Ein ungeschliffener Diamant

Rezension: „Gothic 3“ – Enhanced Edition Version 1.75.14 – Plattform: Steam

von ModuGames am: 24.08.2021

Wer meine Rezensionen schon etwas länger verfolgt, der erinnert sich vielleicht, dass ich vor einigen Jahren Texte zu Arcania: Gothic 4 und dessen Erweiterung verfasst habe. Seit langem wollte ich mir schon die restlichen Serienteile vornehmen, wozu es aber nie gekommen ist – hauptsächlich deshalb, weil ich Gothic 1 und 2 auf meinem Rechner nie zum Laufen bekommen und folglich auch nie gespielt habe (ja, Asche auf mein Haupt). Da Gothic 3 aber zu meinen absoluten Lieblingsspielen gehört, habe ich beschlossen, einfach mit eben jenem Serienteil weiterzumachen. Dann ziehen wir das Pferd eben von hinten auf!

Geschichte? Welche Geschichte?

Gothic 3 beginnt damit, dass wir, der Namenlose Held, und seine Mannschaft per Schiff auf dem Festland ankommen, nachdem wir am Ende von Gothic 2 die Insel Khorinis verlassen haben. Doch auf dem Festland haben sich die Orks breitgemacht und das Königreich Myrtana erobert. Wir erreichen mit unserer Truppe das Dörfchen Ardea und legen uns dort mit der Ork-Besatzungsmacht an, der wir sogleich den Garaus machen. Danach kommt das, was kommen musste: Unsere Truppe verstreut sich über die ganze Spielwelt, allerdings werden uns zuvor einige Aufgaben an die Hand gegeben. So müssen wir den Magier Xardas aufspüren, der für den Sieg der Orks über die Menschen verantwortlich ist.

König Rhobar II. hat sich mit Hilfe einer magischen Barriere in der Hauptstadt Vengard verbarrikadiert. Vor den Toren der Stadt befindet sich eine Armee der Orks. Wie kommen wir wohl in die Stadt?

Im Grunde reden wir hier über die Art von Geschichte, die auf einen Bierdeckel passt. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie gut oder schlecht ist – sie ist schlicht und ergreifend fast nicht vorhanden. Wer einen erzählerischen roten Faden braucht, um sich zum Abschließen eines Spiels motivieren zu können, ist hier definitiv fehl am Platz. Gothic 3 endet dann auch noch mit einer Schlusssequenz, die das Spiel erzählerisch zwar einigermaßen befriedigend abschließt, aber derart billig gemacht ist, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Man spielt dieses Spiel nicht wegen seiner Geschichte, sondern wegen seiner Mechanik.

Die Gothic'sche Dreifaltigkeit

Bevor wir allerdings richtig in die Spielsysteme einsteigen, möchte ich noch einige Dinge bezüglich der Spielwelt erklären. Gothic 3 ist zwar ein Open-World-Spiel, man kann es aber dennoch in drei Gebiete einteilen. Wir starten in Myrtana, welches durch Wälder, Wiesen und hohe Berge besticht. Die Landschaft mutet sehr mitteleuropäisch an, hier habe ich mich direkt zuhause gefühlt. Allerdings wurden die meisten Städte des Landes von den Orks besetzt, während die Rebellen in Wäldern und Höhlen Zuflucht suchen. Wir können entscheiden, auf wessen Seite wir uns schlagen und dementsprechend die Städte zurückerobern oder die Rebellenlager auslöschen.

Die Wüste Varant hat ein Problem: Sie ist zu weitläufig. Myrtana und Nordmar sind deutlich verwinkelter und daher auch interessanter.

In der Wüste Varant herrschen die Assassinen, welche sich mit den Orks verbündet haben. Auch hier gibt es eine Fraktion von Untergrundkämpfern, welche sich „Nomaden“ nennen. Wie auch in Myrtana können wir hier Städte erobern oder die Aufständischen auslöschen. Der dritte Kontinent im Bunde ist Nordmar, welcher passenderweise nördlich von Myrtana liegt. Hierbei handelt es sich um ein karges, eisiges Land, das von hohen Bergen und tiefen Schluchten durchzogen ist. Die riesigen Orkhorden hier sind uns gegenüber sofort feindselig und auch die Monster sind nicht zu unterschätzen – Nordmar ist quasi die Endgame-Zone von Gothic 3.

Schwer, aber belohnend

Kommen wir nun zum eigentlichen Gameplay: Gothic 3 ist auf den ersten Blick ein typisches Open-World-Rollenspiel: Wir steuern aus der Third-Person-Perspektive, erkunden die Welt und kloppen Gegner um. So weit, so bekannt. Allerdings gibt es einige Aspekte von Gothic 3, die es von der Konkurrenz abheben. Da wäre etwa der Schwierigkeitsgrad. Gothic 3 würde heutzutage als „Hardcore“ bezeichnet werden: Wir starten mit schlechter Ausrüstung und wenig in den Taschen, Lebensregeneration gibt es keine und wer zu weit in unbekannte Gebiete vordringt, riskiert es, von einem viel zu starken Gegner auseinandergenommen zu werden. Der mittlere Schwierigkeitsgrad ist auch für erfahrene Rollenspieler noch eine Herausforderung und selbst auf „leicht“ ist das Spiel immer noch kein Zuckerschlecken. Genau das macht Gothic 3 so toll: Hier wird einem nichts geschenkt. Jeglicher Fortschritt ist nicht nur hart erkämpft, sondern auch klar erkennbar: Wenn wir irgendwann mit besserer Ausrüstung zurückkommen, um das Monster, das uns vorher arge Probleme bereitet hat, spielend einfach zu vernichten, ist das extrem befriedigend. Dieses Gefühl können Spiele mit skalierenden Gegnern einfach nicht auslösen.

Gegen einen einzelnen Ork zu kämpfen, ist machbar. Es mit einem ganzen Trupp aufnehmen zu wollen, grenzt an Selbstmord. Vor allem zu Beginn des Spiels.

Gothic 3 trifft aber auch noch eine andere sehr tolle Designentscheidung: Nichts spawnt nach – keine Gegner, keine Pflanzen, gar nichts. Die Ressourcen in diesem Spiel sind begrenzt und man muss sich daher auch spezialisieren. Jede Fähigkeit im Spiel freizuschalten, ist rechnerisch unmöglich (zumindest, soweit ich das überblicken kann). Das mag für Spieler, die ihren Helden gerne zur eierlegenden Wollmilchsau ausbauen, sehr schade sein, aber es verleiht den Entscheidungen, die man trifft, auch viel mehr Gewicht. Am Ende von Gothic hatte ich das Gefühl, die Spielwelt signifikant beeinflusst zu haben.

Materialmangel & karge Kämpfe

Apropos begrenzte Ressourcen: Gothic 3 spielt man am besten mit einer Strategie im Hinterkopf. Gegner droppen nämlich bestimmte Items nur, wenn man über gewisse Jagdfähigkeiten verfügt. Folglich sollte man es etwa vermeiden, Tiere zu jagen, bis man von einem Jäger die Fähigkeit erlernt hat, ihnen die Haut und Klauen abzunahmen. Wo wir gerade schon einmal beim Thema Lehrer sind: Um neue Fähigkeiten zu erlernen, brauchen wir nicht nur den richtigen Experten, sondern auch Fähigkeitenpunkte, die man bei Levelups bekommt, und eine Menge Gold. Folglich sollte man besser fleißig Beute sammeln, um immer genug Kleingeld im (unendlich großen) Inventar zu haben.

Magier ist natürlich sehr beeindruckend, ist aber erst im Lategame eine echte Option. Vorher sind Schwert und Bogen praktikabler.

Das Kampfsystem ist so eine Sache. Es musste schon viel Kritik einstecken, aber mir persönlich ist es nicht negativ aufgefallen. In letzter Instanz läuft es darauf hinaus, dass man mit seinen Angriffen wartet, bis sich eine Öffnung in der Verteidigung des Gegners ergibt, und dann zuschlägt. In der Zwischenzeit sollte man selbst tunlichst blocken oder anderweitig ausweichen. Klar, spannend geht anders und ich würde das Kampfsystem von Gothic 3 auch nie als großartig bezeichnen, aber es erfüllt seinen Zweck. Das zuvor Beschriebene gilt zudem auch nur, wenn man als Nahkämpfer spielt.

Nur noch eine Stunde

Das bringt mich zu den Klassen oder genauer gesagt: zu der Abwesenheit eben jener. Wir beginnen das Spiel als Hybrid aus Nahkämpfer und Bogenschütze, können uns im Verlauf von Gothic 3 allerdings flexibel entscheiden, wo wir unsere Prioritäten setzen. Wir können uns sogar zum Magier entwickeln, allerdings scheint mir hier die Einstiegshürde sehr hoch zu sein. Insgesamt bevorzuge ich einen Bogenschützen, der zur Not auch noch im Nahkampf austeilen kann. Der Vorteil des Bogenschützen ist, dass man das Gelände hervorragend ausnutzen kann. Dazu müssen Sie wissen, dass die KI in Gothic 3 extrem dumm ist. Es gibt schlicht und ergreifend Stellen, die sie nicht erreichen kann. Das nutzt ein geübter Bogenschütze natürlich aus, um seine Feinde gefahrlos auf Distanz auszuschalten. Doch auch ohne solche Stellen entpuppt sich der Bogen-Spielstil als der stärkste, da die Gegner nicht so schnell rennen können wie der Spieler, man kann also immer genug Abstand wahren. Das wirkt stellenweise ein wenig wie cheating und liest sich zugegebenermaßen auch nicht schön, aber es ist für mich schon fast einer dieser Fälle von „It's not a bug, it's a feature“.

Die Dialoge von Gothic 3 sind zweckmäßig. Philosophische Diskussionen sollte man in einem anderen Spiel suchen.

Wir kloppen jedoch nicht nur Gegner um, sondern reden auch sehr viel mit der friedlichen Bevölkerung der Spielwelt. Die Dialoge sind qualitativ durchwachsen, was am sehr ruppigen Schreibstil der Piranha-Bytes-Autoren liegt. Dafür gefällt mir sehr gut, wie die Gespräche mit dem Questsystem verzahnt sind. Es gibt nämlich keine Questmarker oder Zusammenfassungen – alle wichtigen Details werden uns vom Auftraggeber mitgeteilt und der Dialog wird im Journal abgespeichert, was die Welt sehr glaubwürdig wirken lässt. Apropos Welt: Diese ist nicht nur wunderschön gestaltet, sondern auch noch voll mit NPCs,Höhlen, Schatzkisten etc. Es gibt überall etwas zu tun und es entsteht ein wunderbarer Spielfluss, gerade zu Anfang des Spiels. Gothic 3 ist einer dieser Titel, den ich problemlos vier, fünf Stunden am Stück spielen kann und das können nur wirklich gute Spiele bei mir auslösen.

Dieser Soundtrack!

Kommen wir zu einem der größten Sorgenkinder von Gothic 3: seiner Technik. Die Rohversion des Spiels, die man auf Steam kauft, ist nutzlos. Man kann das Spiel zwar starten, allerdings funktioniert die Steuerung nicht. Folglich muss man einen 1,5 GB großen Fan-Patch herunterladen, der nicht nur die Steuerung aktiviert, sondern auch eine Reihe anderer Verbesserungen mit sich bringt. Ich verwende Fan-Patches und -Mods ja nur wirklich ungern für meine Rezensionen, aber hier ist es eben eine Notwendigkeit. Jedenfalls halte ich es für ausgesprochen frech, ein Spiel zum Kauf anzubieten, das nicht funktioniert. Dafür ziehe ich an dieser Stelle direkt zwei Punkte von der Gesamtwertung ab – eigentlich sollten es mehr sein, aber ich mag das Spiel einfach zu gerne.

Fairerweise muss man sagen: Diese Bilder sind alt. Dass die Landschaftsdetails ab einer gewissen Distanz rapide schlechter werden, ist allerdings bis heute ein Problem von Gothic 3.

Die Grafik von Gothic 3 finde ich durchaus hübsch (für das Jahr 2006, versteht sich). Natürlich hat das Spiel einige offensichtliche optische Probleme: Bei manchen NPC-Modellen sind die Proportionen komplett falsch, die Gesprächsanimationen sind sehr repetitiv und die Weitsicht ist ein absoluter Witz. Auf nahe Distanz sind die meisten Modelle und Texturen jedoch vollkommen in Ordnung, zumal ich die Gestaltung der Spielwelt sehr, sehr ansprechend finde. Wirklich herausragend ist der Soundtrack des Spiels. Große Orchesterkompositionen sollte man hier nicht erwarten, trotzdem gehört die musikalische Untermalung von Gothic 3 zum besten, was ich je in einem Videospiel gehört habe. Weniger schön sind die zahlreichen Bugs und Ungereimtheiten: Wegfindungsprobleme, fehlende Kollisionsabfragen und Lags sind an der Tagesordnung. Dafür ziehe ich noch einmal zwei Punkte ab.

Fazit

Ach ja, Gothic 3. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war dieses Spiel hier mein erstes RPG. So viele tolle Erinnerungen hängen daran. Ich packe Gothic 3 gerne alle paar Jahre noch einmal aus, um in alten Zeiten schwelgen zu können. Und als ich dieses Mal auf dem Aussichtsturm von Ardea stand, den Blick auf das malerische Dorf gerichtet, mit diesem fantastischen Soundtrack im Hintergrund... da konnte ich mir ein paar Tränchen nicht verdrücken (oder hat da jemand Zwiebeln geschnitten?). Aber genug davon! Gothic 3 hat auch heutzutage noch einige fantastische Qualitäten, angefangen bei seiner abwechslungsreichen Spielwelt, seinem hohen, aber auch sehr belohnendem Schwierigkeitsgrad und seiner fantastischen Rollenspiel-Progression. Gleichzeitig muss ich aber auch konstatieren, dass viele Dinge an Gothic 3 mittelmäßig (Dialoge & Kampfsystem) bis hin zu schlecht (Hauptgeschichte) sind. Gepaart mit dem miserablen technischen Zustand des Spiels kann ich hier guten Gewissens keine 80+ mehr vergeben. Wer über die angesprochenen Mängel hinwegsehen kann, bekommt jedoch ein immer noch sehr unterhaltsames Hardcore-Open-World-RPG. Wir sehen uns dann bei meiner Rezension zur Erweiterung!


Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Oft, regelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



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