Wenn die Story dem Spiel im Weg steht

Die Tales of und Code Vein Macher melden sich mit ihrem stylischen, neuen Titel zurück. Doch was taugt Scarlet Nexus aus der Sicht von jemand, der sich seit der...

von Nanashi95 am: 30.06.2021

Auf Scarlet Nexus hatte ich mich schon seit der allerersten Ankündigung enorm gefreut. Deshalb war es nun auch im Jahr 2021 eines der von mir am meisten erwarteten Spiele des Jahres. Während die Demo und auch die ersten paar Spielstunden durchaus zu begeistern wussten, so wurde der Eindruck gefühlt von Spielstunde zu Spielstunde stets negativer.

 

Mehr Story als eigentliches Spiel, aka ein Tsunami aus Zwischensequenzen

Die Überschrift beschreibt auch schon den Punkt, was das Hauptproblem des Spiels ist. Es ist derart Storylastig, sodass das eigentliche Gameplay viel zu kurz kommt. Klar, es gibt selbstverständlich Spiele, die noch mehr Story bieten und bei denen ist dies kein Problem. Warum? Weil diese im Verhältnis dazu auch viel mehr Gameplay bieten. Während man in solchen Spielen dann durchaus mehrere Stunden rein am Spielen ist, bevor der nächste große Story-Abschnitt kommt, so rennt man bei Scarlet Nexus lediglich meistens durch ein recht lineares Level, das man relativ schnell beenden könnte. Die Level an sich bieten eben auch wenig wirklich zu erkunden, meistens führt dann nur mal ein Weg nach links oder rechts weg, endet aber in einer Sackgasse und man bekommt nur ein Item, das man eh nicht braucht. Einen wirklichen Erkundungsreiz gibt es also nicht, was das Gameplay noch weiter reduziert.

Denn das Problem ist einfach: das Spiel ist zu etwa 60% eine Visual Novel. Natürlich gibt es auch Leute, die lieben Visual Novels und für diese sollte das weniger ein Problem darstellen. Ich gehöre nicht zu diesen Leuten, tatsächlich vertrete ich die Meinung, dass Visual Novels keine Spiele sind. Denn meiner Meinung nach fehlt Visual Novels ein wichtiger Aspekt: das Gameplay. Für mich sind Visual Novels genauso viel Spiel wie eine PowerPoint Präsentation. 

Und deshalb bietet Scarlet Nexus auch viel zu wenig tatsächliches Gameplay, um mich zufrieden zu stellen.

Das Problem mit den Zwischensequenzen endet hier nicht einmal. Der Vogel wird hierbei noch abgeschossen, dass die Zwischensequenzen auch einfach grauenhaft gestaltet sind. Denn die Zwischensequenzen werden zu 90% nur per Standbilder wiedergegeben. Wollte man sich hier an einem Manga orientieren? Keine Ahnung wie man darauf kommen konnte, dass das eine gute Idee ist. Die Zwischensequenzen wirken dadurch einfach nur billig und langweilig.

 

Wenn schon so viel Story, dann bitte besser!

Die wichtigste Voraussetzung, dass ein extrem storylastiges Spiel funktioniert ist, dass die Story auch gut geschrieben ist. Das ist bei Scarlet Nexus allerdings nur bedingt der Fall. Die Handlung könnte wirklich spannend und interessant sein, würde sie zum Einen nicht an belanglosem Smalltalk total ausufern und zum Anderen nicht grobe Logiklücken aufweisen, die sich wirklich nicht ignorieren lassen.

Bestes Beispiel dafür wäre, wenn der rivalisierende Trupp einen in der einen Mission auf Sichtkontakt sofort angreift und versucht umzubringen. Doch dann nach der Mission wollen sich eben diese Charaktere mit einem treffen und es wird über Gott und die Welt geplaudert, als wäre nichts gewesen.

"Du hast eben noch versucht mich eiskalt in einem Kampf umzubringen? Ach egal, Schwamm drüber, eigentlich haben wir uns doch alle lieb, also essen wir etwas zusammen!" Genau so fühlen sich diese Situationen dann auch ein. Nein. Einfach nur nein.

Da trägt es halt dazu bei, dass viele der Charaktere sich nicht wirklich nachvollziehbar verhalten. Ganz besonders schlimm ist dies der Fall beim männlichen Protagonisten Yuito. Der ist derart gutmütig und nachsichtig, dass es einfach unmenschlich wirkt. Eben wie gerade beschrieben, dass es ignoriert wird, dass die Charaktere, mit denen er nun freundschaftlich am Tisch sitzt, ihn kurz zuvor noch versucht haben umzubringen. Oder wenn der rivalisierende Trupp einen mittlerweile schon zum 5. Mal angreift und er dann wieder zum 5. Mal ihnen entgegenruft "Stop, lasst uns doch darüber reden", dann hört es für mich wirklich mit der Nachvollziehbarkeit auf.

Wodurch die Handlung aber auch nicht wirklich funktioniert, ist, dass wichtige Details dem Spieler auf wirklich nervige Art und Weise zurückgehalten. Wenn sich schon über jede Kleinigkeit unterhalten wird, aber solche Sachen zurückgehalten werden, um den Plot nicht zu schnell voranzutreiben, dann wirkt die Handlung ja eben erst recht auf frustrierende Art und Weise unnötig in die Länge gezogen.

 

Guter Umfang, aber aus den falschen Gründen

Das Spiel bietet 2 unterschiedliche Storylines, eine mit dem männlichen Charakter Yuito und eine mit dem weiblichen Charakter Kasane. Diese bieten nicht nur unterschiedliche Kampfsysteme, sondern unterscheiden sich von der Story auch gravierend. Man wählt hier also nicht bloß den Charakter an sich. Somit verdoppelt sich also die eigentliche Spielzeit, wenn man alles mitnehmen möchte. Und ein Durchlauf kann gut 17-20 Stunden dauern. Wenn man beide zusammennimmt wäre das ja eigentlich ein guter Umfang.

Allerdings sind von diesen 17-20 Stunden eben fast 11 Stunden nur reine Zwischensequenzen. Dass diese Zeitangabe stimmt lässt sich leicht auf Youtube nachschauen, wo es Zusammenschnitte aller Zwischensequenzen zu finden gibt. Und diese knapp 11 Stunden stammen aus einer Storyline, nicht beide zusammen.

Was das Spiel aber hätte retten können wäre guter, optionaler Inhalt gewesen. Also Nebenmissionen etc. Es gibt zwar Nebenmissionen, aber diese sind so derart belanglos, dass die Entwickler sie auch hätten komplett weglassen können. Diese bestehen nur aus "besiege 5mal Gegner X, während du Fähigkeit Y aktiviert hast". Das ist einfallslos, langweilig und macht keinen Spaß.

Optional sind allerdings auch die Vertrauensepisoden, in denen man die Bindung zwischen den Teammitgliedern verbessern kann. Was mich zuerst an beispielsweise Mass Effect 2 erinnert hat, wo man seiner Crew mit Nebenmissionen helfen konnte, war bei Scarlet Nexus dann sehr ernüchternd. Diese Vertrauensepisoden sind lediglich nur weitere Zwischensequenzen.

Würde man alle Zwischensequenzen überspringen, so wäre es kein Problem das Spiel in unter 6 oder 7 Stunden zu beenden.

 

Was macht das Spiel nun gut?

Im Kern steckt in Scarlet Nexus dennoch ein wirklich tolles Spiel. Vor allem das Kampfsystem gehört zu einem der besten, die ich in jüngster Vergangenheit gespielt hab. Man kann die übernatürlichen Fähigkeiten der Teammitglieder benutzen, darunter Dinge wie Feuer, Unsichtbarkeit, Teleportation etc. Aber das ist nicht einmal das Highlight am Kampfsystem. Herausstechend ist wirklich die Psychokinese der beiden Protagonisten. Es macht verflucht viel Spaß allmöglichen Kram, der im Level rumliegt auf die Gegner zu schleudern. Und je größer das Objekt, desto stylischer die entsprechende Animation dazu. Dazu noch ein sehr motivierendes Kombo-System und fertig ist ein Kampfsystem das einfach Spaß macht und sehr befriedigend ist.

Technisch und gerade optisch weiß das Spiel auch zu überzeugen. Gerade die Level sind mit sehr viel Liebe zum Details gestaltet und in Verbindung mit einem tollen Soundtrack passt dann auch die Atmosphäre. Gerade die Stadt, in der man regelmäßig zurückkehrt, ist unglaublich lebendig und detailliert gestaltet. 

Auch ein wahres Highlight sind das Design der Kulissen und Gegner. Hier kriegt man teils unfassbar kreative und wirklich surreale Dinge zu sehen, die Ihresgleichen suchen. Wenn man in einem verlassenen Stadtteil unterwegs ist und sieht wie ganze Blöcke von Hochhäusern in den Himmel emporsteigen, da kann man sich kaum daran sattsehen. 

 

Fazit

Durch den extremen Fokus auf die Story fokussiert sich Scarlet Nexus leider auf eben die falschen Dinge. Dafür, wie stark es darauf konzentriert ist, eine umfangreiche Geschichte zu erzählen, weist diese zu viele Mängel auf. Gerade was die Präsentation angeht. Aber am schlimmsten ist einfach, dass dadurch das eigentlich grandiose Gameplay viel zu kurz kommt. 

Wäre Scarlet Nexus ein offeneres Spiel, mit mehr optionalen Inhalten, größeren Leveln und würde mehr Dinge zum Erkunden bieten, dann wäre das hier ein wahrer Top-Titel. Aber so ist das Spiel für mich leider nur maximaler Durchschnitt und mit Abstand die größte Enttäuschung des Jahres!

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Wertung
Pro und Kontra
  • Großartiges Kampfsystem
  • Sehr detaillierte Level
  • Originelles Art- und Gegner-Design
  • Guter Soundtrack
  • Ordentlicher Umfang
  • Extreme Masse an Zwischensequenzen raubt Spielspaß
  • Größtenteils nur Standbilder als Zwischensequenzen
  • Einige Logiklücken in der Handlung
  • Charaktere verhalten sich unglaubwürdig
  • Gameplay kommt zu kurz
  • Die eigentlichen Level teilweise recht kurz und linear
  • Nebenmissionen eher sinnlos
  • Wenig zu erkunden

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



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