Smartwatches gehören für mich mittlerweile zu den spannendsten Gadgets überhaupt. Nicht weil sie schön aussehen, die Schritte genau zählen oder Smart-Home-Geräte steuern.
Verschiedene Hersteller und Forscher sorgen gerade im Gesundheitsbereich für eine vielversprechende Entwicklung, die in Zukunft die persönliche Lebensqualität erhalten oder potenziell sogar verbessern kann. Stichwort invasive Blutzuckermessung oder Früherkennung von Herzinsuffizienz.
Das Unternehmen Withings hat sich im Gesundheitsbereich breit aufgestellt und bietet verschiedene Geräte an, darunter auch Smartwatches wie die Scanwatch 2. Im kostenpflichtigen Premium-Abonnement ist ein neues Feature hinzugekommen, das für mich derzeit eine der spannendsten Funktionen darstellt.
Mit dem Cardio Check-up sende ich meine Gesundheitsdaten an einen Kardiologen, der sie innerhalb von 24 Stunden auswertet.
Hinweis zwecks Transparenz: Withings hat mir die Scanwatch 2 inklusive Premium-Abo für diesen Test kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine Verpflichtung für einen Testbericht bestand nicht. Der Hersteller wurde vor Erscheinen des Artikels nicht informiert und bekam keine Einsicht auf den Inhalt.
Schnellnavigation:
- Wie genau funktioniert Cardio Check-up und welche Rolle spielt das EKG?
- Das sind die Ergebnisse
- Vielversprechende Funktion für die Zukunft
- Es gibt bereits positive Entwicklungen
- Smartwatches: Die Balance ist entscheidend
Wie genau funktioniert Cardio Check-up und welche Rolle spielt das EKG?
Die Withings Scanwatch 2 ist eine Smartwatch, die sich hauptsächlich auf die Erfassung von Gesundheitsdaten konzentriert. Umfangreiche Details zur Uhr findet ihr in den folgenden zwei Artikeln:
- Withings ScanWatch 2: Die Smartwatch für alle, die keine Smartwatch haben wollen
- Ich bin von der Apple Watch zu einer der besten Smartwatch-Alternativen gewechselt – mein Fazit nach 60 Tagen
Die Smartwatch bietet unter anderem die Möglichkeit, ein EKG am Handgelenk durchzuführen. Dazu werden zwei Finger auf die Uhr gelegt und das Gerät misst die elektrische Aktivität des Herzens. Eine manuelle EKG-Messung macht vor allem dann Sinn, wenn die Scanwatch im Hintergrund (tagsüber oder im Schlaf) automatisch Anzeichen von Vorhofflimmern erkennt.
Sollte sich der Verdacht auf eine abnorme Herzfrequenz durch ein EKG vorläufig bestätigen, kann die Messung via Cardio Check-up in wenigen Schritten an einen Kardiologen in Deutschland geschickt werden, der mit Withings zusammenarbeitet und die Daten auswertet.
Was ist Vorhofflimmern?
Vorhofflimmern (AFib) ist die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen, bei der das Herz unregelmäßig und oftmals zu schnell schlägt. Ein wichtiger Aspekt des Vorhofflimmerns ist das erhöhte Schlaganfallrisiko durch die mögliche Bildung von Blutgerinnseln in den sogenannten Vorhöfen. Daher ist eine frühzeitige Erkennung und Behandlung von großer Wichtigkeit (Universitätsspital Zürich).
Wie genau ist ein EKG bei einer Smartwatch?
Die EKG-Funktion und die Erkennung von Vorhofflimmern sind unter anderem bei Withings klinisch validiert. Die Genauigkeit und Zuverlässigkeit des entsprechenden Geräts oder der Methode wurden in kontrollierten klinischen Studien überprüft und bestätigt.
- In der Studie wurden die Ergebnisse (laut Withings) mit einer anerkannten Referenzmethode, dem 12-Kanal-EKG, verglichen.
- Die Ergebnisse zeigen eine Sensitivität von 0,98 und eine Spezifität von 0,93. 98 von 100 Vorhofflimmer-Fällen werden also richtig erkannt. Die Untergrenze liegt hier bei 90, das heißt im ungünstigsten Fall werden mindestens 90 Prozent der Fälle richtig erkannt.
- Bei einer Spezifität von 0,93 erhalten 93 von 100 Gesunden ein korrektes negatives Ergebnis. Umgekehrt werden 7 Prozent fälschlicherweise als krank eingestuft. Hier liegt die Untergrenze laut Studie bei 0,84. Das heißt im schlechtesten Fall sind 84 Prozent der Ergebnisse korrekt falsch.
- Ein Fünftel der gesammelten Datensätze wurde vom Algorithmus als »nicht schlüssig« eingestuft. Ursachen hierfür sind schlechte Signalqualität oder Arrhythmien anderer Art.
Aufgrund dieser geprüften Zuverlässigkeit erhielt die ScanWatch 2 sowohl die CE-Zertifizierung in Europa als auch die FDA-Zulassung in den USA. Leider gibt es keine öffentlich zugängliche Studie mit genauen Teilnehmerzahlen.
Ausschlaggebend für die FDA-Zulassung sind jedoch nicht nur die Teilnehmerzahlen. Auch andere Faktoren wie die Qualität der Studie, die Ergebnisse sowie Datenanalyse sind von Bedeutung.
Neben Withings gibt es weitere Smartwatches, die eine EKG-Funktion inklusive Vorhofflimmererkennung integriert haben. Das beste Beispiel ist die Apple Watch, die ebenfalls klinisch validiert wurde.
In einer Studie mit 424.371 Personen zeigte die Apple-Smartwatch eine sehr hohe Genauigkeit bei der Erkennung von Vorhofflimmern.
Was ist ein 1-Kanal-EKG?
Ein 1-Kanal-EKG bei Smartwatches ist eine vereinfachte Form der Elektrokardiogramm-Messung. Die Ober- und Unterseite des Geräts dienen als Elektroden. Während die Unterseite Kontakt mit dem Arm hat, muss die Oberseite mit einem oder zwei Finger des anderen Arms berührt werden, um die Ableitung zu aktivieren (via Herzstiftung). Die Messung dauert in der Regel etwa 30 Sekunden.
Es ist weniger umfassend als ein 12-Kanal-EKG, das in Arztpraxen verwendet wird (Goldstandard). Außerdem können mit einem 1-Kanal-EKG Durchblutungsstörungen des Herzens wie Herzinfarkt oder koronare Herzkrankheit nicht erkannt werden.
Neben dem Verdacht auf Vorhofflimmern sind auch Hinweise auf Bradykardie (langsamer Herzschlag), Tachykardie (schneller Herzschlag) und andere Herzrhythmusstörungen möglich.
Wie lange dauert die Auswertung? Laut Withings erhält man innerhalb von 24 Stunden die Analyse eines Kardiologen aus Deutschland. Insgesamt sind vier Checks pro Jahr möglich.
Wichtiger Hinweis: Wie der Hersteller selbst mitteilt, sollte bei konkreten Symptomen oder Verdachtsmomenten ein Arzt aufgesucht werden. Selbst wenn die Daten einer Smartwatch relativ genau sind, ersetzen sie keinesfalls den »richtigen« Arztbesuch oder moderne Instrumente. Betrachtet solche Funktionen beziehungsweise Smartwatches nur als eine weitere Möglichkeit, solche Krankheiten potenziell frühzeitig zu erkennen.
Zudem kann die Smartwatch keinen Herzinfarkt erkennen.
Das sind die Ergebnisse
Für den Test habe ich mehrere EKGs mit der Smartwatch durchgeführt. Auf allen EKGs wurde ein »normaler Sinusrhythmus« angezeigt, also wählte ich einfach die letzte Messung aus.
Nach knapp einer Stunde erhielt ich die Benachrichtigung, dass ein Kardiologe meine Daten genauer angeschaut hat und die Auswertung in der App zur Verfügung steht.
- Die Untersuchung des Arztes ergab ebenfalls einen normalen Sinusrhythmus. Zusätzlich gibt es eine kurze Notiz des Arztes in der App.
- Weiter unten erfahre ich, was die Auswertung genau bedeutet und wie die Daten zu verstehen sind. In meinem Fall: »Mein Herz pumpt das Blut effizient durch den Körper«. Das bedeutet, dass das Herz in einem natürlichen Rhythmus arbeitet und keine auffälligen Herzrhythmusstörungen vorliegen.
- Scrolle ich weiter, erhalte ich die Analyse des Kardiologen mit Informationen zu Rhythmus, durchschnittlicher Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität und Schlüsselintervallen.
- Optional kann ich die Messung als PDF-Datei exportieren, um sie dem Arzt meines Vertrauens zu übergeben.
Insgesamt verlief der Prozess sehr verständlich, mit vielen Erklärungen und Transparenz bezüglich der Übermittlung meiner zu übertragenden Daten. Vor dem Absenden der Informationen zum Check-up stimme ich zu, dass die Daten für den jeweiligen Dienstleister einsehbar sind.
- Abschließend hinterlege ich meine E-Mail-Adresse und optional eine Telefonnummer, unter der mich der Arzt im Zweifelsfall erreichen kann.
- Verarbeitet werden Name, Gewicht, Größe und EKG-Daten. In Deutschland und Frankreich werden die Daten von der Firma DPV Analytics in Hamburg verarbeitet.
- Dort erfolgt auch die Auswertung durch einen Kardiologen.
Optional kann man Withings erlauben, die Daten an weitere klinische Partner zu senden. Dies ist jedoch nicht verpflichtend.
Eine vielversprechende Funktion für die Zukunft
Ob sich allein für diese Funktion das kostenpflichtige Abonnement von stolzen 10 Euro pro Monat (oder rund 100 Euro pro Jahr) lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Natürlich bietet der Hersteller noch einige weitere Vorteile.
Im Abonnement enthalten sind ...
- Cardio Check-Up: Bewertung der Herzgesundheit durch zertifizierte Kardiologen innerhalb von 24 Stunden. Mögliche Erkennung von Vorhofflimmern und weiteren Arrhythmien.
- Gesundheitsverbesserungsscore: Eine Bewertung, die alle gesammelten Health-Metriken zusammenfasst.
- Genauerer Einblick in Gesundheitsmetriken
- Zugang zu einer Bibliothek mit Rezepten, Artikeln und Workouts
- 6-Wochen-Kurse zu Themen wie Aktivität, Ernährung, Schlaf und Stressmanagement
- Tägliche Pläne mit Rezepten und Trainingsvorschlägen
- 2025 soll ein »KI-Begleiter« zur Unterstützung in die App integriert werden.
Für wen lohnt sich potenziell Withings+?
Das Premium-Abo bietet viele Inhalte rund um Ernährung, Fitness und die eigene Gesundheit. Wer Lust auf gut erklärte Texte zu diesen Themen hat und auf leckere Rezepte (abseits der bekannten Apps wie Chefkoch) zurückgreifen möchte (selbst getestet), für den kann sich der monatliche Preis lohnen.
Der Gesundheitsverbesserundscore und andere Indikatoren wie etwa das Fitness-Level können zum Sport und zu einem besseren Lebensstil motivieren. Aktivitäten fließen in die Ergebnisse mit ein, leider ist die Scanwatch 2 nur bedingt für den Sport geeignet, da man das Telefon für eine detaillierte Datenaufbereitung (etwa beim Joggen) immer dabei haben muss.
Die größte Stärke von Withings+ liegt meiner Meinung nach im Zusammenspiel mit den anderen Produkten des Okösystems, was gleichzeitig auch die größte Schwäche ist. Wie bei allen anderen Okösystemen ist man an einen Hersteller gebunden.
Tipp: Die Verbindung von der Withings-App zu Apple Health oder Health Connect von Google ist ebenfalls möglich.
In meinen Augen hat der Cardio Check-up einen großen Vorteil, den ich mir für die Zukunft in vielen weiteren Bereichen wünsche:
Verhältnismäßig schnell einen ersten Check von einem »echten« Arzt zu bekommen.
Jeder, der nicht privat versichert ist und schon einmal versucht hat, einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, weiß, wie lange man auf den ersten Termin warten muss. Ich spreche von vielen Monaten.
Darüber hinaus könnte eine solche Funktion, die auf Auffälligkeiten hinweist, die Menschen dazu motivieren, einen Termin für eine umfassende Untersuchung zu vereinbaren. Dies gilt insbesondere für Erkrankungen wie Vorhofflimmern, bei denen eine Früherkennung extrem wichtig ist (via Herzstiftung).
Aus meinem eigenen näheren Umfeld weiß ich (leider) zu gut, wie gerne sich Menschen vor Vorsorgeuntersuchungen drücken und dies im Nachhinein bereuen.
Nicht falsch verstehen: Ein solches Feature sollte nicht als Allheilmittel angepriesen werden und ich werde nicht müde zu betonen, dass es den Arztbesuch (in der Praxis) nicht ersetzen kann. Aber wenn wir mit kleinen Hilfsmitteln am Handgelenk potenziell die Chance erhöhen, schwere Krankheiten frühzeitig zu erkennen, wird sicherlich niemand etwas dagegen haben.
Wir stehen vermutlich noch am Anfang. Aber Withings zeigt schon heute, wie ein erster Check schnell, verständlich und unkompliziert ablaufen kann. Gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität könnten sich solche Versuche eines Tages auszahlen.
11:59
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Es gibt bereits positive Entwicklungen
Withings hat das Rad nicht komplett neu erfunden, das gehört zur Wahrheit dazu. Bei meinem Hautarzt um die Ecke gibt es bereits eine Online-Funktion, mit der der Arzt per Ferndiagnose einen ersten Check durchführen kann:
- Ich mache mehrere Fotos von den Auffälligkeiten auf meiner Haut und lade sie über ein Online-Portal hoch. Zusätzlich beschreibe ich die Symptome. Der Arzt (den ich sogar auswählen kann) schaut sich die Bilder an und teilt mir innerhalb von 48 Stunden seine erste Einschätzung mit.
- Die Ersteinschätzung enthält eine fachärztliche Diagnose und eine konkrete Empfehlung.
- Der Haken: Die Krankenkasse muss mitspielen und die Ferndiagnose bezahlen. Andernfalls werden einmalig rund 40 Euro fällig.
Auch in diesem Fall gilt: Das macht den Besuch in der Praxis nicht überflüssig, kann aber bei Unklarheiten das Gewissen beruhigen. Außerdem haben laut Google-Bewertungen Menschen mit dieser Funktion schneller einen Termin bekommen, weil die Dringlichkeit gegeben war.
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