BioShock 1,5

Rezension: „BioShock 2“ (Remastered Edition) – Version 1.0.122864 – Plattform: Steam

von ModuGames am: 14.10.2021

Hinweis: Ich empfehle, dass Sie zuerst meine Rezension zum Vorgänger lesen.

Im Jahr 2010, drei Jahre nach der Veröffentlichung von BioShock, erscheint die Fortsetzung des Unterwasser-Shooters. Doch statt Irrational Games unter der Leitung von Ken Levine zeichnet sich nun 2K Marin für die Entwicklung verantwortlich. Ob dabei ein würdiger Nachfolger entstanden ist, erfahren Sie in der folgenden Rezension.

Große Väter, kleine Schwestern

Wir schreiben das Jahr 1958. In Rapture herrscht erneut Aufruhr. Doch wir schlüpfen nicht in die Rolle eines Flugzeugabsturz-Überlebenden wie im ersten Teil. Nein, wir übernehmen die Kontrolle über einen Big Daddy namens Delta – also einen der riesigen Kerle in Taucheranzügen, gegen die wir in BioShock gekämpft haben. Delta beschützt die Little Sister Eleanor, die er als seine Tochter ansieht, doch sie wird von einer unbekannten Frau gefangen genommen und wir per Kopfschuss exekutiert. In guter alter „Fallout: New Vegas“-Manier ist es jedoch noch nicht um uns geschehen und wir wachen ein Jahrzehnt später wieder auf. Nun gilt es, Eleanor aufzuspüren, die per mentaler Verbindung mit uns kommuniziert.

Sofia Lamb ist die primäre Antagonistin des Spiels. Ihr Ziel ist es, den „Utopisten“ zu erschaffen – einen perfekten Menschen, der sich für das Wohl der Allgemeinheit aufopfert. Dafür geht sie über Leichen.

Insgesamt fällt auf, dass die Geschichte von BioShock 2 im Vergleich zu der des Vorgängers etwas gewöhnlicher und mit sieben Stunden Länge auch kürzer ausfällt. Die Handlung führt deutlich klarer zu einem Ende hin, Plottwists sollte man hier nicht erwarten. Das macht die Geschichte aber keineswegs schlecht. Gerade die philosophisch-politischen Konzepte, die in der Handlung verarbeitet werden, sind nach wie vor sehr interessant. Wo BioShock einst eine Kritik am Rapture-Gründer Andrew Ryan und dessen Traum eines individualistisch-kapitalistischen Utopias darstellte, geht es in diesem Teil um die Schattenseiten des Kollektivismus. Gegenüber dem Vorgänger halte ich BioShock 2 in dieser Hinsicht zwar für etwas schlechter, allerdings ist dies Meckern auf hohem Niveau. Insgesamt kann die Geschichte überzeugen. Nett: Erneut sind in Rapture viele Tonbandaufnahmen zu finden, welche Hintergrundinformationen vermitteln und die Lore ausbauen. Diese sollte man sich unbedingt anhören.

Rapture ging's schon besser

Nicht zuletzt durch die Tonbänder ist die ganze Atmosphäre in Rapture wieder einmal fantastisch. Die Unterwasserstadt ist einfach großartig gestaltet, vor allem auch deshalb, weil Rapture sich in einem desolateren Zustand befindet als im ersten Teil. Wasser dringt durch die Wände, Räume werden geflutet, Algen wachsen an den Wänden. Auch sehr cool ist, dass wir durch unseren Taucheranzug nun tatsächlich auch Spaziergänge auf dem Meeresboden unternehmen dürfen (vorbeischwimmende Haie mit inbegriffen). In diesem Zusammenhang ist es schade, dass sich die grafischen Verbesserungen im Vergleich zum Vorgänger ziemlich in Grenzen halten.

 

Das verfallende Rapture gehört zu den beeindruckendsten Umgebungen, die ich je in einem Shooter gesehen habe. 

Apropos: Durch den Big-Daddy-Anzug ist es den Entwicklern möglich, in Sachen Waffen und Ausrüstung etwas kreativer zu werden. Wir finden im Verlauf des Spiels eine Nahkampfwaffe (den Bohrer) und fünf Schießeisen: eine Nietenpistole, ein Maschinengewehr, eine Schrotflinte, eine Harpune (mein persönlicher Favorit) und einen Granatenwerfer. Für jede Waffe gibt es wiederum drei Munitionsarten, weshalb strategisches Denken wieder einmal gefragt ist. Vor allem gegen die neuen Gegnertypen wie den Brute Splicer oder die Big Sister sollte man mit Bedacht vorgehen.

Durchwachsene Neuerungen

Doch unsere Ausrüstung endet nicht bei den Waffen, wir besitzen nämlich noch ein Hack-Gerät und eine Kamera. Das Hack-Werkzeug ist insofern interessant, dass es uns erlaubt, eine „Patrone“ zu verschießen, mit der wir Geräte auf Distanz hacken können. Nicht nur das erspart Frust, auch das Hacking-Minispiel wurde drastisch umgebaut und ist jetzt viel weniger störend. Statt Rohre für eine Wasserleitung anzuordnen, müssen wir nun einfach nur im richtigen Moment eine Taste drücken. Das ist recht banal, aber das ist auch gut so. Ich spiele BioShock doch nicht wegen seiner Minigames und bin froh, wenn ich schnellstmöglich zum eigentlichen Gameplay zurückkehren kann.

Wasser + Elektroschock = viel Schaden am feindlichen Big Daddy. Die Plasmide laden zwar zum Experimentieren ein, man kann BioShock 2 aber auch als regulären First-Person-Shooter spielen. 

Die Kamera wiederum wird dazu benutzt, vor einem Kampf ein Foto eines Gegners zu schießen. Töten wir diesen dann, bekommen wir Informationen über ihn, etwa über seine Schwachstellen. In der Theorie klingt das nett, ist in der Praxis aber vollkommen unnötig, weil die Kämpfe eher leicht sind – wenn man über eine bestimmte Information verfügt. Dazu muss ich etwas ausholen: Im ersten BioShock haben wir die Ressource Adam gesammelt, indem wir den Big Daddy einer Little Sister beseitigt und das kleine Mädchen dann entweder ausgebeutet oder gerettet haben. Diese Mechanik wurde in BioShock 2 erweitert. Wir bringen zwar immer noch den Big Daddy um, nehmen die Little Sister dann aber auf unserer Schulter mit. Sie führt uns jeweils zu zwei Leichen, von denen sie Adam erntet.

Wer braucht schon Adam?

Bis der Erntevorgang abgeschlossen ist, erscheinen kontinuierlich Gegner und weil man die Little Sister verteidigen muss, steht man selbst dauerhaft in der Schusslinie. Die Kämpfe in BioShock 2 sind Materialschlachten: Wer genug Medikits, Eve-Spritzen und Munition hat, kommt gut durch, aber in solch langen Gefechten gehen unsere Vorräte schnell zur Neige. Das macht nicht nur den Rest des Spiels erheblich schwerer, die Adam-Erntevorgänge sind auch einfach sehr repetitiv und bescheren uns viele Bildschirm-Tode. Ich war kurz davor, dem Spiel aufgrund von dieser Mechanik eine deutlich schlechtere Wertung zu geben, dann habe ich allerdings herausgefunden, dass man die Little Sisters auch mehr oder weniger direkt retten/ausbeuten und somit die Adam-Suchen überspringen kann.

Wir haben keine Medikits mehr (zu sehen oben links in der Ecke) und ein Big Daddy stürmt auf uns zu. Das war es dann wohl mit Delta. Entweder steigen wir an einem Respawn-Punkt wieder ein oder wir laden einen älteren Spielstand.

Dabei erhalten wir insgesamt zwar weniger Adam (und können uns folglich weniger Plasmide und Gen-Tonika kaufen), aber ich würde jedem empfehlen, die Sammelvorgänge zu überspringen. BioShock 2 spielt sich dann viel angenehmer und ist vor allem leichter. Der mittlere Schwierigkeitsgrad entpuppt sich als weniger anspruchsvoll als der mittlere des Vorgängers. Wer BioShock 2 übrigens möglichst effektiv spielen will, sollte sich der Schnellspeichern-Funktion bemächtigen. Einfach vor jedem Hackversuch und vor jedem größeren Gefecht schnellzuspeichern, spart potenziell viele Ressourcen. BioShock 2 hat nämlich ein Respawn-System: Wer stirbt, steigt an der nächstgelegenen Vita-Chamber wieder ein, allerdings wird einem die verbrauchte Ausrüstung nicht zurückerstattet. Daher wirkt das Schnellspeichern in diesem Spiel sehr deplatziert. Es hebelt ungewollt zu viele andere Spielmechaniken aus.

Fazit

BioShock 2 macht einige Dinge richtig gut. Erwähnenswert sind in dieser Hinsicht vor allem die Atmosphäre, die Gestaltung der Spielwelt und die philosophischen Untertöne in der Geschichte. Das Problem an der Sache: Genau das waren auch schon die Stärken des Vorgängers. Natürlich kann man nun argumentieren, dass BioShock 2 in mancher Hinsicht besser ist, etwa in spielerischer (man denke an das neue Hacking-Minispiel). Daher könnte man sich berechtigterweise fragen, warum dieses Spiel nicht mindestens 84 Punkte von mir bekommt, wie ich sie seinerzeit beim Vorgänger vergeben habe. Das liegt daran, dass BioShock 2 nicht denselben „Wow“-Faktor hat wie das Spiel aus dem Jahr 2007. Man hat alles in ähnlicher Form schon einmal gesehen, eine eigene Identität entwickelt sich nie richtig. Es fühlt sich eher an wie ein sehr umfangreiches Addon oder ein „BioShock 1,5“, wie in der Überschrift angedeutet. Empfehlenswert ist es letztendlich trotzdem, wenn auch nicht so bahnbrechend wie sein Vorgänger.

Jetzt eigenen Artikel veröffentlichen

Schreib Deinen eigenen Artikel auf GameStar und tausche Dich mit anderen Lesern aus.

Eigenen Artikel schreiben

Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



Kommentare(5)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.