Wer braucht die Steam Machine? - Falscher Dampfer

Half-Life, Steam, Dota 2 – alles, was Valve anfasst, wird zu Gold. Mit dem halbgaren Spiele-PC-Standard »Steam Machine« könnte die Erfolgsserie enden, fürchtet Heinrich Lenhardt.

von Heinrich Lenhardt,
23.10.2015 12:00 Uhr

Draußen weht ein ungemütlicher Herbstwind, die Kirchturmuhr schlägt Mitternacht. Ideale Bedingungen, um den Friedhof der Spielsysteme einen Besuch abzustatten. Da steht man schaudernd vor den Grabsteinen von IBM PC jr. oder Commodore CDTV und zupft nervös an der Knoblauchkette, die man sich sicherheitshalber um den Hals geschlungen hat.

Am furchteinflößendsten sind die Systemfamilien-Massengräber, in denen Geräte verschiedener Hersteller liegen. Egal ob japanische Heimcomputer-Plattform MSX oder Trip Hawkins CD-Konsolenversuch 3DO: Standards für Spiele-Hardware pflegen eine kurze Lebensdauer zu haben. Da hinten, im Licht des Vollmonds, wird sicherheitshalber bereits eine Grube für die Steam Machines gebaggert.

Guter Preorder-Einstand: Steam Machines ausverkauft

Der Autor
Heinrich Lenhardt (50) ist seit 1984 als Spieleberichterstatter tätig und war schon bei der GameStar-Erstausgabe im Autorenteam. Er konzipierte und leitete eine Reihe von Spiele-Zeitschriften, darunter Power Play (1987), Video Games (1991), PC Player (1992), Buffed-Magazin (2007) und Chip Power Play (2012). Heute arbeitet er im kanadischen Vancouver als freier Journalist, mehr von ihm zu lesen gibt's auf GameStar Plus - zum Beispiel über die Silberhochzeit von Monkey Island und das schockierende Creature Shock.

Steam Controller - Innovativ, aber gewöhnungsbedürftig 24:05 Steam Controller - Innovativ, aber gewöhnungsbedürftig

Alles, nur nicht Gordon

Unser Autor beim Wohnzimmer-Einsatz: Der Steam Controller gefällt, doch das PC-Spielen von der Couch ist nicht ohne Tücken.Unser Autor beim Wohnzimmer-Einsatz: Der Steam Controller gefällt, doch das PC-Spielen von der Couch ist nicht ohne Tücken.

Valve ist eine lustige Firma. Sie ist nicht an der Börse notiert und muss deshalb auf Quartalsergebnisse und Aktionärswünsche keine Rücksicht nehmen. So bewahrt man sich die Freiheit für mutige, wenn nicht gar exzentrische Entscheidungen. Auf der einen Seite betonen Firmensprecher, dass man sich von den Wünschen und Bedürfnissen seiner Kunden leiten lässt, was angesichts von rund 125 Millionen Steam-Usern kein schlechter Geschäftsplan ist.

Andererseits verdrängt Valve das dringlichste Bedürfnis der Zielgruppe (fängt mit »Half« an und hört mit »3« auf), steigt lieber in den Dota-Markt ein und organisiert E-Sport-Turniere. Neuerdings versucht man sich gar im Hardware-Geschäft, um den Spiele-PC im Wohnzimmer anzusiedeln. Warum eigentlich?

Ausführlicher Report: Die Geschichte von Steam

Macht Platz auf dem Sofa

Die Couch ist eine Art gelobtes Land, in dem nicht direkt Milch und Honig fließen, aber Flaschenbier und Salzgebäck sind ja auch etwas Schönes. Auf ihr lässt es sich entspannt fläzen, was nach einem langen Arbeitstag eine weitaus verlockendere Aussicht ist, als sich wieder auf einen Bürostuhl zu setzen, um am PC mit Maus und Tastatur zu spielen. Also gibt Valve uns den Steam Controller, mit dem sich so ziemlich jedes Spiel fernbedienen lässt.

Counter-Strike-Turniere gewinnen wir damit nicht, aber bei gemütlichen Genres wie Rundenstrategie oder Adventures funktioniert das Trackpad-Streicheln als Mausersatz gut. Und damit der Controller im Wohnzimmer auch etwas zu kontrollieren hat, gibt es die Steam Machines, schnuckelige Kompakt-PCs, deren Betriebssystem SteamOS ganz auf Valves Eingabegerät zugeschnitten ist. Schöne, neue Steam-Welt?

Seit Jahren schraubt Valve an seinem Einstieg im Hardware-Geschäft – könnte man diese Zielstrebigkeit nur auf Half-Life 3 umleiten. Seit Jahren schraubt Valve an seinem Einstieg im Hardware-Geschäft – könnte man diese Zielstrebigkeit nur auf Half-Life 3 umleiten.

Nein. Ich habe ein paar Wochen zuhause mit einem Testgerät herumgespielt und rätsele immer noch, wer sich eine Steam Machine kaufen soll. Der PC-Spieler winkt dankend ab, weil seine Windows-Titel nicht laufen. Steam-OS basiert auf Linux, was nicht gerade das Paradies der AAA-Neuerscheinungen ist. Sicher, es sind viele Klassiker und Indie-Titel erhältlich. Das ist dann mal ein enormer Trost, wenn dicke Brummer wie Fallout 4 oder Star Wars: Battlefront nicht auf der Kiste laufen.

Und der Konsolenspieler stellt fest, dass eine PlayStation 4 oder Xbox One etwa die Hälfte einer Steam Machine kostet - und gefühlt auch nur die Hälfte des Ärgers bereitet. Zum Beispiel Sehstörungen, weil die Schriftgröße vieler PC-Spiele nicht für den Wohnzimmer-Betrachterabstand optimiert ist. Es ist schon erstaunlich, was man so alles an Grafikfirlefanz-Optionen im Detail einstellen kann, aber die Skalierung von Text und Benutzeroberfläche ist bei vielen Titeln nicht vorgesehen.

Steam Machines und Steam OS - Können Linux-Mini-PCs der PS4 das Wohnzimmer wegnehmen? 9:31 Steam Machines und Steam OS - Können Linux-Mini-PCs der PS4 das Wohnzimmer wegnehmen?

Ohne Windows schweres Spiel

Steam Machine klingt nach »Maschine, auf der meine Steam-Spiele laufen«. Ist es aber nicht, sondern eine »Maschine, auf der jenes Drittel meiner Sammlung funktioniert, das SteamOS unterstützt«. Nützlicher wäre ein Wohnzimmer-PC, der die volle Controller-Unterstützung und die TV-freundliche Benutzeroberfläche von SteamOS mit Windows-Spiele-Kompatibilität kombiniert. Ein System, auf dem ich auch Titel von anderen Online-Diensten wie Battle.net oder Origin starten kann.

Eine Steam Machine von Alienware. Die hübsche Hardware verträgt leider keine Windows-Spiele.Eine Steam Machine von Alienware. Die hübsche Hardware verträgt leider keine Windows-Spiele.

Doch Valve-Chef Gabe Newell ist auf einem Kreuzzug gegen die »Katastrophe« Windows. Ihm ist Unwohl bei dem Gedanken, dass Microsoft sein Betriebssystem immer mehr abriegeln und Drittanbieter-Diensten wie Steam schaden könnte. In Redmond wäre man wohl ohnehin wenig daran interessiert, durch eine Kooperation mit Valve der eigenen Xbox-One-Konsole Konkurrenz zu machen.

Vielleicht, vielleicht reagieren viele Spiele-Publisher fix, unterstützen SteamOS und Controller optimal, patchen sogar Wohnzimmer-gerechte Schriftgrößen nach. Aber ich fürchte, dass auch in einem halben Jahr viele attraktive PC-Neuheiten Windows-only sein werden. Deshalb lasse ich die Couch erst mal links liegen und mache es mir wieder auf dem Bürostuhl gemütlich. Der ist nicht ganz so kuschelig, lässt mich aber auch an die Battlefront, in den neuen Fallout-Vault und die Hearthstone-Taverne.

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