Mit Quantum-Tunneling durchs Irrenhaus

Nach zu vielen Jahren habe ich nun endlich mal Portal 2 gespielt. Doch ist es so großartig

von Bakefish am: 20.12.2019

Das von Valve entwickelte Portal ist eines der besten Spiele aller Zeiten. Eine geniale Spielidee, mit der KI GlaDOS ein hochinteressant geschriebener und perfekt vertonter Widersacher und dieser einfach unvergleichliche Flair machten das Spiel als Teil der Orange Box anno 2007 zum Geheimtipp. Einen Kritikpunkt gab es aber; das Spiel war mit zwei Stunden Spielzeit wirklich sehr kurz. Vier Jahre später kam der Nachfolger, dreimal so lang, mit coolen neuen Inhalten und einer Handlung, die noch besser sein sollte als Teil 1. Und blitzschnell bezeichnete man auch Portal 2 als eines der besten Videospiele aller Zeiten. Doch kann das wirklich so sein? Kann es wirklich den ohnehin schon genialen ersten Teil noch übertreffen? Ich habe es ausprobiert…

An dieser Stelle noch zwei Hinweise: Da Portal 2 natürlich auf die Geschichte des Vorgängers aufgreift, komme ich ums Spoilern nicht herum. Den Koop-Modus mit den beiden Droiden Atlas und P-Body habe ich ebenfalls nicht gespielt.

 

Treffen sich ein Mensch, zwei KI und ne Kartoffel…

 

Protagonistin Chell hat erfolgreich GlaDOS besiegt und wacht nun inmitten einer Stasekammer im Komplex der Aperture Science auf, „verkleidet“ als Motelzimmer. Und schläft dann wieder ein. Als sie wieder aufwachtmuss wirklich viel Zeit vergangen sein, denn der gesamte Komplex ist vollkommen verwahrlost und heruntergekommen. Chell will nur eins: Raus aus dem Komplex. Der kleine Roboter Wheatley will dabei helfen. Die Flucht verkompliziert sich jedoch, als die beiden die vermeintlich zerstörte KI GlaDOS wieder zum Leben erwecken. Doch nach einer Wendung müssen sich GlaDOS und Chell zusammentun, weil sie nun beide in Gefahr schweben. Und auf ihrer gemeinsamen Reise bekommen sie es mit einer Kartoffelbatterie, dem ehemaligen, mysteriösen Leiter von Aperture Science, namentlich Cave Johnson und einer Dame namens Carol zu tun...

Es müssen seit dem ersten Teil einige Jahre vergangen sein. Im Vordergrund der Roboter Wheatley, im Hintergrund der Lieblingsfeind.

 

Auch in Portal 2 gibt es nur sehr wenige Figuren. Neben GlaDOS und Wheatley treten nur einige kleine Bots und Cave Johnson auf. Doch auch hier gelingt es Valve, jeder Figur ein Alleinstellungsmerkmal, eine ganz besondere und eigene Persönlichkeit zu geben. Natürlich darf GlaDOS wieder mit ihrer kalten und sehr zynisch-arroganten Art und Weise glänzen (nicht zuletzt liegt das auch an der wieder mal grandiosen Performance von ihrer Synchronsprecherin Ellen McLain). Auch der hyperaktive, verrückte Wheatley mit dem britischen Akzent und der exzentrische, übermotivierte Johnson haben ihre Momente. All diese Charaktere sind einfach großartig geschrieben und ergänzen sich perfekt.

Der schwarze Humor des Spiels und auch einige interessante Plottwists geben der Handlung zusätzliche Würze. Über das ganze Spiel hinweg baut sich damit eine Spannung auf, die in einem fulminanten Ende mündet; und so viel darf man spoilern: Auch hier gibts wieder einen coolen Song. ;-)

Ich habe viel gelacht, ich habe mich mit GlaDOS geärgert, über Johnson geschmunzelt, mitgefiebert und am Ende war ich dann doch ein bisschen traurig, dass es nun vorbei war. Sicher: Mit dem schieren Umfang eines Witcher 3 oder Mass Effect kann Portal 2 nicht mithalten. Muss es aber auch gar nicht; es macht so viel aus dem Bisschen wie möglich. Und das geht super auf!

 

Das war aber mal sauberer…

 

Aber wie schlägt sich Teil 2 denn nun hinsichtlich des Gameplays?

Zuerst die Grundlagen: Auch in Portal 2 spiele ich Chell in Egoperspektive und darf mit einer Portal Gun wieder einzelne Rätsel lösen. Mit dieser Kanone verschieße ich zwei Portale auf (fast) beliebige Oberflächen. Trete ich in das eine Portal, komme ich durch das andere Portal wieder hinaus. Ein ganz einfaches Prinzip, welches wieder die Grundlage für alle weiteren Rätsel bietet. Und auch in Teil 2 darf ich mit der Portal Gun wieder Dinge aufsammeln und verschieben. Also alles wie gehabt? Nicht ganz, ein paar Neuerungen gibts dann doch. Zum Beispiel die sogenannten Gele. Insgesamt drei Gele gibt es im Spiel und sie haben alle besondere Effekte: Das blaue Gel lässt mich hoch springen wie ein Frosch. Wenn ich über das orange Gel gleite, bewege ich mich viel schneller. Und wenn ich das weiße Gel auf einer Oberfläche verteile, kann ich Portale darauf verschießen. Auf einer Oberfläche kann ich aber immer nur ein Gel verteilen. Und teilweise kann ich Gele auch wieder abspülen.

Eine weitere Neuerung sind Traktorstrahlen. Wenn ich in ein dieser Strahlen gerate, zieht er mich in eine bestimmte Richtung. Mit bestimmten Schaltern kann ich diese Richtung umändern. Neu sind auch die nicht ganz ungefährlichen Laserstrahlen, die ich mit Spiegelwürfeln umlenken kann. Und dann gibts Katapultplattformen. Was die machen, muss ich wohl nicht weiter ausführen.

Das Zerpflücken von Turrets mit Laserstrahlen könnte solchen Spaß machen... hätten die Turrets nicht diese engelsgleichen Stimmen...

 

Anfangs löse ich sehr kleine, einfache und überschaubare Rätsel und werde sehr spielerisch an die neuen Mechaniken herangeführt. Mit der Zeit nimmt natürlich auch der Schwierigkeitsgrad zu; die Rätsel werden größer, komplexer und es werden mehr Elemente werden eingebunden, zum Beispiel muss ich mit mehreren Gelen gleichzeitig hantieren. Oder ich muss geschickter vorgehen und habe weniger Reaktionszeit. Nicht zu vergessen: Das Prinzip „Speedy thing goes in, speedy thing comes out“ gilt natürlich auch für Portal 2. Das heißt konkret: Fliege ich mit hoher Geschwindigkeit in ein Portal, sause ich mit derselben Geschwindigkeit aus dem anderen heraus. Das ist in manchen Rätseln auch ein Teil der Lösung.

Am Ende muss ich bei vielen Rätseln erst einmal einen Überblick gewinnen und nachdenken. Unfair schwer wird es aber nie, es gibt immer einen Ausgang und mit etwas Knobeln kommt man doch drauf. Man hat also immer eine Chance (selbst ich hab es geschafft, das Spiel ohne Hilfe durch zu spielen… dafür klopfe ich mir bis heute auf die Schultern ^^).

Solches Gel lässt sich auch auf Würfel patschen. Damit verleiht man ihnen Flummi-Eigenschaften.

 

Kurzum: Die Rätsel machen einfach Spaß. Es ist nie frustrierend, die neuen Elemente sind sehr sinnvoll ins Spiel eingebunden und… seien wir doch ganz ehrlich, es fetzt einfach, wenn man durch Decken, Wände und den Boden fliegt, über Gele saust oder hüpft und in Traktorstrahlen umherwabert. Es macht schon fast zu viel Spaß, ein ganzes Level mit der Pampe zuzukleistern, Laserstrahlen kreuz und quer durch ein Level schießen zu lassen oder über riesige Abgründe zu hechten. Und wenn man dann wieder ein Rätsel geschafft hat, kann man auch mal stolz sein. Und mit freudigen Erwartungen ab zum nächsten Rätsel.

 

Singende Turrets und geniale Irre

 

Auch wenn Portal 2 offiziell im Half-Life-Universum angesiedelt ist, übernimmt es nicht wirklich viel von dessen Düsterkeit. Ich stoße wieder auf die viel zu niedlichen Geschütze, höre mir die Eskapaden und Ausfälle von Cave Johnson an und ständig nervt mich die unfassbar zynische, aber irgendwie auch liebenswürdige GlaDOS. Ich bekomme das Gefühl, als einzige Vernünftige in einem sehr, sehr großen Irrenhaus zu stecken.

Manchmal liegen das Genie und der Wahnsinn wirklich zu nahe beieinander...

 

Und dennoch muss ich so viel lachen - weil die anderen Charaktere trotz allem so sympathisch und irgendwie auch liebenswürdig erscheinen.

Dann kommt noch der recht futuristische, elektronische Soundtrack dazu, der meistens aber recht dezent im Hintergrund bleibt und die hyperfuturistische Technologie der Aperture Science wunderbar ergänzt.

Portal 2 präsentiert mir am Ende ein wirklich witziges Gemisch aus schrillem Wahnsinn, dezentem Futurismus und viel Boshaftigkeit. Und das ist nicht nur für ein Rätselspiel einzigartig. Kein anderes Spiel kann das in so einer Art und Weise nachmachen. Einfach großartig!

 

Nicht nur der Komplex ist alt geworden…

 

Abschließend noch ein paar Worte zur Technik des Spiels.

Die Steuerung ist durchweg gut umgesetzt worden. Auch Portal 2 steuert sich sehr shootertypisch - ob Laufen, Springen, Ducken, man kennt das aus anderen Shootern. Die beiden Portale verschieße ich mit den beiden Maustasten. So einfach, so intuitiv. Das Bewegen und Anvisieren ist sehr präzise – bei einem solchen Spiel auch ein K.O.-Kriterium. Frustration aufgrund unnötiger Fummelei tritt hier also nicht auf.

Portal 2 läuft auf der von Valve selbst entwickelten Source Engine. Diese mochte damals bei Half-Life 2 noch topaktuelle Grafik liefern, im Jahr 2011 war sie aber schon arg angestaubt. Mögen Lichteffekte und Leveldesign noch gut umgesetzt sein, ist die Texturenqualität nicht mehr die beste und auch Partikeleffekte sind etwas spärlich ausgefallen. An sich ist die Grafik aber keine Katastrophe bzw. fällt nicht allzu negativ auf. Für das Spielprinzip ist sie vollkommen ausreichend.

Eine absolute Augenweide ist Portal 2 nicht mehr. Ab und zu gibts aber auch mal offenere Abschnitte zu sehen und die gehen noch voll in Ordnung.

 

Nerviger – und damit komme ich wohl zum einzigen wirklichen Kritikpunk des Spiels – sind hier die Ladezeiten. Nach fast jedem Rätsel muss das Spiel eine kurze Ladepause einlegen, bis ich den nächsten Raum betreten kann. Gerade wenn man Rätsel einigermaßen schnell gelöst hat und dann wieder eine Zeit warten muss, verdreht man da schon mal die Augen. Aber das ist wirklich ein Jammern auf hohem Niveau.

 

Fazit

 

Kann Portal 2 denn nun an den Vorgänger anschließen? Kann es das so simple, aber auch so geniale Prinzip noch erweitern, sogar toppen? Bietet auch Teil 2 wieder genug GlaDOS?

Die Antwort: Ja, ja und ja. Nicht nur bringt Teil 2 eine feine Menge an richtig coolen neuen Spielelementen. Es bietet noch mehr unnachahmliche Figuren, noch mehr zu sehen, noch mehr Grübeleien und noch viel mehr Lacher. Dieses Spiel ist einfach ein Unikat. Die coolen Rätsel, das Knobeln und Rumprobieren, das Gefühl beim Erfolg, der böse Humor, erfrischend emotionale Szenen. Kein anderes Rätselspiel bietet eine solche Mischung. Und dann ist Portal 2 tatsächlich auch wesentlich länger als Teil 1! In etwa die dreifache Spielzeit kann man für Portal 2 einplanen. Das ist auch nicht megalang, wenn man den nun wirklich kurzen Vorgänger bedenkt. Aber viel länger muss es auch nicht unbedingt sein. Ich bin die paar Stunden über super unterhalten worden und habe den Abspann sehr zufrieden angesehen.

Am Ende kann ich Portal 2 eigentlich uneingeschränkt jedem Zocker empfehlen. Es wird sich lohnen, denn alles, was man in Kauf nehmen muss, sind ein paar nervige Ladezeiten.

Und wer man nach dem Abschluss der Geschichte noch nicht genug gekriegt hat, dem empfehle ich die Mod „Portal Stories: Mel“, welche vom Schwierigkeitsgrad her direkt an das Hauptspiel anschließt und teilweise sehr knackige Rätsel serviert.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Coole Geschichte voller liebenswürdiger Charaktere und mit einigen Wendungen
  • Perfekt durchdachtes Spielprinzip
  • Viele neue und coole Spielelemente
  • Sehr angenehme Lernkurve
  • Rätsel zwar fordernd, aber nie frustrierend
  • Deutlich länger als der Vorgänger
  • Nervige Ladezeiten zwischen Rätseln

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 5, weniger als 10 Stunden



Kommentare(14)

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