mich mit einer großen Übersicht begrüßte und nur das Wichtigste beibehielt. An dieser Stelle muss ich an Mini-Arc denken. Links in Messengern öffneten sich wahlweise nicht als neuer Tab im Hauptfenster, sondern als kleines schwebendes Fenster im Arbeitsbereich.
Nach kurzem Scannen konnte ich den Link wieder schließen. Bei weiterem Lesebedarf wurde er mit einem Klick in die Tab-Leiste übernommen. Sowohl die Auto-Archivierung als auch Mini-Arc kämpften gegen das Tab-Chaos, ohne dass ich es wirklich merkte.
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Features in Hülle und Fülle
Arc lebte von cleveren Funktionen. Die Split-View-Funktion hat mich sicher durch mehrere Live-Ticker von Apple, Samsung und Co. begleitet. Während ich links wie verrückt die Neuigkeiten zum iPhone 15 tippte, lief rechts die Präsentation auf YouTube. Es waren sogar mehr als nur zwei Ansichten möglich.
Das Beste daran: Diese ließen sich speichern und an die Seite heften.
Arc war auf Produktivität ausgelegt, was auch die »Command Bar« zeigte. Tabs, Verlauf und Befehle ließen sich über die macOS-angelehnte Suche steuern.
Nach Feierabend musste ich weder das Profil noch den Laptop wechseln. »Spaces« erlaubten eine kinderleichte Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, inklusive separater Konten und Profile. Mit nur einem Klick konnte der Fokus gewechselt werden.
Arc verstand es, Funktion und Design zu vereinen. Letzteres konnte ich nach meinem Geschmack weitgehend anpassen: von Farbverläufen und Themes bis hin zu verspielten Grafikelementen. Sogar Webseiten ließen sich optisch und teilweise auch funktional verändern.
Mit »Boosts« konnten Farben und Schriften verändert werden und wer wollte, konnte mit CSS und JavaScript tiefer eingreifen.
Und ja, Arc fühlte sich ein Stück weit wie eine Lifestyle-Marke an. Als ich dem Browser beitreten wollte, wurde ich als »Member« (statt Nutzer) angesprochen und musste zunächst eine Einladung anfordern. Für einen Browser.
Unterm Strich habe ich aber das bekommen, was mir The Browser Company versprochen hat. Ein Zuhause im Internet, das aufgeräumt ist, schick aussieht und mit smarten, neuen Ideen für Freude sorgt. Da der Browser auf Chromium basiert, musste ich auch keine Abstriche bei den Erweiterungen hinnehmen.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Arc war vielleicht zu anders.
Arc war (zu) anders
Spaces, eine meiner Lieblingsfunktionen, wurde offenbar kaum genutzt. Nur 5,5 Prozent der aktiven Mitglieder haben diese Funktion ausgereizt und rund 4 Prozent die sogenannten »Live-Ordner«. Ordner aktualisierten sich damit von selbst, zum Beispiel mit GitHubs Pull Requests.
Der CEO argumentierte, dass die App für die breite Masse wohl zu anders war. Es gab zu viel Neues und zu wenig Nutzen.
Gleichzeitig haben andere Browser viele Funktionen übernommen. Ein prominentes Beispiel ist Zen, das sich stark an Arc anlehnt. Aber auch die altbekannten Größen wie Firefox, Edge, Chrome, Vivaldi und Opera setzten ähnliche Ideen um. Chrome bietet inzwischen beispielsweise auch vertikale Tabs.
The Browser Company hat es jedoch geschafft, die vielen Funktionen und Designelemente so selbstverständlich zu verbinden, dass es sich weniger wie eine Software und viel mehr wie ein Wohnzimmer anfühlte.
Umso enttäuschter war ich, als ich von der Entscheidung von The Browser Company erfuhr, die Reißleine zu ziehen. Ihrem neuen Browser Dia habe ich nie eine faire Chance gegeben. Der neue Fokus auf KI konnte mich einfach nicht vom Sofa locken.
Vielleicht ändere ich das in Zukunft. Bis dahin: Mach's gut, Arc.

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