Des Wahnsinns letzte Runde

Ganze vier Monate sind seit der letzten Rezension vergangen. Wurde also mal wieder Zeit. Viel Spaß beim Lesen!

von Bakefish am: 21.11.2021

Es ist mal wieder Zeit für abgedrehte Momente mit den Saints! Viel Spaß beim Lesen!

Nach meinem Test zu „Saints Row: The Third“ befand sich der Nachfolger, also „Saints Row IV“, auf GOG im Angebot. Dieses Spiel wurde ebenfalls von Volition entwickelt und erschien ursprünglich 2013. Da ich mit Teil 3 viel Spaß hatte, langte ich zu. Nun habe ich Teil 4 durchgespielt. Ich hatte unglaublich viel Spaß, keine Frage. Doch in meinen Augen kann Teil 4 seinem Vorgänger nicht ganz das Wasser reichen. Warum das so ist, erfahrt ihr nun im Test.
Vorher gibts aber noch eine Spoilerwarnung: Bevor ihr diesen Test lest, solltet ihr mindestens den dritten Teil der Serie gespielt haben.

Das hat gerade noch gefehlt

Wenige Monate nach dem Finale des dritten Teils unterstützen die Saints unter Leitung des Bosses (den ich erneut spiele) eine MI-6-Agentin dabei, den alten STAG-Anführer Cyrus Temple zu erledigen. Die Mission ist erfolgreich und für meinen unvergleichlichen Heldenmut werde ich zum Präsidenten der USA „befördert“.
Fünf Jahre vergehen und ich will eine Pressekonferenz halten. Zu doof, dass plötzlich ein Haufen von Aliens die Welt angreift. Diese sogenannten „Zin“, angeführt vom ziemlich arroganten Zinyak, sperren mich in eine Computersimulation. Mithilfe der Hackerin Kinzie entkomme ich der Simulation, finde mich aber in einer weiteren Simulation der Stadt Steelport (welche man bereits von Teil 3 kennt) wieder. Die Aufgabe ist nun, das virtuelle Steelport zu destabilisieren, um an Zinyaks Macht zu rütteln. So beginne ich, viele alte und neue Freunde um mich zu scharen und die Revolution gegen die außerirdischen Unterdrücker loszutreten. Doch Zinyak hat einige Asse im Ärmel…

Was ein Arsch!


Ihr seht es schon, auch Teil 4 schießt in seiner Story wieder mal über alle Grenzen hinweg. Charaktere und Plot sind chaotisch und übertrieben, die Wendungen und Plottwists reine WTF-Momente. Und dennoch kann die Geschichte zu einer emotionalen Achterbahn werden. So überzogen die Charaktere sind, so menschlich wirken sie dennoch. Ich konnte mit ihnen lachen, weinen oder wütend sein. Durch die Alienapokalypse und die gemeinsamen Geschichten sind sie mir ans Herz gewachsen. Das liegt auch daran, dass die Voice Actors richtig gute Arbeit leisten. Viele Stimmen erkennt man aus den vorherigen Teilen wieder, für Teil 4 hat man noch einige Stars wie Nolan North, Keith David oder gar Terry Crews ranholen können, welche viele neue und alte Charaktere synchronisieren.
Damit wird das Spiel nicht nur großartig erzählt, ein roter Faden ist außerdem stets vorhanden. Tempo und Schauplatzwechsel sind rasant, aber niemals zu schnell.
Einen Wermutstropfen gibt es aber doch: Teil 4 macht keinen wirklichen Hehl daraus, dass er das „Finale“ der Serie darstellt. Dafür gibt es sehr viele Rückblicke auf vergangene Teile, auch Teil 1 und 2. Das ist insofern problematisch, weil ich diese beiden Teile niemals gespielt habe. Entsprechend habe ich so manche Referenzen und Anspielungen gar nicht verstanden. Ja, Teil 3 hat manchmal ebenso auf seine Vorgänger angespielt, aber nicht in diesem Maße.

Diese Truppe muss man einfach lieben.


Das stieß mir doch ein wenig sauer auf, denn man hätte entweder mehr Hintergrundgeschichten erklären oder vielleicht auch einen umfassenderen Rückblick geben können. Insofern solltet ihr eine Zusammenfassung zu Teil 1 und 2 geschaut oder die Teile gespielt haben, weil es sonst zu vielen offenen Fragen kommen kann.

Das kann selbst Neo nicht

Hauptaufgabe ist also, in der Simulation so viel Chaos wie möglich anzurichten. Und wie mache ich das? Ganz simpel – mit virtuellen Superkräften!
Nach und nach schalte ich im Spiel Fähigkeiten wie superhohe Sprünge, das Verschießen von Energiebällen oder Telekinese frei. So abgefahren und übertrieben diese Fähigkeiten wirken, so spaßig sind sie zu spielen. Manche Kräfte unterstützen mein Movement, andere Kräfte sind gerade beim Kämpfen hilfreich. Kombiniere ich Superkräfte, wird es noch spaßiger. Ich renne in einen Kampf, friere Gegner mit Eisbällen ein, zerschieße sie, werfe die Verstärkung dann mit einer Schockwelle zurück und springe wieder davon. Das spielt sich herrlich.

Prototype kann einpacken!


Quer in Steelport sind außerdem sogenannte Datenfragmente verteilt. Sammele ich genug von diesen Fragmenten ein (und habe ein entsprechendes Level), kann ich die Fähigkeiten zusätzlich verbessern. Zum Beispiel kann ich nach einem Supersprung noch durch die Luft gleiten oder Feinde mit der Telekinese noch weiter zurückwerfen. Das System motiviert ungemein und ist eine willkommene Neuerung im Spiel.

Oh shit, here we go again

Das grundlegende Spielprinzip ist jedoch gleich geblieben; per 3rd-Person bewege ich mich durch Steelport, wahlweise zu Fuß oder in diversen unterschiedlichen Gefährten.
Auch der spielerische Grundgedanke bleibt gleich. Steelport ist in verschiedene Stadtteile untergliedert, in welchen ich meinen Einfluss langsam, aber stetig ausbaue. Das tue ich, indem ich diverse Minispiele absolviere, Shops in meinen Besitz bringe oder Gegner eliminiere.

Da muss ich doch gleich an diesen einen Rammstein-Song denken...


Viele der Minispiele kennt man bereits. In den Mayhem-Spielen muss ich in einer vorgegebenen Zeit so viel Schaden wie möglich anrichten, in den bekannten Insurance Frauds muss ich hin
gegen Schaden einstecken. Ein paar neue Spiele gibt es aber; zum Beispiel muss ich in Zeitrennen Strecken so schnell wie möglich zurücklegen oder von Plattform zu Plattform springen.
Bei den Shops gibt es ebenfalls nur kleine Änderungen. Anders als in Teil 3 kaufe ich diese nicht mehr auf, stattdessen hacke ich sie infolge eines Minispiels. Habe ich einen Shop gehackt, kann ich ihn danach benutzen. Egal, ob ich neue Knarren brauche, mein Aussehen verbessern oder meine Karren tunen will, in den Shops finde ich alles, was ich brauche. Die grundlegende Art und Weise, wie dieses Aufmotzen abläuft, hat sich ebenso kaum verändert. Ja, das Verbessern meiner Waffen ist etwas umfangreicher, aber vieles ist fast genauso wie man es aus Teil 3 kennt.
Diese ganzen Verbesserungen kosten eine Menge Geld. Dieses erhalte ich durch Minispiele, absolvierte Missionen oder besagtes stündliches Einkommen (welches in regelmäßigen Zeitabständen auf mein Konto träufelt). Mit jedem Shop in meinem Besitz und absolviertem Minispiel steigt das stündliche Einkommen weiter.
Doch mit einfachem Aufrüsten meiner Items ist es nicht getan, denn auch in Teil 4 gibt es wieder rollenspielartige Verbesserungen an mir selbst. Durch Missionen, Herausforderungen und waghalsige Manöver wie Drifting im Auto oder schnelles Ausschalten von Gegnern erhalte ich XP. Damit steige ich i
m Level auf und kann neue Fähigkeiten wie Schadensresistenz, mehr Munitionskapazität oder stärkere Kumpels freischalten (und dann mit Geld kaufen). Und auch hier gilt; kennt man alles schon.
Vielleicht seht ihr, worauf ich hinaus will. Ja, das Grundprinzip von Saints Row 4 ist nach wie vor superspaßig. Die Minispiele sind abwechslungsreich, das Kämpfen und Niederballern zahlloser Gegner ist nach wie vor arcadig und befriedigend, die vielen Verbesserungen und das Scheffeln von Kohle führen zu einer Suchtspirale. Doch richtig neue Gameplayaspekte sind (abgesehen von den Superkräften) rar. Viele Dinge habe ich schon gesehen, so manche neuen Fähigkeiten, Waffen oder Autos sind größtenteils identisch zu Teil 3. Ich wünsche mir mehr wirkliche Neuheiten.

So hirnrissig geil diese Mission ist: Wirklich gefährlich werden Gegner nur in solchen Massen.


Das alles fällt gerade deshalb auf, weil so manche Problemchen des dritten Teils nicht wirklich angegangen wurden. Nach wie vor ist die Spielwelt eine leer wirkende Kulisse, nach wie vor sind die Nebenmissionen im Schwierigkeitsgrad unausgegoren. Und dann noch die Gegner; statt der Polizei oder STAG bekämpfe ich zum Großteil Aliens. Deren Verhalten entspricht (abgesehen von einigen tafferen Zwischenbossen mit Superkräften, welche meinen ähnlich sind) ziemlich genau
ihren Pendants aus Teil 3. Mich beschlich manchmal das Gefühl, als hätte man einfach die bekannte KI übernommen und andere Gegnermodelle drübergestülpt. Denn ja, auch in Teil 4 ist die KI mal wieder saublöde und nur in endlosen Massen wirklich gefährlich.
Eine weitere Sache: Natürlich gibt es in Teil 4 wieder einmal eine riesige Menge an absurden Waffen und weiteren Items. Das Ausprobieren dieser macht zwar viel Spaß, aber mir fehlt einfach die Kohle, um alles entsprechend upgraden und somit ernsthaft einsetzen zu können. Somit bleibt Vieles am Ende nur Spielerei und ich doch bei meinen altbekannten Waffen. Sehr schade!

Love, death and Saints

Natürlich kann ich in Teil 4 auch wieder einige Missionen abschließen.
Die grundlegenden Aufgaben in den Quests sind meist simpel gehalten. Mal muss ich Gegner umnieten, mal von Ort A nach Ort B fahren oder einen bestimmten Ort verteidigen. Doch manchmal dreht das Spiel richtig auf. Mal hackt Kinzie für mich plötzlich einen Helikopter herbei und ich schieße zahllose Alienautos über den Haufen. Oder das Spiel verwandelt sich in einen 2D-Sidescroller, in welchem ich Gegner in feinster Street-Fighter-Manier verhaue. Oder es wird vorübergehend zum Textadventure, aus dem ich irgendwie herausfinden muss.

Bock auf Top-Down-Shooter? Nein? Pech gehabt!


Die abgefahrenen Dialoge, die ich währenddessen mit meiner Crew führe, setzen dem Ganzen die Krone auf.
Genug Abwechslung ist damit also auf jeden Fall gegeben. Eine weitere Neuerung: Für viele Freunde kann ich nun bestimmte Aufträge als eine Art „Loyalitätsmission“ erledigen. Das bringt mir spielerische Vorteile, zum Beispiel kann ich Freunde als Gefährten im Kampf einsetzen. Außerdem beeinflussen absolvierte Loyalitätsmissionen das Spielende. Ein Schelm, wer dabei an Mass Effect denkt!
Aber leider sind nicht alle Missionen so cool und durchdacht, manchmal hake ich einfach nur Minispiele und Shops auf der Karte ab. Außerdem wurde das Feature des Vorgängers, bei welchem ich zu Missionsende eine von mehreren Belohnungen wählen durfte, ersatzlos gestrichen. Warum? Gute Frage!

Sinnlos im Cyberspace

Die Abwechslung macht sich auch beim Humor bemerkbar. Häufig gehen Witze klar unter die Gürtellinie, vor allem aber parodiert Teil 4 diverse Filme und Videospiele. Dass die Matrix-Reihe immer mal wieder durch den Kakao gezogen wird, ist fast schon logisch, genauso häufig zieht sich das Spiel aber auch über die Mass-Effect-Reihe her. Auch andere Franchises wie Game of Thrones, Splinter Cell oder Prototype kriegen ihr Fett weg.

Als riesige Statue verprügele ich ein mutiertes Energy-Drink-Maskottchen, inmitten vom Wolkenkratzern. Warum? Darum!


Davon abgesehen machen es auch die kleinen Momente aus. Wenn die ziemlich introvertierte Kinzie plötzlich einen starken Killerinstinkt entwickelt, wenn ich mit meinem Kumpel Pierce durch Steelport brettere und wir zu Radiosongs furchtbar schlecht mitträllern, wenn Shaundi sich endlos über ihr früheres Ich auskotzt, dann kann ich einfach nicht anders als zu lachen. Eine weitere, witzige Neuerung: Nun kann ich auch Romanzen mit meinen Teammitgliedern beginnen. Ohne hier zu viel zu erraten: Es läuft ein wenig… anders, als man zuerst denken mag. So oder so: Saints Rows Humor schießt wieder einmal über alle Grenzen, ist fies und gleichzeitig richtig nerdig. Genau so mag ich das!

Das wahre Konservativ

Optisch bietet Teil 4 ein paar Neuerungen. Raumschiffe, Ufos und merkwürdige Alienarchitektur halten in Steelport Einzug, von der Farbgebung her bietet Teil 4 mehr Rottöne als sein Vorgänger und wirkt dadurch Sci-Fi-Artiger, etwas „cyberpunkiger“.

All diese Explosionen können nicht über die betagten Texturen und Beleuchtung hinwegtäuschen.


Rein von der Technik her hat sich aber fast nichts verändert. Texturenschärfe, Sichtweite, Partikeleffekte, auch viele Animationen kennt man bereits vom Vorgänger. Das ist insofern schade, als dass schon Teil 3 keine wirklich schöne Optik geboten hat. Was hätte man hier mit verbesserten Wettereffekten oder schickerer Beleuchtung herausholen können,
wie gut das zu der cyberpunkigen Atmosphäre gepasst hätte!
Auch solche Dinge wie unsaubere Spawnpunkte oder Objekte, die aus der Ferne „aufploppen“, sind nicht wirklich angegangen worden. Eine Sache hat sich aber verbessert; Spielabstürze und nicht abschließbare Missionen hatte ich diesmal nicht. Insofern ist wenigstens die technische Stabilität verbessert worden.

Fazit

Nach knapp 20 Stunden Spielzeit hatte ich Saints Row 4 durchgespielt, einige weitere DLCs wie „Enter the Dominatrix“ bereits eingerechnet. Und wie bereits gesagt hatte ich wirklich viel Spaß. Die vielen abgefahrenen Nebenmissionen, die arcadige Action mit den coolen Superkräften und nicht zuletzt die Story, welche auf den ohnehin schon absurden Plot des Vorgängers noch einen draufsetzt, das alles hat mir richtig gut gefallen und mich ständig zum Lachen gebracht. Saints Row 4 hat mir das gegeben, was ich von einem Saints Row erwarte.
Doch ich habe auch ein paar Neuerungen erwartet. Von denen gibt es aber fast keine und obendrein hat das Spiel teils elementare Probleme seines Vorgängers nicht gelöst. Und das hat manchmal sauer aufgestoßen.
Ich gebe dem Spiel letztendlich 81 Punkte. Es fetzt wirklich. Doch geht eher mit der Erwartung heran, dass ihr keinen wirklich neuen Teil, sondern eher ein sehr großes Add-On zu Teil 3 spielt. Denn letztendlich fühlt es sich genauso an. Wie ein (sehr gut gemachtes) Extracontentpack.

Jetzt eigenen Artikel veröffentlichen

Schreib Deinen eigenen Artikel auf GameStar und tausche Dich mit anderen Lesern aus.

Eigenen Artikel schreiben

Wertung
Pro und Kontra
  • Abgefahrener Plot voller cooler Charaktere und Wendungen
  • Viele verschiedene Missionstypen
  • Superkräfte peppen Spielgefühl auf
  • Arcadige, satte Action
  • Motivierende Rollenspielelemente und sonstige Verbesserungen
  • Gut umgesetzte Fahrzeugsteuerung
  • Einfach dieses klassische Saints-Row-Gefühl
  • Abgesehen von Superkräften kaum richtige spieltechnische Neuerungen
  • Spielwelt eher Kulisse, bietet keine direkte Interaktion
  • Gegner immer noch strunzdoof
  • Manche Missionen recht uninspiriert gestaltet

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



Kommentare(2)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.