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Ultimate Fishing Simulator – Erst gähnte ich, dann hing ich am Haken

Ausgerechnet ein Angel-Simulator brachte mir ein Stück Kindheit zurück. Empfehlen kann ich diese meditative Erfahrung dennoch nur bedingt.

von Sören Diedrich,
16.10.2021 13:45 Uhr

Bodo Barsch kann das Glück nicht mehr von seinem Antlitz verbannen, nachdem er diesen Fang aus dem See gezogen hat. Bodo Barsch kann das Glück nicht mehr von seinem Antlitz verbannen, nachdem er diesen Fang aus dem See gezogen hat.

Als Kind bin ich an den Wochenenden oft mit meinem Vater angeln gegangen. Das hat zu den wenigen Momenten gehört, in denen ich ungestört Zeit mit ihm verbringen konnte. Deshalb habe ich auch immer meine schwer interessierte Miene aufgesetzt, wenn er mir alles über Wobbler, Affenkletterer und Birnenblei erzählte, oder mich den fies stinkenden Forellenteig kneten ließ.

Doch das Angeln selbst machte mir nie Spaß. Stundenlang in der Kälte sitzen, auf die triste Wasseroberfläche starren und die von daheim mitgebrachten Stullen essen? Für mich fast so schlimm wie eine Doppelstunde Schulsport …

Entsprechend skeptisch bin ich zunächst virtuellen Angel-Simulatoren gegenüber gewesen. Würde mich vor dem Bildschirm sitzend der Tod durch Langeweile ereilen? Doch dann schlucke ich den Köder und schaue mir den Ultimate Fishing Simulator genauer an. Ein paar Spielstunden später muss ich sagen: Nicht schlecht, Herr Hecht!

Ultimate Fishing Simulator - Launch-Trailer zeigt euch, wie man virtuell entspannt 1:00 Ultimate Fishing Simulator - Launch-Trailer zeigt euch, wie man virtuell entspannt

Das Rundum-Sorglos-Paket für Angelfreunde

Entwickler: Bit Golem | Release: 30. August 2018 | Genre: Simulation | Preis: 20 Euro (Grundspiel)

Angeln wirkt erstmal wie etwas, das man sehr einfach in der Realität betreiben kann. Aber habt ihr schon mal probiert, in der zubetonierten Innenstadt ein lauschiges Gewässer zu finden, in dem ihr etwas anderes an Land ziehen könnt außer Plastiktüten und Bierflaschen?

Der Ultimate Fishing Simulator hat also definitiv seine Zielgruppe. Das Spiel bietet euch bereits in der Standardvariante ein umfangreiches Paket, kann aber noch durch zahlreiche DLCs erweitert werden, etwa um zusätzliche Angelplätze und neue Fischarten. Wer es noch immersiver mag, rüstet eine VR-Funktion nach.

Apropos Zielgruppe: Auf Steam kommt der Ultimate Fishing Simulator nach knapp 3.900 Bewertungen auf ein „sehr positives“ Standing bei den Käufern. Was kann da noch schiefgehen? Ich hole also den Kescher aus dem Keller, schmiere mir ein paar Stullen und gebe dem virtuellen Angelerlebnis in Form meines Alter Egos Bodo Barsch eine Chance.

Ihr haltet eine Angel-Simulation für absurd? Dann schaut auch unbedingt mal in unsere Liste der verrücktesten Simulatoren auf Steam rein und lasst euch eines Besseren belehren:

Die absurdesten Simulatoren auf Steam   38     8

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Mir fehlt der Dorschblick

Doch gleich zu Beginn trifft mich der Schlag – oder besser gesagt die Textwüste. Denn das Spiel bietet leider keine Video-Tutorials oder bringt mir die Grundlagen spielerisch bei, sondern präsentiert direkt zum Start erst mal ein umfangreiches Lexikon über alle Aspekte des Gameplays.

Als ehemaliger Profiangler möchte ich aber sofort an den See und Fische an Land ziehen, weshalb ich sämtliche Textfenster schließe und mich direkt ins Geschehen stürze. Einen kurzen Ladebildschirm später stehe ich allein mit meiner Angelrute an einem kleinen Gewässer und merke sofort: Ich habe keinen Plan, was zu tun ist.

Beim ersten Spielstart präsentiert mir das Spiel dieses umfangreiche Lexikon. Beim ersten Spielstart präsentiert mir das Spiel dieses umfangreiche Lexikon.

Mit einem instinktiven Linksklick hole ich zum Wurf aus. Ich höre das vertraute Geräusch der schnell abrollenden Angelschnur, gefolgt von einem Platschen, als der Köder auf die Wasseroberfläche trifft. Dann warte ich. Und warte. Zeit genug, mir via Smartphone doch noch mal die grundlegende Steuerung anzueignen.

Gerade rechtzeitig, denn plötzlich zuckt die Spitze meiner Rute stark nach unten – das muss ein großer Brocken sein! Mit der rechten Maustaste starte ich den Kampf Mensch gegen Tier. Ich muss die Angelschnur kontrolliert einholen – nicht zu schnell, aber auch nicht zu lasch. Eine Anzeige in der unteren Bildschirmmitte hilft mir dabei, das richtige Maß zu finden.

Doch der erste Fisch entwischt mir schon nach wenigen Sekunden. Dennoch habe ich Blut geleckt. Ich werfe erneut aus, diesmal beobachte ich das Geschehen mit Argusaugen. Der nächste Biss, wieder geht das Spiel von vorne los, wieder ohne Erfolg. Beim dritten Mal das gleiche Ergebnis. Frust überkommt mich. Ach man, leck mich doch am Barsch!

Plötzlich hänge ich am Haken

Missmutig lese ich mir noch einmal die Steuerung durch. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die Bremse! Ich muss die Bremse kontrolliert justieren, um den Fisch zu ermüden, ohne dass mir die Schnur ständig reißt. Beseelt von neuer Hoffnung ziehe ich mir die Angelmütze tief ins Gesicht und starte einen neuen Versuch.

Eine halbe Stunde später könnte das Erfolgserlebnis kaum größer sein. Zahlreiche Kiementräger sind mir ins Netz gegangen und haben meinen Charakter bereits zwei Level aufsteigen lassen. Level? Ja, richtig gelesen! Denn für einen Fang bekomme ich nicht nur Geld, das ich in bessere Ausrüstung wie Angelruten, Köder wie Wobbler oder Spinner, Rollen und anderes Equipment investieren kann, sondern auch Erfahrungspunkte.

Im Shop kann ich das mühsam verdiente Geld in noch bessere Ausstattung investieren, etwa diese schicke Rute! Im Shop kann ich das mühsam verdiente Geld in noch bessere Ausstattung investieren, etwa diese schicke Rute!

Diese EP ermöglichen es mir, besondere Gameplay-Vorteile freizuschalten. Darunter fallen zum Beispiel eine erhöhte Reichweite beim Auswerfen, reduzierte Preise im Shop oder ein praktischer Bohrer, mit dessen Hilfe ich Löcher fürs Eisfischen kreiere.

Außerdem erhalte ich mit höheren Erfahrungsstufen auch Zugang zu neuen und anspruchsvolleren Schauplätzen, etwa Stauseen, ein Sumpfland oder gar das weite Meer vor der Küste Panamas. Für genügend optische Abwechslung und neue Fischarten ist also gesorgt.

Eine Suchtwirkung entsteht, plötzlich möchte ich unbedingt weiter im Level aufsteigen und größere Fische fangen. Während ich mich vor dem Bildschirm lauthals über meinen Fund freue, geht meine Frau kopfschüttelnd zu Bett.

Man, das ist aber ein dicker Fisch!

Vor allem im späteren Spielverlauf und an den anspruchsvolleren Schauplätzen hüpfen mir immer größere und seltenere Exemplare in den Kescher. Leider bin ich aber mutterseelenallein und kann nicht mit meinen prachtvollen Schuppenträgern angeben.

In dieser beschaulichen Blockhütte empfängt Bodo Barsch gerne Gäste, um mit seinen, ähem, enorm großen Fischen anzugeben. In dieser beschaulichen Blockhütte empfängt Bodo Barsch gerne Gäste, um mit seinen, ähem, enorm großen Fischen anzugeben.

Das ist aber kein Problem, denn ich kann über das Hauptmenü jederzeit meine gemütliche Blockhütte aufsuchen, wo nicht nur ein knisternder Kamin auf meine durchnässten Glieder wartet, sondern auch meine bisherigen Rekordfänge an den Wänden ausgestellt werden. Mein 3,8 kg Karpfen beeindruckt bei der nächsten Party sicherlich die Gäste, wenn ich sie vor dem PC versammelt habe!

Wenn mich doch mal die Einsamkeit überkommt und ich den Drang nach Gesellschaft verspüre, darf ich das Spiel auch online mit Freunden oder fremden Angelgenossen spielen. Entweder setzen wir uns einfach friedlich nebeneinander und üben uns in gekonntem Schweigen. Oder wir veranstalten ein Turnier, um herauszufinden, wer der einzig wahre Fischflüsterer ist.

Ich bin wieder Kind

Das Spiel schafft etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte: Es entschleunigt mich. Ich bin gezwungen, zu warten – und das ist nicht unbedingt meine Spezialität. Doch während ich anfangs noch ungeduldig auf die Angelrute starre, schweift mein Bick irgendwann über die Szenerie. Ich beobachte das sich kräuselnde Wasser, die Baumgruppe am gegenüberliegenden Ufer und die Vögel am Himmel. Wie früher, als ich mit meinem Vater am See gesessen bin - doch als Erwachsener weiß ich diese Ruhe nun zu schätzen. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass es bereits nach Mitternacht ist.

Ultimate Fishing Simulator - Screenshots aus der Angel-Sim ansehen

Mein Erfahrungsbericht klingt bis jetzt wie eine glasklare Empfehlung an euch, den Ultimate Fishing Simulator unbedingt selbst auszuprobieren. Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Denn das Spiel hat zum einen ein paar unübersehbare Schwächen, und dann wäre da zum anderen noch die Sache mit der persönlichen Einstellung zum Thema Angeln.

Das wohl größte Manko des Spiels ist die Technik. Ihr dürft grafisch keine Augenweide erwarten. Die Landschaft ist simpel gehalten, die Vegetation detailarm und die Texturen oftmals verwaschen und eintönig. Einzig das Wasser sieht top aus und rettet dadurch das Gesamtbild ein wenig. Vor allem auf dem Meer wirkt der Wellengang äußerst realistisch.

Der Spielspaß steht und fällt aber nicht nur mit eurer Akzeptanz für altbackene Grafik, sondern auch mit eurer eigenen Einstellung. Wenn ihr gerne angelt oder zumindest biografische Bezugspunkte wie ich habt, kann das Spiel euch eine interessante Erfahrung bieten. Solltet ihr jedoch nichts mit der Thematik anfangen können, wird kein Fisch der Welt euer Herz erobern können.

Unser Herz erobern konnten andere Simulatoren übrigens sehr wohl - wobei wir einige von ihnen dann auch lieber ganz schnell wieder vergessen würden. Welche besonderen Spieleperlen unsere Redakteure sich noch erinnern, erzählen sie in unserem GameStar-Podcast:

Link zum Podcast-Inhalt

Aber zurück zum Fishing Simulator: In anderen Genre-Vertretern könnt ihr immerhin auch Spaß haben, selbst wenn ihr euch nicht wirklich für das Setting interessiert. Entweder, weil das Gameplay facettenreich ist, wie beim Landwirtschafts Simulator, oder schon so abstrus, dass die Lacher von ganz allein kommen, wie beim Goat Simulator.

Beides ist bei Ultimate Fishing nicht der Fall. Ihr verschafft euch zwar neue Ausrüstung und jeder Schauplatz ist zumindest beim ersten Besuch noch unbekannt. Recht schnell wird einem aber bewusst, das man im Grunde immer nur drei, vier unterschiedliche Aktionen ausführt. Hier ist die Affinität zum Angeln einfach das A und O, damit ihr auch dann noch Spaß am gemächlichen und sehr montonen Spielablauf habt, wenn alle Stullen verspeist sind.

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