Es gibt so verregnete Samstage, an denen ich früher aufwache als erwartet und in den grauen Morgenstunden durch die Wohnung geistere, auf der Suche nach einer Beschäftigung. Es war ein solcher Samstag, an dem ich Unpacking für mich entdeckte.
Ich habe mich einfach irgendwann aufs Sofa fallen lassen und einen Blick in den Game Pass geworfen. Meine Freundin hatte hier anscheinend zuletzt eben dieses Spiel gespielt. Und da ich eh nichts anderes zu tun hatte, wollte ich mir damit die Morgenstunden ein wenig vertreiben.
Fünf Stunden später sah ich den Abspann über den Bildschirm flimmern und wurde von zwei Emotionen gleichzeitig gepackt:
- Was für ein grandioses Spiel! Viel mehr als ein einfaches Puzzleabenteuer, sondern eine unverbrauchte Art, Geschichten zu erzählen.
- Wieso ist es denn jetzt schon vorbei? Ach, bestimmt gibt es noch DLCs und bald einen zweiten Teil. Ist ja auch auf Steam recht beliebt. Ihr macht doch einen zweiten Teil? Oder ... ?
Tja. Das alles ist jetzt sicherlich 12 Monate her und das Spiel auch schon fast vier Jahre alt. Doch von einem DLC fehlt nach wie vor jede Spur. Ein Nachfolger erscheint ebenfalls unwahrscheinlich. Aber lasst mich erstmal erklären, was Unpacking so grandios macht.
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Unpacking: Auspacksimulator zeigt beeindruckendes Audiodesign im Trailer
Alles an seinen Platz
Fangen wir beim offensichtlichen an. Viele Menschen, selbst die chaotischen, lieben es, für Ordnung zu sorgen. Dinge zu sortieren, Böden freizuräumen und Zimmer einzurichten. Zumindest in Form von Videospielen, wo man das alles mit ein paar wenigen Klick erledigt bekommt. Genau diese ureigene Motivation macht sich Unpacking zu eigen.
In jedem Level stehe ich vor der Herausforderung, nach einem Umzug einige Kisten auszuräumen und in den dafür gedachten Levelabschnitt zu verteilen. Dafür habe ich freie Wahl, sofern das Objekt an dem Ort einigermaßen Sinn ergibt. Einen Laptop kann ich also zum Beispiel auf ein Bett legen oder einen Schreibtisch, aber nicht unbedingt in die Küchenspüle.
Charmanter Bonus: Es gibt ein paar geheime Platzierungsoptionen, wie etwa das Tagebuch unter dem Kopfkissen. Atmosphärischer Bonus: Das Sounddesign ist grandios, da jedes der hunderten Objekte ein anderes Geräusch von sich gibt, abhängig davon, wo ich es hinstelle.
Letztlich müssen alle Objekte in der Wohnung einen Platz finden, bevor ich weiterziehen darf. Dafür kann ich oftmals im übrigen auch bereits vorahnende Objekte umschichten – je nach Wohnung. Das motiviert und motiviert und motiviert. Allein das namensgebende auspacken macht schon viel mehr Spaß, als es sollte.
Aber ihr denkt es euch sicher schon – das ist nicht der einzige Grund, wieso Unpacking so fasziniert.
Eine Lebensgeschichte
Theoretisch könnte man in Unpacking einfach von einer zufälligen Wohnung in die nächste hüpfen, Spaß würde das machen. Aber stattdessen verkörpere ich durchgehend dieselbe Person, und zwar eine junge Frau. Lustigerweise weiß man zu Beginn nicht zwangsweise, dass man eine Frau spielt und kann sie daher versehentlich auch Björn, Bruno oder Bratwurstbrutzler 300 nennen.
Ich packe zuerst Kisten in ihrem Kinderzimmer aus, dann in ihrer Studentenbutze und immer so weiter. Die Frau bekomme ich dabei bis zum Abspann kein einziges Mal wirklich zu sehen, außer auf ein paar winzigen, verschwommenen Fotos. Und trotzdem weiß ich irgendwann sehr genau, was für ein Mensch das eigentlich ist.
Ich erlebe nur durch ihre Besitztümer, was ihre Hobbys sind, wo sie arbeitet und wie ihr Leben so verläuft. Es ist schlichtweg brillant, wie dieses Spiel mir subtil vermittelt, was im Leben dieser Frau gerade los ist und sogar, mit was für Menschen sie sich umgibt. Mein Favorit? Folgende Wohnung:
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Irgendwann zieht meine Spielfigur zu ihrem Freund. Wir müssen zu diesem Punkt die bereits eingerichtete Wohnung des Freundes derart umräumen, dass unsere eigenen Gegenstände einen Platz finden. Allein das kalte Design der Wohnung, die Gegenstände des Freundes und der subtile Fakt, dass dieser sich wenig Mühe dabei gibt, selbständig Platz zu schaffen, deutet daraufhin: Dieser Typ ist ein Arsch – oder zumindest ganz anders als meine Spielfigur.
Dass ich dann auch noch mein Diplom nirgendwo anders parken kann als überm Klo oder unterm Bett, fühlt sich wie ein Tritt in den Magen an.
Fantastisches Konzept! Ich könnte auf diese Art noch Dutzende weitere Leben durchleuchten und mich daran erfreuen. Aber nun ja, bislang kann ich das nicht.
Kein Nachfolger in Sicht
Obwohl dieses simple Konzept sich theoretisch schier endlos erweitern lässt, hat das Entwicklungsstudio mit Unpacking abgeschlossen. Das Studio stammt aus Australien und besteht, wie ihr euch denken könnt, aus einer handvoll Leute. Dass sich Unpacking über eine Million mal verkauft hat und übrigens auch im Game Pass steckt, war für ein so kleines Team ein wahrer finanzieller Glücksfall.
Trotzdem bleiben sie bescheiden, wollen nicht zu groß werden und entwickeln weiter kleine Spiele. Vor allem wollen sie sich kreativ mit anderen Dingen beschäftigen – im April erschien ihr neues Spiel Tempopo. Für sie ist die Geschichte von Unpacking auserzählt.
Es ist eine erfrischende Herangehensweise und deshalb bewundernswert – aber gemessen an den nicht existenten Spielerzahlen von Tempopo (derzeit spielen das wirklich 0 Leute gleichzeitig), wirkt das in meinen Augen auch nicht so richtig erfüllend.
Vielleicht stimmt das ja doch noch zum Umdenken und Unpacking 2 ist näher als ich dachte. Aber seit diesem regnerischen Samstag macht es mich vollkommen kirre, dass ich dieses Kleinod nicht nochmal erleben kann. Wenigstens kann ich euch dazu raten – in dem vollen Bewusstsein, dass ihr euch dann genau so verzweifelt nach einem Nachfolger sehnt. Ätschibätsch.
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