Vor einigen Wochen haben wir eine beeindruckende Geschichte geteilt: die Fotografin Angel Fux verbrachte eine eisige Nacht in den Alpen, um eines der imposantesten Astrofotos aller Zeiten zu schießen.
Sowohl bei uns als auch in der internationalen Berichterstattung gab es reichlich Lob und Anerkennung für die Fotografin, aber nicht ausschließlich. Das Werk sei kein echtes Foto, sondern »Photoshop«, merkt ein Leser in unseren Kommentaren an.
Bei der Astrofotografie kann man nicht einfach eine Kamera in den Nachthimmel halten und erwarten, die Milchstraße in ihrer vollen Pracht aufzunehmen. Es sind viele Hilfsmittel, Techniken, Gadgets und eben aufwendige Nachbearbeitung nötig, um das Licht des Weltalls für uns sichtbar zu machen.
Ist das Werk von Angel Fux also kein »echtes Foto«?
Was ist wirklich kein echtes Foto?
Der Duden definiert den Begriff »Fotografie« folgendermaßen: »Verfahren zur Herstellung dauerhafter, durch elektromagnetische Strahlen oder Licht, erzeugter Bilder«.
Gehen wir von dieser Beschreibung aus, kommen wir der Antwort auf unsere Frage einen Schritt näher (wenn auch die Befolgung der Duden-Definitionen eine Frage der individuellen Philosophie ist).
Lasst uns trotzdem einen Schritt zurück machen und zuerst eine andere Frage beantworten: Was ist definitiv kein echtes Foto?
Schaut euch die folgenden Bilder an:
Ist es euch aufgefallen? Diese drei Fotos sehen zwar auf den ersten Blick nach gewöhnlichen Schnappschüssen aus, sie sind aber vollständig mit Google Gemini KI-generiert.
Bei keinem dieser Bilder wurde das echte Licht unserer Welt sichtbar gemacht – es wurde künstlich nachgestellt.
Die KI ist zwar in der Lage, diese Bilder zu generieren, weil sie mit echten Fotografien trainiert wurde, aber sie wendet hier nur das Gelernte an, um daraus Lichtbilder zu formen, die in der realen Welt nie existiert haben.
Halten wir fest: vollständig KI-generierte Bilder sind keine echten Fotos.
Was ist hiermit?
Was ihr hier seht, ist nicht das Foto eines Sportwagens, sondern ein Screenshot von Cyberpunk 2077 mit einer ultra-realistischen Ray-Tracing-Mod.
Moderne Grafikkarten können das Licht in Spielen inzwischen so realitätsnah simulieren, dass sie – vor allem als Standbild – kaum von echten Fotos zu unterscheiden sind.
Die virtuellen Kameras und Lichtquellen ahmen die Lichtstrahlen, Reflexionen und Schatten nach, wie sie sich auch in unserer Welt verhalten würden – doch Night City ist nicht in unserer Welt.
CGI-Bilder (Computer generated Images) sind auch keine echten Fotos.
Ein besonderes Beispiel haben wir noch für euch:
»John’s Diner« ist auch kein echtes Foto, aber hier hat kein Computer seine digitalen Hände im Spiel. Hierbei handelt es sich um eine beeindruckende fotorealistische Malerei von John Baeder, die er 2007 anfertigte.
Fotografie bedeutet rein sprachlich »Zeichnen mit Licht« (phos = Licht, graphein = zeichnen) – und das Licht war hier nicht das Werkzeug von Baeder. Seine Malerei ist kein Abdruck der Realität, sondern eine Übersetzung dieser mithilfe von Pinseln und Farben.
Sein Diner ist also kein Fußabdruck der Realität, sondern eine sehr präzise Behauptung dieser.
KI-generierte Fotos, hochmoderne Grafik-Technologien und das Genre der fotorealistischen Malerei sind Beweise dafür, dass das rein Visuelle kein Foto definiert – egal, wie realistisch es aussehen mag.
Jetzt kommt die große Überraschung: Echte Fotos werden nicht durch ihren Realismus definiert.
Echte Fotos, die so in der realen Welt nicht sichtbar sind
Gehen wir wieder ein paar Schritte nach vorn, zu Bildern, die von vielen Menschen als echt anerkannt werden, aber so nicht in der realen Welt sichtbar sind.
Kameras halten nicht nur Momente fest. Sie machen die Zeit und Veränderungen für uns sichtbar.
Schaut euch dafür das folgende Foto an:
So sieht der Nachthimmel, wie wir ihn kennen, nicht aus und trotzdem handelt es sich hierbei definitionsgemäß um eine Fotografie.
Was ihr hier seht, ist eine sogenannte Langzeitbelichtung. Die Kamera belichtet den eingelegten Film oder den digitalen Sensor über eine längere Zeit; so verschwimmen Veränderungen während der Aufnahme ineinander.
Eine Langzeitbelichtung wie diese macht die Rotation der Erde für uns auf einem Foto sichtbar – die Sterne verwischen zu Streifen.
Eine Fotografie kann auch eine Perspektive zeigen, die für unser Auge unmöglich wäre, wie etwa eine 360-Grad-Panorama-Aufnahme:
Bei so einem Foto werden zahlreiche Aufnahmen von einem einzigen Ort in verschiedenen Winkeln aufgenommen, um die gesamte 360-Grad-Umgebung abzubilden. Die Fotos werden dann entweder von Hand oder mit Computer-Algorithmen nahtlos zusammengefügt (das kann heute fast jedes Handy).
Am Ende entsteht eine Fotografie, die genau wie die Langzeitbelichtung aus mehreren Momenten – aus mehreren Fotos – besteht.
Das Panoramafoto von Stanislau zeigt unsere echte Welt, obwohl wir diesen Ort niemals so sehen werden.
Die Anfänge der Fotografie sind der perfekte Beweis für diesen Umstand: Unsere Welt ist nicht monochrom.
Vor vielen Jahren waren alle echten Fotos monochrom, weil es nicht anders ging. Die ersten fotografischen Filme konnten lediglich die Nuancen zwischen Licht und Schatten festhalten. Heute ist das Fotografieren ohne Farben eine bewusste künstlerische Entscheidung.
Wenn wir ein Schwarz-Weiß-Foto als echt akzeptieren, obwohl es uns die Farben raubt, die wir mit eigenen Augen sehen können – warum sollte dann ein Bild nicht echt sein, das uns Farben zeigt, für die unser Auge einfach nur zu schwach ist?
Wie etwa beim Foto von Angel Fux.
Wo befindet sich die Triple-Arch in diesem Spektrum?
Das Foto von Angel Fux kombiniert viele Elemente, die wir bis zu diesem Punkt besprochen haben.
Langzeitbelichtung: Um genügend Informationen zu sammeln, musste der Nachthimmel mehrmals mit längeren Belichtungszeiten fotografiert werden. Angel hat einen Stativkopf mit Sterne-Tracking verwendet, damit die Sterne nicht zu Streifen verwischen.
Panorama: Auf dem Foto sind zwei Seiten der Milchstraße gleichzeitig sichtbar, die niemals simultan am Himmel beobachtbar sind – zumindest nicht in einem einzigen Moment. An diesem Tag war es möglich, von Angels Standpunkt aus beide Seiten in einer einzigen Nacht zu fotografieren. Diese Fotos mussten dann zu einem 360-Grad-Panorama zusammengefügt werden.
Digitale Nachbearbeitung: Um die vielen Lichter und vor allem den dritten Bogen auf dem Foto, den schwach leuchtenden »Gegenschein«, sichtbar zu machen, war eine intensive digitale Nachbearbeitung notwendig. Das Sichtbarmachen von Informationen invalidiert nicht die Echtheit des eingefangenen Lichtes. Programme wie Photoshop werden hier nicht als Malwerkzeug verwendet, sondern als Verstärker.
Passend zum Thema: Gegen die Physik hilft kein Update: Warum Handys niemals an Kameras heranreichen
Fotos sind keine Spiegel der Realität
Wer also behauptet, das Werk von Angel Fux sei kein echtes Foto, sondern nur Photoshop, sitzt einem romantischen, aber falschen Mythos auf. Der Mythos, dass eine Kamera ein objektiver Spiegel der Realität sein muss.
Doch das war die Fotografie noch nie. Seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert ist jedes Foto das Produkt von Entscheidungen: Welchen Ausschnitt wählen wir? Wie lange belichten wir? Welche Farben lassen wir weg? Wo wollen wir mehr und wo weniger Kontrast?
Photoshop ist in diesem Prozess nicht zwingend das Werkzeug eines Betrügers, sondern lediglich die moderne Dunkelkammer. Es erfindet keine Pixel (es sei denn, ihr nutzt die Funktionen mit generativer KI).
Am Ende stellt uns die moderne Fotografie vor eine fast schon philosophische Frage: Was ist realer?
Ist es das, was unsere biologisch limitierten Augen im Dunkeln der Nacht sehen – nämlich ein paar blasse, graue Punkte an einem schwarzen Himmel? Oder ist es das, was ein Kamerasensor über Stunden hinweg an real existierenden Lichtteilchen sammelt und uns mithilfe moderner Software sichtbar macht?
Angel Fux hat keine Realität erfunden. Sie hat uns eine Brille geliehen, um das Universum so zu sehen, wie es sich vor unseren Augen versteckt. Und genau das macht ihr Werk nicht nur zu einem echten Foto – sondern zu einem verdammt guten.

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