Größer, komplexer und (fast immer) besser

Rezension: „Mittelerde: Mordors Schatten“ – Version 1.21 – Plattform: Steam

von ModuGames am: 20.12.2020

Hinweis: Ich empfehle, dass Sie zuerst meine Rezension zum Vorgänger lesen.

Mordors berühmtestes Mensch-Geist-Duo greift in Mittelerde: Schatten des Krieges, dem 2017 erschienenen Nachfolger zum Action-Adventure Mordors Schatten (2014), erneut zu den Waffen. Diesmal drehen die Entwickler jedoch an allen Reglern und wollen eine rundum bessere Fortsetzung liefern – aber klappt das auch?

Jetzt geht's Sauron ans Leder

Wir schlüpfen erneut in die Rolle des untoten Waldläufers Talion aus Gondor, der weiterhin mit seinem geisterhaften Kumpanen den dunklen Machenschaften Saurons Einhalt gebieten möchte. Besagter Geist hat sich im Verlauf des Vorgängers als der Ringschmied Celebrimbor herausgestellt, der seinerseits persönliche Probleme mit Sauron hat. Talion und Celebrimbor beschließen nun im Prolog des Spiels, ihre Rebellion gegen den Dunklen Herrscher richtig ernst anzugehen, indem sie ihren eigenen Handschmuck erschaffen. Das Resultat ist der überaus mächtige „Neue Ring“, der es den beiden ermöglicht, ganze Armeen von Orks zu befehligen, um es mit Saurons eigenen Horden aufnehmen zu können. Dementsprechend beschäftigt sich auch der Großteil des Spiels damit, seine eigenen Streitkräfte zu verstärken.

Talion (rechts) und Celebrimbor (Mitte) werden von der Elbenfrau Eltariel (links) dabei unterstützt, Saurons Ringgeister zu vernichten. 

Die Hauptgeschichte ist – mehr noch als in Mordors Schatten – in mehrere Subplots aufgeteilt, die parallel verlaufen und nur teilweise etwas miteinander zu tun haben. Insgesamt gibt es fünf Personen(gruppen), für die Talion Aufträge erfüllt: „Brûz“ ist der erste Orkkommandant in Talions Armee. Dementsprechend drehen sich diese Missionen oft um die Funktionen des Nemesis-Systems. Der Waldgeist „Carnán“ verpflichtet Talion, gegen einen Nekromanten-Ork vorzugehen, der einen Balrog erweckt. „Eltariel“ ist eine Elbendame, die von Galadriel geschickt wurde, um die Nazgûl, Saurons Ringgeister, zu bekämpfen. Die „Gondor“-Aufträge beschäftigen sich mit der Stadt Minas Ithil, die vom Hexenkönig und seinem Gefolge eingenommen wird. Talion hilft den Geflüchteten, aus Mordor zu entkommen. Zuletzt gibt es noch die Spinne „Kankra“ (man kennt sie aus dem letzten Herr-der-Ringe-Film), die Talion mit ihren Visionen leitet. Kankra ist übrigens eine Gestaltwechslerin und tritt meist als menschliche Frau im schwarzen Kleidchen auf.

Die Story – ein zweischneidiges Schwert

Auf dem Papier klingt das gar nicht übel: Die Nazgûl, Waldgeister, sogar ein Balrog! Fast die gesamte Mittelerde-Prominenz tritt in diesem Spiel auf – der Schauwert ist durchaus hoch. Das Problem an diesen Nebengeschichten ist, dass so viele von ihnen einfach nur stumpfer, repetitiver und konsequenzloser 08/15-Kram sind. Gerade die Carnán-Missionen sind stellenweise so langweilig, dass ich das Spiel ab und zu unterbrechen musste, um etwas Spannenderes zu tun. Zum Beispiel Gras beim Wachsen zuzusehen. Zumal sich die Missionsreihen teilweise scheinbar willkürlich in unterschiedliche Regionen verlagern, wodurch kein richtiger Spielfluss aufkommt. Problematisch daran, Talion gegen so viele unterschiedliche und mächtige Gefahren antreten zu lassen, ist auch das, was ich als das „The-Force-Unleashed-Problem“ bezeichne: Verglichen mit dem, was der Protagonist im Spiel erreicht, sehen die eigentlichen Helden der Erzählung (Bilbo, Frodo, Sam, Aragorn etc.) ziemlich alt aus. Mal ganz davon abgesehen, dass die Ereignisse der Mittelerde-Spiele sowieso nicht mit dem Kanon vereinbar sind. Deshalb: Wenn Sie etwas auf Kontinuität im Herr-der-Ringe-Universum gegen, könnte Ihnen dieses Spiel sauer aufstoßen.

Die Geschichte von Schatten des Krieges ist zwar effektgewaltig, aber oft steckt zu wenig erzählerisches Geschick dahinter. Dieser Balrog sieht cool aus, aber er erfüllt keinen Zweck für die Handlung.

Es ist eigentlich enorm schade, denn Schatten des Krieges ist erzählerisch besser als sein Vorgänger. Die Figuren wirken nicht mehr so statisch wie in Mordors Schatten und man kann sich besser mit ihnen identifizieren. Vor allem Talion füllt seine Rolle als tragischer Held, der seine Seele opfert, um Sauron zu bekämpfen, nun deutlich besser aus. Auch das Ende ist nicht mehr so antiklimaktisch wie im Vorgänger – ganz im Gegenteil: Schatten des Krieges trifft gegen Ende des Spiels einige außerordentlich mutige erzählerische Entscheidungen. Problematisch ist allerdings, dass es ein verstecktes Ende – welches übrigens erstaunlich ergreifend ist – gibt, für das man aber unzählige Festungen erobern und verteidigen muss. Daher empfehle ich, die eigentliche Haupthandlung durchzuspielen und vor dem Grind aufzuhören. Das richtige Ende kann man sich auf YouTube anschauen.

Die Spielwelt von Mordor

Wie schon im Vorgänger bereisen Talion und Celebrimbor verschiedene Gebiete von Mordor. Diesmal sind es fünf an der Zahl: Nurn, welches durch Wälder und Wiesen geprägt ist, das eisige Seregost, Cirith Ungol, das durch Felslandschaften besticht, und das geradezu apokalyptische Gorgoroth – quasi Saurons Vorgarten. Wie man hier sieht, ist die optische Abwechslung enorm groß. Auch der Sammelkram innerhalb dieser kleinen Open Worlds ist besser als im Vorgänger, aber natürlich immer noch nicht wirklich spannend. Das fünfte Gebiet ist Minas Morgul, das allerdings eine Sonderstellung einnimmt. Alle anderen Regionen besitzen nämlich eine Festung, die man erobern kann. Diese massiven Burgen werden von einem Oberherren und seinen Gefolgsleuten kommandiert. Talion wiederum musst selbst eine eigene Ork-Armee rekrutieren und die Verteidiger vor der Belagerung schwächen, um seine Chancen zu verbessern.

Die Festung in Seregost steht unter Talions Kontrolle. Hier sieht man auch die Hierarchie der Kommandanten: Um eine Festung zu erobern, sollte man die Häuptline ausschalten, die unter dem Oberherren stehen, denn diese bringen fiese Verteidigungsanlagen mit.

Die Belagerung selbst ist eine ziemlich lineare Angelegenheit: Man muss mehrere Punkte innerhalb der Festung einnehmen und stellt sich am Ende dem Oberherren. Grundsätzlich ist es sehr gut, dass sich das Spiel an etwas größeren Schlachten versucht. Man darf zwar keine hunderte oder tausende Orks erwarten, die gegeneinander kämpfen, aber immerhin ein paar Dutzend, was schon eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger darstellt – zumal die Belagerungen auch noch ganz nett inszeniert sind. Hat man sich um den Oberherren gekümmert, darf man einen eigenen Gefolgsmann als neuen Chef einsetzen. So schön das Burgenerobern auch ist, ist dies allerdings auch der einzige Inhalt des Endgames, das man bestreiten muss, um an das wahre Ende zu gelangen. Dieses Endgame, genannt „Die Schattenkriege“, kann man sich vorstellen wie ein Tauziehen zwischen Talion und Sauron um den Besitz der Burgen. Diesen Grind kann ich aber niemandem ernsthaft empfehlen. Bis man zu dieser Phase des Spiels gelangt, hat man aber mindestens schon 15 Stunden auf der Uhr. In meinen bisherigen Spieldurchgängen in Schatten des Krieges habe ich einmal 17 und einmal 19 Stunden gebraucht, um das Ende der Hauptgeschichte zu sehen.

Verbesserungen an allen Ecken und Enden

Die Belagerungen mögen die größte Neuerung des Spiels sein, aber auch im Detail hat sich viel getan. Zum Beispiel gibt es neue Bewegungsmanöver wie den Doppelsprung, der ziemlich cool aussieht. Allerdings ist die Steuerung, wie es für Third-Person-Action-Adventures mit Klettereinlagen leider üblich ist, nicht sehr präzise, weshalb man oft in die falsche Richtung oder zu weit springt (zum Glück gibt es keinen Fallschaden!). Das Batman-ähnliche Kampfsystem ist nach wie vor sehr spaßig und läuft gut, diesmal gibt's jedoch noch Olog-hai (Kriegstrolle) und kleine Drachen als Gegner. Auch das Nemesis-System, welches im Vorgänger schon der Star des Spiels war, wurde ausgebaut, sodass noch mehr absurde Orks auftauchen. Zum Beispiel hatte ich eine tolle Rivalität mit einem Ork, der nicht sterben konnte – jedes Mal, wenn ich ihn erledigt hatte, kam er kurz darauf wieder zurück, immer etwas entstellter als zuvor. Mein Favorit ist allerdings ein singender Ork mit Laute, den ich in meine Armee aufgenommen und wahnsinnig gemacht habe. Ich als Gitarrist konnte mich hervorragend mit ihm identifizieren. Der Nachteil am Nemesis-System ist natürlich, dass man zwar potenziell viele coole Orks sehen kann. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein – die Gegenspieler werden bis zu einem gewissen Grad prozedural generiert. Man kann also auch relativ leer ausgehen, wenn man kein Glück hat. Trotzdem ist das Nemesis-System enorm unterhaltsam.

Wer im richtigen Moment kontert, kann es mit mehreren Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Generell arbeitet das Spiel deutlich mehr mit Talions Geisterfähigkeiten, so kann er etwa Doppelsprünge ausführen oder besonders schnell rennen.

Damit auch jeder die bereits beschriebenen neuen Gegner angemessen bekämpfen kann, bietet Schatten des Krieges fünf Schwierigkeitsgrade: Einfach, normal, Erzfeind, brutal und Grabwandler. Ich habe das Spiel auf „normal“ und „Erzfeind“ durchgespielt, letzteren würde ich Kennern des Vorgängers empfehlen. Auch das Skillsystem wurde überarbeitet: In Mordors Schatten war es in Fähigkeiten und Attribute aufgeteilt, wobei letztere Dinge wie zwei zusätzliche Pfeile für den Bogen oder mehr Gesundheit freigeschaltet haben – ziemlich unspektakuläres Zeug. In Schatten des Krieges entfallen die Attribute, dafür gibt es mehr Fähigkeiten, so ist es etwa möglich, auf Drachen zu reiten oder Dolche zu werfen. Es gibt 37 Hauptfähigkeiten, allerdings lassen sich diese in den meisten Fällen auch noch ausbauen, wobei man sich zwischen zwei oder drei Optionen entscheiden muss. Summa summarum kommt man so bei 130 Fähigkeiten raus. Schatten des Krieges geht auch anders mit Ausrüstung um als sein Vorgänger. Dort konnte man lediglich Talions Waffen verbessern, jetzt gibt es – ähnlich wie in einem Rollenspiel – komplett neue Ausrüstungsgegenstände, die man von getöteten Hauptmännern und für abgeschlossene Missionen erhält. Das ist zwar kein System, das ich als notwendig erachte, aber es macht das Spiel auch nicht schlechter.

Kleine Kritikpunkte

Dafür ist Schatten des Krieges von einer Reihe unnötiger Minispiele durchzogen: Wenn man etwa einen Aussichtsturm aktiviert, muss man, als wäre man das Auge auf der Turmspitze, alle sammelbaren Gegenstände im Umfeld manuell markieren. Dies funktioniert so, dass um den Cursor herum ein Kreis auftaucht, der kleiner wird, je näher man an eine Sehenswürdigkeit heranfährt. Der spielerische Gehalt läuft gegen null. Die sammelbaren Ithildin-Markierungen (elbische Schriftzeichen, die man an Wänden findet) muss man zuerst mit Maus und Tastatur scharfstellen, da sie vorher verschwommen sind. Auch hier liegt absolut kein Mehrwert in der Mechanik. Und natürlich gibt es immer noch ein kleines Quick Time Event, wenn man ins Letzte Gefecht verfällt. Dabei muss man im richtigen Augenblick eine Taste drücken, um dem Todesstoß eines Gegners zu entgehen. Klar, das gab es schon in Mordors Schatten, ist dieses Mal aber gefühlt noch anspruchsloser. Worauf ich hinaus will: Vieles in diesem Spiel scheint wie ein Versuch, mit Ach und Krach Mechaniken einzuführen, die das Spiel verkomplizieren, ohne es besser zu machen.

Hier sieht man, wie Talion auf dem Rücken eines Drachen zum Angriff auf eine Festung bläst. Schade, dass die Steuerung des Spiels oftmals etwas schwammig ist. 

Ansonsten sorgten bei mir auch die teilweise zu langen Ladezeiten (auch in den Menüs) für Stirnrunzeln. Und wo wir gerade schon bei „lang“ sind: Trifft man im Spiel auf einen Hauptmann, begrüßt uns dieser immer mit einer kleinen Rede. Manche Orks sind allerdings echte Schwätzer, die einfach nicht aufhören wollen zu reden. Das zerstört den Spielfluss, wenn man sich gerade in einem Kampf befindet. Und eine andere Sache muss ich auch noch kritisieren: Schon der Vorgänger hatte nur zwei Speicherplätze für Spielstände (warum auch immer), aber Schatten des Krieges hat nur noch einen. Von allen schlechten Entwicklungen des letzten Jahrzehnts ist diese für mich die schlimmste. Ich fange gerne Spiele neu an, um unterschiedliche Dinge auszuprobieren, aber ich will deshalb nicht meinen alten Spielstand löschen müssen!

Ist eine Abwertung fällig?

Nach der Veröffentlichung von Schatten des Krieges stießen vor allem die Lootboxen des Spiels auf viel Kritik. Soweit ich die Situation beurteilen kann, wurden jegliche Mikrotransaktionen entfernt, zumindest konnte ich keine Möglichkeit entdecken, noch zusätzlich Geld auszugeben (mit Ausnahme der DLCs). Insofern ist eine Abwertung für Pay2Win oder Lootboxen nicht notwendig. Dennoch besitzt Schatten des Krieges eine gewisse Online-Komponente, so kann man etwa die Festungen anderer Spieler erobern. Ich persönlich halte das für immersionszerstörend: Wenn ich gerade in ein Einzelspieler-Abenteuer eintauche, will ich nicht darüber informiert werden, dass ich die Burgen von wildfremden Leuten einnehmen kann!

Wer besonders mächtige Orks wollte, musste zu Release noch in Lootboxen investieren. Zum Glück wurden die Mikrotransaktionen im Spiel mittlerweile abgeschafft. 

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Technik: Schatten des Krieges ist, wie auch schon sein Vorgänger, ein gutaussehender Titel. Mein PC (GTX 980, i7-6700k, 16 GB DDR4) schafft das Spiel war nicht mehr flüssig auf den „Ultra“-Einstellungen, aber auch auf „hoch“ ist die grafische Qualität überzeugend. Die Sprecher sind solide bis wirklich gut und auch der Soundtrack gefällt mir besser als im Vorgänger (von der brillianten Musik der Filme sind wir aber nach wie vor meilenweit entfernt). Das klingt alles erst einmal ganz ordentlich – aber hier kommt der Haken: Ich hatte bis zum Ende der Haupthandlung keinerlei technische Probleme. Danach, also im Endgame, habe ich allerdings regelmäßige Abstürze erlebt. Selbst auf den niedrigsten Grafikeinstellungen (und nachdem ich einige Änderungen in meiner NVIDIA-Systemsteuerung vorgenommen hatte), fror das Spiel ohne offensichtlichen Grund ein. Offen gestanden weiß ich nicht genau, wie ich damit umgehen soll, denn die Probleme sind eigentlich erst aufgetreten, nachdem ich mit dem Spiel im Prinzip schon fertig war. Ich werde zwar um verhältnismäßig gnädige zwei Prozentpunkte abwerten, aber behalten Sie bitte im Hinterkopf, dass diese Abstürze das Endgame sehr unangenehm machen können.

Fazit

Schatten des Krieges wirkt auf den ersten Blick wie ein Nachfolger aus dem Bilderbuch, geht es doch viele Kritikpunkte an, die ich am Vorgänger hatte. Leider ist der Nachfolger von Mordors Schatten jedoch allzu oft ein „Ja, aber...“-Fall: Ja, die Hauptgeschichte ist mitreißender und die Charakterzeichnung deutlich stärker, aber dennoch muss man sich zu oft durch belanglose und unspannende Nebengeschichten kämpfen. Ja, das Nemesis-System ist ohnehin schon gut und wird jetzt noch deutlich besser, aber warum muss ich mir einen ewigen Festungen-Grind antun, nur um das richtige Ende zu sehen? Ja, die Open World ist nicht mehr ganz so langweilig, aber dafür schmeißt mir das Spiel andauernd unnötige Mechaniken vor die Füße. Für die ganz hohen Wertungsregionen reicht es daher noch nicht, dennoch hätte ich Schatten des Krieges den Sprung in den 80 Bereich gegönnt. Aufgrund der technischen Probleme gegen Ende werte ich jedoch ab – von ursprünglich 81 und 79 Punkte. Grundsätzlich reden wir hier über eine würdige Fortsetzung. Allerdings denke ich, dass es einen dritten Teil gebraucht hätte, um das Potenzial dieser Serie wirklich zu entfalten.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



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