Alter Wein in alten Schläuchen

Mit New World versucht Amazon den Einstieg ins MMO-Business. Herauskam weder ein gutes noch ein schlechtes Spiel. Aber ein über weite Strecken erstaunlich...

von Tsabotavoc am: 23.10.2021

Es ist einer dieser Tests die mir nicht leicht fallen. Denn, gleich vorweg, ich mag New World. Wenn man mich zwingen würde für das Spiel Alleinstellungsmerkmale zu finden die einen nicht restlos verschrecken - es fällt mir kein einziges ein. Wie kommt das?

Dafür müssen wir etwas zurück gehen in die Zeit der Onlinerollenspiele. Und zwar als man wenn man Internet hatte bei der Telekom vom Kundensupport mit "Generaldirektor" angesprochen wurde weil es einfach unerschwinglich war für Normalsterbliche.

Damit fing der Wahnsinn richtig an: Ultima Online

Damit fing der Wahnsinn richtig an: Ultima Online. New World ist gar nicht sooo viel anders.

Die ersten MMOs waren als Sandbox gestaltet. Das heißt: Es gab keinen großen Komfort und den Komfort den es im Spiel dann tatsächlich gab musste man sich hart erspielen. Der von Flugpunkten verwöhnte und mit Zwischensequenzen bis an den Exzess selbst mitten im Raid zugeballerte WoW-Spieler würde sich vorkommen wie auf einem anderen Planeten denn all das was wir heute als Spieler für selbstverständlich nahmen gab es damals schlicht nicht.

Und nun ja... New World schließt irgendwie an diese Tradition an. Mit allen Vor- und Nachteilen...

Willkommen im Reich der Nichtschwimmer!

New World spielt in Aeternum. Einer magischen Insel die auf keiner Landkarte verzeichnet ist und von der keiner entkommen kann der jemals auf ihr strandet. Man ist verflucht zur Unsterblichkeit. Und zu einigen anderen Dingen...

Ja das über mir ist die Wasseroberfläche. Jep. Ich laufe am Seegrund. Warum? Weil ich verflucht bin!


Die Spieler können nicht schwimmen. Warum? Weil sie verflucht sind. Oder die Entwickler zu faul waren für Schwimmanimationen.

Die Spieler können nicht reiten oder Reittiere benutzen. Warum? Weil der Fluch das Zähmen von Tieren unmöglich macht. Oder weil man mit einem Mount einfach in unter 30 Minuten durch die winzige Welt reiten würde. New World kann sich in keiner Weise mit irgendeinem anderen MMO messen wenn es um die Größe der Spielwelt geht. 

Die Spielwelt die man sieht hat es dafür optisch in sich. Beim Weg nach Immerfall würde selbst ein Bob Ross anerkennend festhalten: "Leck mich fett! Ist das kitschig!"

Das Spiel entlohnt dafür immer wieder mit wunderschönen Ortschaften. Man hat wirklich das Gefühl in einer neuen, fremden Welt zu sein.

Wer auf Aeternum stirbt, egal ob Mensch oder Tier, wird wiedergeboren. Manche jedoch kommen als Verderbte zurück. Kaum mehr als hirnlose Zombies bedrohen sie die Zivilisation und versorgen den Spieler mit Loot und XP wenn man sie fachgerecht beseitigt. Und das tut man oft. Und zwar immer die gleiche Gegner.

Wer die Gegnervielfalt eines World of Warcraft gewohnt ist muss sich hier auf deutlich schmalere Kost einstellen: Der selbe Typ der euch mit der Mistgabel abstechen will erwartet euch 30 Stufen später immer noch bei ähnlich aussehenden Farmen in höheren Gebieten. Nur eben mit mehr HP und mehr Schaden im Gebäck. Er heißt auch etwas anders. Abwechslung im Jahr 2021.

Dafür gibt es aber auch eine gute Nachricht: Hand aufs Herz: Jeder hat in MMOs SEIN Lieblingsgebiet in dem er am liebsten die ganze Zeit verbracht hätte. Hier kann man das. Theoretisch könnt ihr auf dem Strand an dem ihr angespült werdet die Höchststufe erreichen. Denn angefangen vom Gegner umhacken, über Steaks zerhacken hin zum Hacken im eigentlichen Sinn: Alles in diesem Spiel gibt euch Erfahrung.

Das Levelsystem und das Crafting...

In New World gibt es keine Klassen und auch bei den Berufen müsst ihr euch nicht entscheiden. Ihr könnt, wenn ihr nur genug Zeit ins Spiel steckt, alle Berufe und alle Waffen im Spiel selbst meistern. Mit einem Charakter. Ihr könnt beispielsweise Feinde aus der Distanz mit Feuerzaubern beharken und sie im Nahkampf mit Schwert und Schild angehen oder mit Musketen um euch ballern oder mit einem riesigen Hammer zermatschen um Verbündete zu heilen.

Das Crafting ist eine Sache für sich. Ich bin nicht sicher ob ich es lieben oder hassen soll.

Nehmen wir an ihr wollt euch ein Langschwert aus Orichalcum schmieden. Dafür benötigt ihr:

80x Orichalcum Erz

20x Sternmetal Erz

20x Holzkohle

20x Flussmittel

16x Eisenholz

12x Wyrdholz

8x Gereiftes Holz

4x Bauholz

5x Schleifpapier

16x Schuppenhaut

8x Raues Leder

Aus diesen Materialien (oder vergleichbaren denn teilweise sind Materialien untereinander austauschbar) schnetzelt ihr an insgesamt vier verschiedenen Werkbänken die über die Siedlung verteilt sind wenn ihr Pech habt ein, EIN Schwert zusammen. 

Wenn ihr die Waffe nicht nur gebastelt habt um euren Beruf zu verbessern könnt ihr der Waffe noch Azoth oder Craftingverbesserungen hinzufügen um ihr zusätzliche magische Effekte zu verleihen denn das was ich oben aufgelistet habe ist ein stinknormales 0815 Schwert ohne jede Eigenschaft.

Ich mag das und ich hasse das zugleich. Denn auf der einen Seite ist das neue Schwert dadurch ein Ziel auf das ich tatsächlich über ein paar Spieltage hin zuarbeiten kann. Auf der anderen Seite muss man Berufe leveln und das artet zur Materialschlacht aus. Viele Spieler tun sich das erst gar nicht an und kaufen das Zeug für wenige Taler im Handelshaus von anderen Spielern.

Wer gute Ausrüstung will ist, ähnlich wie in EVE Online, auf das Handwerk angewiesen. Craftingstationen finden sich in einer der von den Spielerfraktionen kontrollierten Städte... Jedes mal wenn ihr in dieser Stadt etwas baut sind Steuern fällig die an die kontrollierende Fraktion abzuliefern sind und damit sind wir auch gleich beim nächsten Problem...

Reden wir über die Balance...

Der Screenshot oben erfordert ein paar erläuternde Worte: Der riesige gelbe Fleck ist meine Fraktion bei der ich bin. Der weiße Fleck sind Gebiete die nicht von Spielern beansprucht werden können. Die grünen Flecken haben Gebiete die kein Aas interessieren weil es dort nie Spieler gibt. Und violett, Fraktion Nummer 3, ist dem Untergang geweiht. Cool oder?

Spaß macht das für genau gar keinen. Denn auch wenn ihr bei den "Gewinnern" seid: Ich werde nie bei einem Krieg auf dem Server mitmachen können weil sich das eben die drei Riesengilden des Servers (alle in meiner Fraktion) sowieso selber ausmachen.

Wer bei den Maraudern ist (die grüne Fraktion) lebt in dem sicheren Wissen, dass der einzige Grund warum man ein Gebiet kontrolliert der ist, dass die stärkste Fraktion einfach keinen Bock hat die Unterhaltskosten für diese Talergräber zu bezahlen.

Und das Syndikat, violett, kann einem einfach nur noch leidtun.

In 90-120 Tagen, je nachdem wie lange die Leute schon spielen, darf jeder die Fraktion wechseln. Spätestens dann ist der Server tot.

Das ist kein Sonderfall. Auf vielen Servern sieht es, wenn man den Kommentaren in Foren und in Streams glauben darf, ähnlich aus.

Die Situation könnte teils behoben werden indem man den Wechsel von der dominanten Fraktion auf einem Server zur schwächsten Fraktion des Servers jederzeit auch abseits des 120 Tage Cooldowns erlaubt.

Bei einem Spiel in dem aber das Endgamefeature, die verderbten Portale, einfach mal einen Monat lang überhaupt nicht funktionieren weil man die Risse nicht schließen kann, würde ich mir da nicht zu viel versprechen.

Das Kampfsystem

 

Auf dem Weg zu unserer Fraktionsquest stellt sich dieser sympathisch-dynamische junge Mann in den Weg und will uns eins mit der Schaufel überziehen. Wir halten mit Schwert, Schild und Feuerzaubern dagegen.

New World wird nie ein WoW-Killer sein. Aber es ist eine Welt in der ich gerne Zeit verbringe und in der ich die Wuchtigkeit der Kämpfe immer wieder aufs Neue genieße. Wenn ein Gegner auf mich zuspringt, ich ihn mit einem Schildstoss benommen mache, eine schnelle Angriffskombination verpasse, mit Rechtsklick seine Konterattacke blocke und ihm anschließend mit einem Klingenwirbel dem Rest gebe fühlt sich das einfach "richtig" an. Wie man kämpft bestimmt man mit den zwei Waffensätzen die man ausrüstet. Schwert+Schild ist für defensive Nahkämpfer. Wer es brutaler will greift zum zweihändigen Kriegshammer wohingegegen Feingeister auf den Lebensstab setzen mit dem es auch möglich ist sich und verbündete zu heilen.

In insgesamt 20 Stufen wird jede Waffe nach und nach gemeistert. Insgesamt stehen einem dann 6 Fertigkeiten zur Verfügung die man aktiv im Kampf einsetzen kann.

So soll eine Schlacht um ein Gebiet dann in der Theorie ablaufen. In der Praxis wird bei uns am Server mehr herumgeschoben als wirklich gekämpft und wenn man nicht in einer der Gilden ist die alles regelt wird man eh nie dabei sein.

Trautes Heim - Schock muss sein!

Ja man kann die eigene Butze selber einrichten!


Ein weiteres Talergrab, aber ein nützliches, sind Häuser. Man kann bis zu drei davon besitzen in, wie im realen Leben, unterschiedlichen Preisklassen. Mit einem Häuschen hat man neben kostenlosen Schnellreiseoptionen und Trophäen die einem weltweite Boni geben auch Zugang zu mehr Stauraum in der betreffenden Stadt. Und das ist bitter notwendig: Denn der Standardlagerschuppenraum der einem zur Verfügung steht ist so knapp bemessen, dass selbst der Kofferraum eines Smart im Vergleich wie eine LKW Ladefläche vorkommt.

Für das Häuschen sind dann in regelmäßigen Abständen Grundsteuern fällig deren Höhe von der aktuell das Gebiet regierenden Kompanie festgelegt werden. Keine Sorge: Es gibt eine Obergrenze wieviel man euch abknöpfen kann und diverse Rabatte. Zudem: Wenn man die Grundstücksteuer wegen längerer Inaktivität nicht entrichtet wird einem die Bude nicht abgerissen. Man verliert nur die Boni. Das Haus welches man erwirbt ist instanziert, kann also von dutzenden anderen Spielern auch gekauft werden. Das Haus mit der pompösesten Einrichtung ist dann für alle sichtbar wenn sie durch die Stadt gehen.

Das ist zwar etwas langweilig verhindert aber das Entstehen von Geisterstädten wie sie in anderen MMOs mit Housing (Allen voran Wurm Unlimited) üblich sind. 

Abschließendes

Die Welt ist also winzig, man kann nicht reiten weil keiner Bock auf Reittiere hatte, nicht schwimmen weil keine Zeit für Schwimmanimationen war, die Spieler klagen über fehlendes Endgame und wie um die Spieler zu verarschen bringen die Devs ein Emote raus bei dem der Charakter ungeduldig mit dem Fuß wippt. Es gibt kein Postsystem. Ihr wollt mit einem Spieler aus eurer Kompanie Zeug austauschen? Na dann viel Spaß beim Reisen! Sets für Kampf, Sammeln und Crafting? Gibt es. Aber ihr müsst mühsam von Hand zwischen den Ausrüstungsteilen wechseln.

Das einzige Alleinstellungsmerkmal ist also das vollständige Fehlen von praktisch jedem Komfort wie zB. Verwalten von Ausrüstungssets.

Der Grind wirkt teils endlos: Um zB. Ingenieurskunst auszuleveln muss man, neben jede Menge anderen Dingen, ca. 90.000 Bäume fällen. Gratulation! Ein von sieben herstellenden Berufen gemeistert.

Simpel ausgedrückt ist es genau das was ich an dem Spiel mag. Die Langsamkeit. Nach einem langen Arbeitstag einfach Wölfe und Monster umboxen, sehen wo mich der Zufall hintreibt, vielleicht dann noch etwas herstellen ist für mich ein Seelenbalsam. Ich werde in dem Spiel nie Ambitionen haben und meiner Meinung nach sollte man die in dem Spiel auch nicht haben. Wer sich an kleinen Zielen freut wie zB. eine neue Waffe, eine neue Tragetasche oder ein kleines Häuschen und das an Abenden zur Entspannung erspielt wird immer wieder Freude haben.

Aber: Es ist nichts für den Powergamer im klassischen Sinn. Das gibt das Spiel einfach nicht her. Und wer wirklich in der Lore eines Spiels versinken will - viel Spaß dabei. Man könnte mir die Pistole an den Kopf setzen und ich könnte euch keinen einzigen storyrelevanten Charakter nennen. Alles was rauskäme wäre: "Äh der eine Dude da mit der Angel der mich quer durch die Welt geschickt hat für einen Stab? Zählt das?" Die Story wird in wild durch die Gegend verteilten Zetteln erzählt und das nicht besonders gut.

Obwohl mir das Spiel Spaß macht kann ich es also niemandem wirklich empfehlen.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Wunderschöne Landschaften
  • Cooles Kampfsystem
  • Housing
  • Fraktionsbalance
  • Extrem Grindlastig
  • Keinerlei Komfortfunktionen
  • Nach wie vor Bugs
  • Unberechenbares Gegnerverhalten

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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