Wenn die inneren Werte fehlen

Rezension: „Gothic 3: Götterdämmerung“ – Enhanced Edition Version 2.01.08 – Plattform: Steam

von ModuGames am: 27.11.2021

Hinweis: Ich empfehle, dass Sie zuerst meine Rezension zum Grundspiel lesen.

Nach Gothic 3, welches zur Veröffentlichung von Bugs geplagt wurde, trennen sich das Entwicklerstudio Piranha Bytes und der Publisher JoWooD. Die im Jahr 2008 veröffentlichte Erweiterung „Götterdämmerung“ wurde daher von Trine Games entwickelt, von denen mit Sicherheit nicht nur ich noch nie etwas gehört habe. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Vom Schurken zum strahlenden Ritter

Einige Jahre nach dem Ende von Gothic 3 hat sich der erhoffte Frieden nicht eingestellt. Myrtana ist zwischen vier Herrschern aufgeteilt, die sich untereinander bekriegen. Das passt unserem namenlosen Helden überhaupt nicht und so begibt er sich erneut nach Myrtana, um das Land zu vereinen und dauerhaften Frieden zu bringen. Das klingt ja erst einmal ganz nett. Die Erzählung hat allerdings einige Probleme, zum Beispiel wird die Entscheidungsfreiheit von Gothic 3 nicht berücksichtigt. Götterdämmerung erzählt mir immer wieder von bestimmten Ereignissen, allerdings sind diese für mich nie wirklich passiert, da ich mich anders entschieden habe. Doch nicht nur das ist sehr verwirrend, auch die Charakterzeichnung meines Helden hat mich überrascht.

Im Intro duellieren sich das namenlose Held und Xardas. Das wird in sehr, sehr hässlichen Standbildern erzöhlt.

Dazu muss man wissen, dass mein Protagonist in Gothic 3 ein ziemlich egoistischer Drecksack war, der alle übers Ohr gehauen hat. Das schien mir im Kontext der Spielwelt auch die sinnvollste Verhaltensweise zu sein. In Götterdämmerung wiederum präsentiert sich der Protagonist als Helfer der kleinen Leute, dem nur an Frieden und Einheit gelegen ist und jegliche Verbrechen verabscheut. Woher kommt auf einmal diese Tugendhaftigkeit? Die Dialogzeilen meines Helden sind so voller Pathos, dass es stellenweise schwer auszuhalten ist. Vor allem, weil der Synchronsprecher des Helden seine Zeilen auch noch ohne jegliche Motivation vorträgt.

Gebt mir die Piranha-Bytes-Dialoge zurück!

Generell müssen wir über die Dialoge reden. Die Gespräche in Gothic 3 waren noch nie wirklich gut, aber sie haben ihren Zweck erfüllt. Was die Erweiterung abliefert, ist deutlich schlechter. Generell wurde der Informationsgehalt der Aussagen deutlich verringert, stattdessen verbringt man nun viel Zeit mit absolut nutzlosen Dialogen, die zu nichts führen. Und wie lieblos manche Zeilen aufgenommen wurden! Teilweise merkt man, wie einzelne Wörter in offenbar schon existierende Audioaufnahmen eingefügt wurden, was absolut furchtbar klingt.

In der Haupthandlung müssen wir einen Informanten retten, um einen Schwarzmagier ausfindig zu machen. Besagter Zauberer hockt übrigens gar nicht auf einem Hügel, wie uns das Spiel weismachen will, sondern befindet sich in einer Höhle. Seufz.

Die Probleme der Dialoge wirken sich auch auf das Questsystem aus. Am Hauptspiel habe ich noch gelobt, dass die Weg- und Aufgabenbeschreibungen der NPCs so akkurat sind, dass man keine Zusammenfassung der Quest im Questlog mehr braucht. Das ist nun nicht mehr der Fall. Die Beschreibungen der Auftraggeber sind nicht nur unzureichend, sondern oft auch schlichtweg falsch. Mehrmals musste ich eine Komplettlösung konsultieren, weil die interne Logik des Spiels kaputt ist. Götterdämmerung bricht auch mit einigen anderen Tugenden aus Gothic 3, zum Beispiel werden manche NPCs und Items jetzt erst gespawnt, wenn man eine gewisse Quest angenommen hat. Das nimmt der Welt aber ihre Glaubwürdigkeit.

Von einem, der Eskorten hasste

Unter all den großen Problemen des Spiels sind die Quests für mich wohl das größte. Der Fokus von Götterdämmerung liegt auf seiner Hauptgeschichte, mit Nebenaufgaben wird sehr sparsam umgegangen. Das hat mich zu Anfang der Erweiterung irritiert, weil fast niemand etwas zu sagen hat, wenn man nicht in der Hauptgeschichte voranschreitet. Da lobe ich mir Gothic 3, das in jeder Ecke der Welt irgendeine Aufgabe angeboten hat. Darunter leidet nun der Spielfluss und der Entdeckerdrang. Das alles wäre nur halb so schlimm, wenn die Hauptquest gut wäre. Ist sie aber nicht. Sie ist dermaßen vollgestopft mit Aufgaben, die offensichtlich nur dazu gedacht sind, die Spielzeit zu strecken und generell zu nerven, dass ich mich oft zwingen musste, Götterdämmerung weiterzuspielen. Der mit Abstand schlimmste Questtyp: Eskorten. Mehrmals in der Handlung müssen wir eine Gruppe von NPCs zu einem anderen Ort bringen. Dummerweise sind die Strecken echt lang und die Gruppen groß. Wer einen NPC auf der Strecke verliert (was oft vorkommt, weil die Wegfindung furchtbar ist), kann die Quest nicht beenden. Es ist zum Haare raufen.

Wir können erneut Arenakämpfe bestreiten, allerdings haben die Arenameister immer exakt dasselbe zu sagen und geben uns die gleichen Belohnungen. Viel weniger Aufwand kann man als Entwickler eigentlich gar nicht mehr betreiben.

Niemand soll mir nachsagen können, ich würde Götterdämmerung nicht differenziert betrachten! Es gibt nämlich auch einige neue Waffen, Rüstungen und Gegnertypen. Das war es dann aber auch schon wieder mit positiven Neuerungen. Kampf- und Skillsystem bleiben beim Alten. Letzteres ist problematisch, da es in Götterdämmerung nicht genügend Möglichkeiten zum Sammeln von Erfahrungspunkten gibt, um viele der Fähigkeiten überhaupt erlernen zu können. Wir verbringen das ganze Spiel in Myrtana. Die Wege nach Varant und Nordmar werden von riesigen Felsbrocken versperrt – wie passend! Deshalb hat das Spiel nur ein Drittel des Umfangs von Gothic 3, eigentlich aber noch weniger, da Myrtana schlechter mit Monstern und Schätzen gefüllt ist. Für die Erweiterung habe ich elf Stunden gebraucht, für das Hauptspiel hingegen das Fünffache. Fairerweise muss man sagen, dass Myrtana immer noch schön anzusehen und der Soundtrack ebenfalls klasse ist. Gravierende Bugs wie im Grundspiel bleiben aus, ich muss also keine Abwertung vornehmen. Überzeugende Kaufargumente sind das allerdings nicht.

Fazit

Götterdämmerung erinnert nur optisch an Gothic 3. Spielerisch, erzählerisch, umfangstechnisch etc. pp. ist es in jeder Hinsicht schlechter als das Grundspiel. Konzeptionell ist diese Erweiterung eine einzige Katastrophe und die wenigen guten Aspekte des Addons existieren auch nur, weil sie aus Gothic 3 übernommen wurden. Natürlich hatte ich stellenweise Spaß mit Götterdämmerung, aber diese kleinen Lichtblicke können eine mittelmäßige Wertung nicht verhindern. Solch lieblose Machwerke wie dieses hat Gothic nicht verdient.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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