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Stand der Gewaltmedienforschung - Eindeutig uneindeutig

Es könnte so einfach sein. Wer viel Blut im Fernsehen sieht und am PC vorzugsweise Menschen mit Kettensägen zerteilt, der wird zum gewissenlosen Gewalttäter. Viele Medienforscher versuchen seit Jahrzehnten, die Wirkung von Gewaltmedien zu ergründen. Ihre bisherigen Untersuchungen kommen zu einem ganz konkreten Schluss, dennoch werden sie immer wieder unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Die Gründe dafür liegen an vielen Missverständnissen – und an den Wirkungsstudien selbst.

von Martin Dietrich,
23.09.2017 08:00 Uhr

Wer verstehen will, ob Spiele gewalttätiger machen, muss die Studien verstehen, die das erforschen. Wer verstehen will, ob Spiele gewalttätiger machen, muss die Studien verstehen, die das erforschen.

Wer sich die Fachliteratur zur Wirkung von gewalthaltigen Medien anschaut, der findet für jede Meinung die passenden Untersuchungen und Zitate. Von groß angelegten Befragungsstudien, die seit den 60er-Jahren laufen, bis zu Experimenten mit kleinen Beobachtungsgruppen. Der Großteil dieser Untersuchungen zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Nutzung von Gewaltmedien und einer gesteigerten Aggression.

Wer gewalthaltige Filme schaut und Spiele spielt, neigt auch selbst mehr zur Gewalt. Das belegen viele Meta-Analysen, also Studien über Studien, die sich den Forschungsstand anschauen und zusammenfassen (darunter Anderson 2010, Kunczik 2014, Sherry 2001). Ist die Diskussion damit beendet?

Im Gegenteil, sie beginnt gerade erst! Wenn die meisten Studien völlig falsch an das Thema herangehen und die Wirkung von Gewaltmedien überschätzen, bringen nämlich die besten Zusammenfassungen nichts. Wer verstehen will, ob uns Filme oder Videospiele gewalttätiger machen, muss die Studien verstehen - mit all ihren Schwächen und Stärken.

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Amüsante Vorwürfe

"Die pauschale Behauptung, Mediengewalt habe keine Wirkung, ist absurd, weil sie gegen den ganzen Forschungsstand seit 20 Jahren spricht."

  • Dr. Werner Hopf, Psychologe

Die Geschichte der Medienwirkungen war schon immer eine voller Vorwürfe und amüsanter Anekdoten. Jeder hantiert täglich mit Medien und es braucht keine Wissenschaft, um diese zu verstehen. Ein Medienexperte kann scheinbar jeder werden, und eine simple These über die Wirkung von Medien ist schnell hinaus gebrüllt.

1911 sah der Theologe Adolf Sellmann während der Generalversammlung des Westdeutschen Sittlichkeitsvereins den Untergang des Dichter-und Denkerlandes voraus, denn er hatte Stummfilme gesehen: »Wer befreit uns nun von diesem Hampelmann-Humor der Kinos? Auf die Dauer ist dieser Humor nicht harmlos, er macht oberflächlich, gedankenarm, gefühlsroh.«

In den 50er-Jahren wurde in den USA die »National Association for Better Radio and Television« gegründet, die in Fernsehinhalten eine Bedrohung für Kinder und die ganze Nation sahen. Sie bewertete Fernsehshows nach moralischen und sozialen Idealen und auf den möglichen Einfluss auf die emotionale und intellektuelle Entwicklung eines Kindes. Die Forschung an den Effekten von Medienkonsum ist daher schon lange eine Anlaufstelle für panische Kulturpessimisten.

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