Ich bin vor einigen Jahren zu Podcasts gekommen, so wie ihr möglicherweise auch: True Crime – das war und ist ein riesiges Ding. Diese Mordgeschichten hatten es mir sofort angetan und ich habe mir diverse Folgen und Sendungen angehört.
Irgendwann hatte ich vom Thema allerdings genug und abonnierte andere Podcasts. Neben Technik- und Hifi- vor allem »Quatsch«-Podcasts wie »Baywatch Berlin« oder als Drei ???
-Fan auch einige Podcasts, in denen die Hörspiele besprochen werden.
Mein Hörverhalten hat sich in den vergangenen Jahren durch Podcasts massiv verändert. Früher liefen bei mir vor allem Musik oder Hörspiele – doch irgendwann dominierten nur noch Podcasts.
Der Umfang, den diese Inhalte im Alltag einnahmen, wurde größer und größer. Jegliche Momente der Stille überbrückte ich mit ihnen – beim Kochen, bei der Gartenarbeit, beim Duschen, beim Aufräumen, beim Einkaufen, bei Autofahrten oder vor dem Einschlafen.
Dauerbeschallung statt bewusstem Hören
Was mir irgendwann aber bewusst wurde: Offenbar nutze ich Podcasts inzwischen hauptsächlich, um ruhigen Momenten zu entkommen. Ich höre nämlich schon lange nicht mehr nicht aufmerksam zu.
Ich verfolge einzelne Folgen selten ganz und beispielsweise beim Duschen verstehe ich noch nicht einmal, worüber überhaupt gesprochen wird. Podcasts wurden für mich also zu einer reinen Hintergrundbeschallung.
Und damit bin ich offenbar auch nicht der Einzige. So veröffentlichte unter anderem das Hamburger Marktforschungsinstitut »Splendid Research« 2018 eine Studie, aus der herausging, dass knapp 50 Prozent der Deutschen Podcasts nur nebenbei hören. Sie taten dies unter anderem beim Putzen, Essen oder Heimwerken.
Paradox empfand ich bei genauerem Nachdenken über meinen Podcast-Konsum auch eines: Ich habe schon länger keine Drei ???
-Folge mehr gehört, aber ich höre täglich Podcasts, in denen irgendwelche Leute einzelne Hörspielfolgen besprechen.
Warum mache ich das? Was bringen mir meine Podcasts? Diese Hörspiel-Besprechungen beispielsweise bieten mir im Endeffekt keinerlei Mehrwert. Die Hörspiele hingegen schon, denn ich kann durch sie neue Geschichten kennenlernen und in eine andere Welt abtauchen. Das schaffen Podcasts nicht, zumindest bei mir.
Überdies stellte ich mir selbst die Frage: Muss ich jegliche Stille überbrücken? Kann ich die Ruhe nicht mehr ertragen? Will ich Gedanken unterdrücken, weil ich keine Lust habe, über irgendetwas – vielleicht auch Negatives – nachzudenken?
Meine Konsequenz: Ein Cut!
Ich war fast süchtig nach Dauerbeschallung geworden. Und oft hatte ich auch Angst, etwas zu verpassen, wenn ich nicht die neueste Folge einer Sendung direkt höre.
Daher entschloss ich mich zu einem harten Cut: Um gar nicht erst wieder in Versuchung zu kommen, lösche ich die Podcast-App von meinem Handy. Seit diesem Schritt sind mehrere Wochen vergangen und bislang fahre ich mit der Entscheidung gut.
Sie hat mehrere positive Folgen für mich:
- Gedanken und auch unbequemen Wahrheiten stelle ich mich bewusster und versuche sie in stillen Momenten zu verarbeiten, um sie abschließen zu können. Das funktioniert zwar nicht immer, aber insgesamt doch relativ gut.
- Ich genieße die ruhigen Momente bewusst und infolgedessen einfach nur das Hier und Jetzt.
- Ich höre wieder vermehrt Hörspiele sowie Hörbücher und tauche in die Geschichten ab.
Sich den eigenen Gedanken stellen
Ich denke nicht gerne über die unangenehmen Dinge des Leben nach. Doch wenn ich diese Gedanken dauerhaft mit Podcasts verdränge, trage ich sie umso länger mit mir herum. Wir wissen auch, dass Verdrängung im schlimmsten Fall sogar negative Auswirkungen auf die eigene Gesundheit haben kann.
Mir hat es geholfen, mich meinen mitunter auch dunklen Gedanken in ruhigen Momenten zu stellen. Denn einerseits ist es nicht nur wichtig, sich ihnen überhaupt zu stellen. Andererseits hat man so auch die Chance, sie schneller zu verarbeiten und dann eben auch abzuschließen.
Genauso kann es aber auch helfen, alltägliche Vorhaben oder Aufgaben gedanklich durchzugehen, statt sie vor sich herzuschieben; seien es Pläne für die nächste Urlaubsreise oder sonstiges.
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Den Moment genießen
Eine vermeintliche Kleinigkeit, die große Auswirkungen haben kann. Wie oft saß ich bei Sonnenschein im Garten, ohne meine Umgebung wirklich wahrzunehmen? Stattdessen blickte ich einfach nur in eine Richtung, war gedanklich aber bei der Besprechung einer Drei ???-Folge oder sonst wo.
Sich einfach mal in den Gartenstuhl zu setzen, die Sonne zu genießen und den Vögeln zuzuhören, kann schon einiges in einem selbst bewirken – und sei es ein einfaches Wohlgefühl für den Moment, weil es ein wunderschöner Frühlingstag ist.
In Geschichten abtauchen
Ich hatte schon angeschnitten, dass ich früher oft Hörspiele und Hörbücher hörte und vor allem Fan der Drei ???-Reihe bin. Ich nehme mir jetzt wieder mehr Zeit, um diese Art von Audioinhalten zu hören und in die Geschichten einzutauchen – das ist etwas Großartiges.
Natürlich muss man auch hier aufpassen, dass Hörspiel oder Hörbuch nicht auch zur Nebenbeibeschallung werden. Erzählte Geschichten bieten mir selbst aber gegenüber Podcasts oft einen deutlichen Mehrwert. Sie regen meine Fantasie an und ich kann in fremde Welten abtauchen, wie in einem Film.
Reflektierter Konsum
Durch dieses Selbstexperiment lerne ich also vor allem, dass das bewusste Auseinandersetzen mit dem Medienkonsum wichtig ist. In erster Linie geht es dabei darum, zu erkennen, was einem selbst gut- und was einem nicht guttut.
Ich halte es auch für wichtig, dem eigenen Gehirn gelegentlich mal eine Pause zu gönnen. Es bekommt gerade im digitalen Zeitalter ununterbrochen Impulse und hat stellenweise keine Zeit mehr, Dinge zu verarbeiten.
Ein kompletter Verzicht muss nicht sein
Was ich noch erwähnen möchte: Natürlich gibt es großartige Podcasts; unterhaltsame und jene, bei denen man etwas lernen kann. Wir alle hören anders und hören eben auch Podcasts anders.
Ihr müsst meinem Experiment also natürlich nicht folgen. Wenn ihr aber wie ich merkt, dass es eigentlich nur noch eine Beschallung ist – versucht doch einmal, auszubrechen – das kann befreiend sein.
Und noch etwas: Ich entsage den Podcasts nicht komplett. Ich höre beispielsweise noch immer gerne »Baywatch Berlin«. Allerdings mache ich das nicht mehr über meine Podcast-App, sondern gehe auf die Podcast-Webseite und höre mir die Folge bewusst und meist am PC an, damit ich auch wirklich zuhöre.
Wie steht ihr zu Podcasts? Könnt ihr meine Erfahrungen teilen oder seht ihr das Thema ganz anders? Konsumiert ihr die Inhalte bewusst oder ist es vielleicht, wie bei mir, vor allem eine Beschallung? Teilt mir eure Meinung gerne in den Kommentaren mit.
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