Mythos Lautstärke: Wie viele Dezibel sind wirklich doppelt so laut – 3, 5, 6 oder 10?

Physikalisch verdoppelt sich die Schallenergie extrem schnell. Doch wir nehmen Lautstärke ganz anders wahr, als er für die Ohren tatsächlich ist.

Ein Schallpegelmesser liefert zwar exakte physikalische Daten – über die tatsächlich empfundene »Lautheit« sagt ein einzelner Wert allein aber überraschend wenig aus. (Bildquelle: Google Gemini, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Ein Schallpegelmesser liefert zwar exakte physikalische Daten – über die tatsächlich empfundene »Lautheit« sagt ein einzelner Wert allein aber überraschend wenig aus. (Bildquelle: Google Gemini, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Wer wissen will, wie viele Dezibel mehr doppelt so laut sind, stößt schnell auf verschiedene Antworten: drei, sechs oder zehn Dezibel.

Manchmal ist sogar von fünf Dezibel die Rede.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Ist es aber nur bedingt. Denn die vier Zahlen beschreiben unterschiedliche Dinge – und genau darin liegt der Ursprung vieler Mythen rund um die Lautstärke.

Dezibel messen nicht direkt, wie laut etwas klingt

Eines der größten Missverständnisse: Dezibel sind keine Einheit dafür, wie laut uns ein Geräusch vorkommt. Sie geben lediglich ein Verhältnis auf einer logarithmischen Skala an.

Das bedeutet: Eine derartige Skala wächst nicht linear, in gleich großen Schritten, wie etwa ein Maßband, sondern in Vielfachen. Deshalb ist ein Plus von beispielsweise drei Dezibel nicht gleichzusetzen mit »drei Einheiten mehr«. Stattdessen beschreibt es ein Vielfaches des Ausgangswertes.

Typischerweise ist mit Dezibel der Schalldruckpegel gemeint, also wie stark die Druckschwankungen der Luft sind. Ein entsprechendes Messgerät erfasst daher eine physikalische Größe.

Es misst jedoch nicht unmittelbar, wie laut wir einen Ton empfinden.

Denn zwischen Schalldruck und unserer bewussten Wahrnehmung liegen Gehör und Gehirn. Und beide arbeiten nicht wie ein Messgerät.

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Wann 3 Dezibel das Doppelte sind

Ein Anstieg um drei Dezibel entspricht daher einer Verdoppelung der Schallintensität beziehungsweise Schallenergie pro Zeit – und nicht der Lautstärke. Das klingt verwirrend, ein Beispiel verdeutlicht das jedoch:

Stellt man zwei gleich laute, voneinander unabhängige Lautsprecher nebeneinander, erzeugen sie am Messort ziemlich exakt drei Dezibel mehr als einer allein. Die akustische Energie, die dort pro Zeiteinheit ankommt, hat sich demnach verdoppelt.

Doppelt so laut klingt es deshalb zwar noch lange nicht, dennoch ist das der Grund, warum die Drei-Dezibel-Regel im europäischen und deutschen Arbeitsschutz so wichtig ist.

Denn steigt der Pegel um drei Dezibel, verdoppelt sich bei gleicher Dauer die Schallenergiebelastung.

Wir nehmen diesen Anstieg jedoch weit weniger dramatisch wahr, als er es für das Gehör tatsächlich ist.

Woher die 5 Dezibel kommen

Auch die gelegentlich genannten fünf Dezibel haben einen konkreten Ursprung.

Dieser liegt bei der US-Arbeitsschutzbehörde OSHA, die ein Modell entwickelt hat, nach dem sich die zulässige Expositionsdauer halbiert, wenn der Lärmpegel um fünf dB(A) steigt. So sind bei acht Stunden 90 dB(A) zulässig, bei 95 dB(A) vier Stunden und so weiter.

Dezibel A, kurz dB(A), misst dabei dasselbe wie dB, allerdings kommt ein zusätzlicher Filter ins Spiel, der niedrige und hohe Töne anders gewichtet, weil unser Gehör darauf weniger empfindlich reagiert. Denn letztlich geht es bei dB(A) darum, den menschlichen Höreindruck besser abzubilden.


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Wichtig ist dabei: Die OSHA rechnet in ihren Vorschriften mit fünf Dezibel, während das US-Forschungsinstitut NIOSH die tatsächliche Belastung vorsichtiger abbildet und die Drei-Dezibel-Regel empfiehlt.

Demnach sollte bei jedem Anstieg um drei dB(A) die Zeit, der man einem bestimmten Lärmpegel ausgesetzt ist, halbiert werden, beginnend bei 82 dB(A) und sechzehn Stunden. Allerdings sind die Angaben der NIOSH im Gegensatz zur OSHA nicht rechtlich bindend.

Wann 6 Dezibel das Doppelte sind

Ein Plus von sechs Dezibel beschreibt wiederum etwas anderes: Nicht die Schallintensität, sondern den Schalldruck, der sich dabei verdoppelt.

Und auch das ist eine rein physikalische Aussage. Sie sagt zunächst nichts darüber aus, ob ein Geräusch doppelt so laut klingt.

Verringert man im freien Feld die Entfernung zu einer punktförmigen Schallquelle auf die Hälfte, steigt der Schalldruckpegel um rund sechs Dezibel. Die Schallintensität an diesem Messpunkt vervierfacht sich, weil sich dieselbe Schallleistung bei kugelförmiger Ausbreitung auf eine nur noch ein Viertel so große Fläche verteilt – Stichwort: Abstandsquadratgesetz.

In Räumen gilt diese Regel aber nur eingeschränkt, weil Wände und Gegenstände den Schall reflektieren.

Wann 10 Dezibel das Doppelte sind

Erst ein Anstieg um rund zehn Dezibel wird häufig als doppelt so laut empfunden.

Doch das ist keine Naturkonstante, sondern lediglich eine psychoakustische Faustregel. Was wir letztlich als eine Verdoppelung der Lautstärke wahrnehmen, hängt von vielen Faktoren ab: der Frequenz, der Dauer, dem Klangspektrum und dem Ausgangspegel.

Der Einfluss von Räumen auf das Gehör ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.

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Ein tiefer und ein hoher Ton können denselben Schalldruckpegel haben, aber trotzdem unterschiedlich laut erscheinen. Dazu kommt, dass sich Sprache, Musik und Maschinenlärm nicht ohne Weiteres miteinander vergleichen lassen.

Selbst die oben genannten dB(A) bilden die menschliche Wahrnehmung nur stark vereinfacht ab. So können zwei Geräusche mit demselben Wert völlig unterschiedlich laut und ebenso verschieden störend auf uns wirken.

Es existiert noch eine andere Maßeinheit für die empfundene Lautstärke (Lautheit): Sone. Dabei entspricht ein Sone einem Sinuston von 1.000 Hertz mit einem Schalldruckpegel von 40 Dezibel. Die Skala ist auch nicht logarithmisch, sondern linear. Das bedeutet, dass zwei Sone als doppelt so laut empfunden werden wie ein Sone.

Laut, lästig und gefährlich sind nicht dasselbe

Ein Geräusch wird nicht deshalb als doppelt so laut empfunden, weil sich bei gleicher Einwirkzeit die Lärmdosis verdoppelt hätte.

Ebenso hat ein Wert von 85 Dezibel wenig Aussagekraft, solange unklar ist, in welchem Abstand und über welche Dauer gemessen wurde.

Warum kursieren dann gleich mehrere Antworten? Weil das Wort Lautstärke in unserem Alltag verschiedene Ebenen miteinander vermischt.

Es kann die Leistung einer Quelle, den Schalldruck am Messort, die Belastung des Gehörs oder den subjektiven Höreindruck meinen.

Selbst Regeln aus dem Arbeitsschutz werden dabei leicht zu vermeintlich absoluten Aussagen über die Wahrnehmung, selbst wenn sie auf etwas ganz anderes abzielen.


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Die richtige Antwort hängt von der Frage ab

Die präziseste Antwort lautet deshalb schlicht: Es kommt darauf an, was mit »doppelt« genau gemeint ist.

Drei Dezibel stehen für eine Verdoppelung der Schallintensität beziehungsweise Schallenergie, sechs Dezibel für eine Verdoppelung des Schalldrucks. Und zehn Dezibel gelten als brauchbare Faustregel für die Verdoppelung der empfundenen Lautstärke.

Die fünf Dezibel aus dem Arbeitsschutzmodell der OSHA in den USA hingegen beschreiben keinen physikalisch zwingenden Zusammenhang, sondern eine festgelegte Regelung zur Lärmdosis.

Und womöglich ist das am Ende die Pointe: Zwischen dem, was messbar ist, dem, was erlaubt ist, und dem, was wir empfinden, besteht ein Unterschied.

Schall lässt sich berechnen, Lautstärke muss man wahrnehmen.


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