Meine Feel-Good-Serie ist »Scrubs«: Immer, wenn ich die Serie schaue, erzeugt das in mir ein wohlig warmes Gefühl (vermeintlich) besserer Zeiten. Der Look, das 4:3-Bild, die dezent übersättigten Farben: Das ist für mich Nostalgie. Ich bin mir sicher, ihr kennt das Gefühl mit eurer Lieblingsserie.
Stellt euch vor, ihr mochtet die Serie »College Fieber«, ein Ableger der Bill-Cosby-Show von 1987. Netflix hat sie ins Programm aufgenommen und ihr wollt es euch am Freitagabend mit wohliger Nostalgie gemütlich machen. Tee und Gummibärchen stehen bereit und ihr seid in Stimmung, in eine Zeitkapsel von vor fast 40 Jahren einzutauchen – und dann seht ihr das:
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Die Comedyserie hat ein Facelift mittels KI bekommen und das sieht man. Wenn ihr ein Netflix-Konto habt, könnt ihr euch selbst vom KI-Upscaling überzeugen. Doch nicht nur die Schrift ist ein Problem bei »College Fieber«.
- Haut sieht wächsern aus. Die Menschen in der Serie wirken unnatürlich glatt wie Wachsfiguren.
- Gebäude- und Klamottenstrukturen verschmelzen miteinander.
- Gesichter und Hände verziehen sich, weil die KI das Ursprungsmaterial falsch interpretiert. Das sieht einfach nur gruselig aus.
Was mich daran mit am meisten stört: All die Störfaktoren wären vermeidbar gewesen. Denn es geht auch ohne KI. Wir restaurieren alte Filme und Serien schließlich nicht erst seit gestern.
Warum kein echtes Upscaling?
Mich hätten die Gründe ja interessiert, wieso hier so offensichtlich auf KI gesetzt wurde. Ich habe eine Anfrage an den Streaming-Dienst geschickt, wurde aber an den Verleih der Serie verwiesen, der mir bisher noch nicht geantwortet hat. Daher bleibt mir nur, zu spekulieren. Ich würde aber mal aufs liebe Geld tippen.
Das Spin-off einer beliebten Serie wird immerhin vermutlich weniger Zuschauer anlocken als das Original. Demnach ist es kein Prestigeprojekt. Je weniger Arbeit es macht, desto günstiger.
Normalerweise werden alte Inhalte händisch hochskaliert, um sie für moderne Bildschirme anzupassen. Wenn das richtig gemacht wird, ist es ein subtiler und effektiver Weg, um Filme und Serien ein wenig besser aussehen zu lassen. Da hier aber Menschen beteiligt sind, kostet das natürlich eine Handvoll Dollar.
Ist das Rohmaterial noch vorhanden, kommt am Ende sogar ein richtig ansehnliches Ergebnis dabei heraus. Das hängt auch damit zusammen, wie alt ein Titel ist und wer die Rechte daran hält. Schaut euch aber beispielsweise Remaster alter Filme auf (4K-)Blu-ray wie »Alien« oder »2001: Odyssee im Weltraum« an. Die sind aufwändig restauriert, sehen nicht glattgelutscht oder unecht aus. Und das Beste: Das Feeling der Filme bleibt erhalten, trotz des Upscalings.
Im Falle digitaler Kopien sind die Qualitätssprünge deutlich geringer, aber auch hier holt ein Mensch mit seinem Computer mehr heraus als eine KI, die einfach übers Bild bügelt. Ich bin mir sicher, dass sich das in Zukunft ändern wird, aber dann bitte ohne verhunzte Bildqualität wie im Fall von »College Fieber«.
Schlimmer sind da nur »echte« KI-Filme:
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Next Stop Paris: KI-generierter Film bekommt einen der schlechtesten Trailer aller Zeiten
Mir ist außerdem wichtig zu betonen, dass die Schuld hier nicht bei Netflix liegt. Die Verantwortlichen (der Verleih Carsey-Werner) hinter der Serie haben sich für KI entschieden.
Einen Vorwurf muss sich Netflix allerdings gefallen lassen, nämlich, dass der Anbieter die verhunzte Serie dennoch zeigt – für zahlende Kunden. Mir geht es da nicht primär um torpedierte Nostalgie, sondern die Tatsache, dass zahlende Abonnenten hochwertige Produkte verdient haben, was hier nicht der Fall ist.
Die menschliche Komponente
Ich will den Einsatz von KI gar nicht generell verteufeln. Es gibt mittlerweile auch positive Beispiele, in denen die Künstliche Intelligenz das Ergebnis nicht verhunzt hat.
Ende Januar schrieb ich zum Beispiel über den Film »The Brutalist«. Im Drama wird während der Laufzeit immer wieder Ungarisch gesprochen, eine recht komplexe Sprache. Damit das im Original von der Aussprache passt, hat man sich entschieden, mit KI nachzuhelfen.
Hier kommen die richtigen Zutaten zusammen:
- Der Mann in der Nachbearbeitung ist selbst gebürtiger Ungar.
- Er hat KI bewusst an der richtigen Stelle vereinzelt eingesetzt, um die Aussprache authentischer klingen zu lassen.
- Einzelne Nachbearbeitungen hätten zu lange gedauert.
Am Ende ging »The Brutalist« mit drei Oscars (via Filmstarts) nach Hause; die KI hat dem Gewinn also keinen Abbruch getan.
Der Vergleich zu »College Fieber« drängt sich natürlich auf. Bei der Serie würde KI augenscheinlich möglichst kosteneffizient drübergeklatscht, bei »The Brutalist« mit Bedacht eingesetzt, um Barrieren aus dem Weg zu räumen.
An KI kommen wir nicht mehr vorbei. Im Artikel zu »The Brutalist« gehe ich noch weiter darauf ein, aber um es verkürzt zu sagen: KI ist ein Werkzeug.
Die Künstliche Intelligenz lieblos über einen Titel zu klatschen wie bei »College Fieber« ist nicht der richtige Weg; das Ergebnis sieht grauenvoll aus. Es gibt Möglichkeiten, alte Filme und Serien für moderne TVs anzupassen, die nutzen wir seit Jahren – doch die kosten natürlich Geld. Wenn man sich in der Postproduktion KI unbedingt verwenden möchte, dann bitte mit Bedacht, wie es bei »The Brutalist« der Fall ist.
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»Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität« - Wir busten mit einem Experten 5 Mythen zu KI
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KI muss als Werkzeug von uns mit Sinn und Verstand eingesetzt werden. Lieber mit dem Werkzeugschlüssel Schrauben nachziehen, damit alles sitzt, anstatt mit dem Vorschlaghammer draufzuhauen.
Ich bin bereit, mir Scrubs
in 4K und HDR anzuschauen, wenn KI und die Postproduktion das auch sind. Wenn ich allerdings unleserliche Schrift und ein Wachsfigurenkabinett bekomme, greife ich lieber zu meinen guten alten DVDs, und lebe mit der schlechteren Qualität. Meine Nostalgie für die Serie will ich mir durch Künstliche Intelligenz nämlich nicht nehmen lassen.








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