Schrecken und Hoffnung der Revolution im ruhigen Gewand

Ein klasse Spiel! Wer eine düstere Story mit Entscheidungen zwischen hell- und dunkelgrau mag und ruhiges Gameplay nicht fürchtet, sollte hier unbedingt...

von Nachtmann am: 09.02.2020

STORY:

Ein paar Jahre nach dem Sturm auf die Bastille ist die Revolution noch im vollen Gange. Robespierre gilt als der mächtigste Mann in Frankreich und treibt die politischen Entwicklungen weiter voran. Ihr spielt Alexis Fidéle, einen Richter und Familienvater. Als Sohn einer Advokatenfamilie genießt ihr eine gewisse Reputation auch wenn eure Trink- und Spielsucht weithin bekannt ist.

Die französische Revolution bietet hier nicht nur die Kulisse sondern ist integraler Bestandteil. Die revolutionäre Jury gibt während der Gerichtsverhandlungen ihr Votum ab und der Staatsanwalt vertritt die Belange des revolutionären Frankreichs. Auch eure Urteile und Entscheidungen wirken sich auf das Verhältnis zum Volk, den Revolutionären und den Aristokraten aus.

Generell ist das Spiel in drei Akte unterteilt, deren Übergänge durch drastische Wendungen eingeleitet werden. In den Akten seid ihr als Spielfigur sehr unterschiedlichen Gegebenheiten ausgesetzt, die sich auch auf das Gameplay auswirken. In meinem bisher einzigen Spieldurchlauf ging alles den Bach runter, immer wieder durchzogen von Erfolgen und Lichtblicken. Dadurch gab es weder einen Sieg ohne Rückschlag, noch eine Tragödie ohne Hoffnung, sodass ich mich niemals als Herr der Lage fühlte, aber auch niemals in eine absolut aussichtslose Situation geriet. Inwiefern sich der Ablauf mit anderen Entscheidungen unterschiedlich gestalten lässt kann ich also nicht sagen. Allerdings wirkten sich viele meiner Entscheidungen spürbar aus, manche auf den gesamten Spielverlauf, manche nur auf einzelne Ereignisse.

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GAMEPLAY:

Die Geschichte wird durch unterschiedliche Aktivitäten angemessen unterstützt. Während Unterhaltungen, Gerichtsverhandlungen und Intrigen werden immer wieder Entscheidungen von euch gefordert. Die Unterhaltungen und Gerichtsverhandlungen bilden hierbei eindeutig das Kernstück von We. The Revolution.

In den Unterhaltungen lernt ihr eure Familie, euren Mentor, eure Widersacher oder Unterstützer und viele weitere Figuren kennen. Die schlichte Inszenierung ringt euch zwar viel Leselust ab, bringt euch die glaubhaft geschriebenen Figuren aber tatsächlich näher und lässt euch manche von ihnen ans Herz wachsen.

Die Gerichtsverhandlungen hingegen fordern vor allem das aufmerksame Lesen der unterschiedlichen Berichte um durch korrektes Verbinden der Hinweise überhaupt erst Fragen an den Angeklagten freizuschalten. Welche Fragen ihr stellt und in welcher Reihenfolge bleibt euch überlassen und beeinflusst letztlich welches Votum die Jury abgibt. Euch bleibt also stets die Wahl ob ihr unvoreingenommen alle Fragen stellen wollt oder ob ihr versucht durch weglassen bestimmter Fragen die Jury in eine bestimmte Richtung drängen.

Abseits der Hauptbeschäftigungen könnt ihr euch meist optional im Glücksspiel oder als Redner beweisen. Besonders im ersten Akt fördert das gemächliche Entdecken der unterschiedlichen Betätigungen die Nachvollziehbarkeit für diese Elemente.

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DESIGN:

Die Gestaltung des Spiels ist großartig gelungen, auch wenn es wie Story und Gameplay nicht jedermanns Sache sein dürfte. Die Basis der Grafik bilden Polygone, wodurch mal großartige, mal eher dürftige Bilder entstehen. Allerdings stellt sich diese Darstellung auch als einprägsames Alleinstellungsmerkmal heraus.

Abseits der alltäglichen Darstellungen von Unterhaltungen und Gerichtsverhandlungen warten nach Abschluss der meisten Tage kleine Sequenzen in Form von Comicstrips. Hierbei gelingen immer wieder großartige Bilder die beeindrucken und im Kopf bleiben. Etwa wenn bei einem Familienspaziergang durch Paris der jüngere Sohn auf den Schultern sitzt und dabei die Beine um den Hals schlingt, während ein paar Meter weiter einem Mann die Schlinge um den Hals gelegt wird um ihn während eines Aktes von Lynchjustiz zu erhängen. Diese eindrucksvolle Gegenüberstellung von Freude und Verzweiflung, Ordnung und Chaos, Harmonie und Gewalt lässt einen stets nachdenklich zurück, ob es in dieser Welt überhaupt ein "gutes Handeln" gibt.

Ebenso wird die Trikolore (blau, weiß, rot) in nahezu jedem Bild eingesetzt. Das bindet die Darstellungen nicht nur zusätzlich in den Kontext der Geschehnisse ein, sondern unterstützt zumeist die Gegenüberstellung der Unterschiede. All dies führt zu großartigen Bildern, die nur von erfahrenen Künstlern kommen können und dem Spiel so einen einzigartigen Charakter verleihen.

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WEITERES:

Gerichtsverhandlungen scheinen heutzutage etwas aus Zeit gefallen zu sein. Ähnlich wie bürokratische Vorgänge an sich, ist der Ablauf meist dröge und verlangt viel Geduld, jedoch sind die Konsequenzen von Gerichtsverhandlungen umso drastischer. Ob ein Verbrechen stattgefunden hat und ob der Angeklagte dafür die Verantwortung übernehmen muss, kann einen Freispruch, eine Gefängnisstrafe oder die Todesstrafe nach sich ziehen. Inwiefern man sich hierbei der Wahrheit verpflicht und in wessem Sinne man entscheidet, bleibt einem selbst überlassen.

Allerdings beeinflussen Urteile nicht nur die direkt Beteiligten sondern wirken sich oft auf weitere Kreise aus. An diesem Punkt und den moralischen Abwägungen dahinter, gelingt dem Spiel ein eindeutiger Verweis auf die heutige Zeit. Denn Recht wird auch heute im Namen des Volkes gesprochen, aber ob Urteile diesem Anspruch gerecht werden, oder für Eigeninteressen zweckentfremdet werden ist heute wie damals eine spannende Frage.

Wenn sich dann auch noch Herrscher in We. The Revolution der Wahrheitsfindung und dem Urteil eines Gerichts beugen müssen, sich in der heutigen Zeit aber selbst in etablierten Demokratien einer solchen Rechtsprechung entziehen können wird die Auswirkung dieses Spiel umso deutlicher.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Gestaltung
  • Zwischensequenzen als Comicstrips
  • Stimmung
  • moralische Grautöne
  • sehr gut geschriebene Texte
  • stimmiges Gameplay
  • angemessene Darstellung der Richtertätigkeit
  • Scheitern kaum möglich
  • bringt die Geschichte näher
  • begeisternde Reden halten
  • Kämpfe gegen Ende
  • nur auf englisch
  • viel Text
  • Fraktionen schwer nachzuvollziehen
  • wenig Handlungsmöglichkeiten während Intrigen

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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