Path of Exile 2 wird seine Fans umhauen, aber (leider) auch nur die

Grinding Gear Games sind Meister der Geheimhaltung. Path of Exile 2 wird gewaltiger als ihr glaubt – aber nur dann, wenn ihr auch den ersten Teil mögt.

von Sascha Penzhorn,
11.05.2021 10:00 Uhr

Sascha Penzhorn hat mehr als 1.000 Euro für Mikrotransaktionen in Path of Exile ausgegeben. Er gehört damit genau zur Zielgruppe von Teil 2. Sascha Penzhorn hat mehr als 1.000 Euro für Mikrotransaktionen in Path of Exile ausgegeben. Er gehört damit genau zur Zielgruppe von Teil 2.

Mögt ihr Bühnenpräsentationen für Spiele, wo sich irgendwelche Anzüge, Promis und PR-Typen so richtig schön selbst feiern? Mit Aussagen wie: »16 times the detail!« Oder das berühmte: »It just works«.

Riesenshows mit unzähligen Versprechungen und aufwändig produzierte Live-Action-Trailer, die absolut null Gameplay vermitteln, dabei aber mehr gekostet haben, als ein Normalsterblicher in seinem ganzen Leben besitzen wird. Dann noch schön ein paar Typen im Publikum, die so laut bei jeder noch so kleinen Ankündigung jubeln und ausrasten, dass man sich schon irgendwie wundert, wie echt diese Begeisterung wirklich ist.

Nebenbei vielleicht noch ein paar Gameplay-Szenen, die irgendwie immer wesentlich geiler aussehen als das fertige Spiel, am liebsten mit gestellten Koop-Momenten, in denen bezahlte Schauspieler so richtig hart abfeiern, wie sie gemeinsam einen Boss umnieten.

Und dann war da noch die Ankündigung zu Path of Exile 2. Habt ihr die gesehen? Chris Wilson, Chef von Grinding Gear Games, steht ebenfalls auf einer Bühne, aber er ist sichtlich nervös, wirkt etwas verkrampft und überwältigt. Wie ein normaler Mensch halt, den man vor ein riesiges Publikum stellt. Aber er kämpft sich eisern durch die Präsentation und zeigt einen Trailer, in dem einfach nur Path of Exile 2 zu sehen ist, ohne Schnörkel, ohne Schauspieler, ohne teure Rendergrafiken.

Dann folgen Fakten: eine neue Kampagne 20 Jahre nach der Original-Story, neue Ascendancy-Klassen, neue Fähigkeiten wie Gestaltwandlung, Support-Links losgelöst von Ausrüstungsgegenständen, bessere Grafik, dieselbe Engine, dieselben Accounts, Fortschritte, Endgame, alles Bestehende bleibt erhalten. Oder anders formuliert: mehr von allem, ohne an der grundlegenden Formel viel zu verändern. Viel detaillierte Informationen gab es seither nicht, Grinding Gear Games hält sich sehr bedeckt.

Dennoch bin ich überzeugt davon, dass das Sequel verdammt gut wird - schon deshalb, weil Chris Wilson gerne tief stapelt und mit den richtig aufregenden Enthüllungen etwas länger wartet, um die Community später damit zu überraschen. Überhaupt bekommt es den wenigstens Entwicklern gut, frühzeitig Inhalte und Features anzukündigen, die am Ende überhaupt nicht geliefert werden - Grinding Gear Games vermeidet hier bewusst die Fehler der Konkurrenz.

Gleichzeitig machen die bisher bekannten Fakten aber auch ganz klar, dass sich Path of Exile 2 in erster Linie an bestehende Fans richtet und nicht darauf ausgelegt ist, Spieler für sich zu gewinnen, die bisher kein Interesse daran hatten. Ist das nicht eine verpasste Chance, wenn die Entwickler anscheinend völlig bewusst versäumen, hier mit einigen Anpassungen völlig neue Spieler ins Boot zu holen? Oder haben sie sich am Ende etwas dabei gedacht?

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Der Autor
Seit seinem ersten Abstecher nach Wraeclast im Jahr 2012 verbindet Sascha Penzhorn eine tiefe Hassliebe mit Path of Exile. Einerseits steht er unheimlich auf das wahnsinnig komplexe Charaktersystem mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten. Andererseits flucht er oft über die allerschwersten Endgame-Inhalte, die ganz bewusst nur den absoluten Top-Spielern vorbehalten sind. Je verlockender die Belohnung, desto größer das Risiko - Selbstüberschätzung und Gier sind der größte Feind im Spiel. In dieser extremen Form ist das im Genre einzigartig und spannend, bringt aber auch ein gewisses Frustpotenzial. Kaum ein anderes Spiel hat er über so viele Jahre so intensiv verfolgt. Und so schön der bekloppt riesige Talentbaum auch sein mag - dort nach einem großen Update über 100 Talentpunkte neu verteilen zu müssen, ist echt kein Spaß! Das wird mit Path of Exile 2 auch nicht einfacher.

Auch die Bosskämpfe in Path of Exile 2 werden von Anfang an komplexer, nicht einfacher. Auch die Bosskämpfe in Path of Exile 2 werden von Anfang an komplexer, nicht einfacher.

Hype? Eher nicht.

Das Gras in den Gameplay-Videos reagiert auf Einschläge und Spielerbewegungen. Abgeschossene Pfeile bleiben sichtbar in Objekten stecken. Die Animationen sind schön flüssig, die düsteren Gruft-Umgebungen und ein neuer, untoter Boss erinnern mich an Dark Souls 3. Wer bisher nicht mit dem fixierten Kamerawinkel in Path of Exile zurechtkam, wird hier natürlich auch nicht glücklich, aber das versteht sich von selbst - das hier ist für die Fans.

Starke Vereinfachungen, irgendeine Form der Entschlackung, eine Art Neubeginn, der neue Spieler anziehen soll, die nie mit dem Spiel warm wurden, sollte in Path of Exile 2 niemand erwarten. Ja, es sieht definitiv schicker aus, bietet eine völlig neue Kampagne und direkt in Skillgems eingebaute Support-Links. Es ist aber immer noch Path of Exile. Mit einem abartig großen passiven Talentbaum und ohne Auktionshaus, wie immer.