Samstag, 20.03.2010
 
Specials - Kolumnen

»Killerspiele« = Kinderporno?

Und sie haben es wieder getan: Am 16. März veröffentlichte das Bayerische Innenministerium eine Pressemeldung, in der Innenminister Joachim Herrmann folgenden Satz äußert: »Gewalt verherrlichende Killerspiele gehören verboten. Was bei Kinderpornographie möglich ist, muss auch für brutale Killerspiele gelten.«
»Killerspiele« = Kinderporno?»Killerspiele« = Kinderporno? Und sie haben es wieder getan: Am 16. März veröffentlichte das Bayerische Innenministerium eine Pressemeldung, in der Innenminister Joachim Herrmann folgenden Satz äußert: »Gewalt verherrlichende Killerspiele gehören verboten. Was bei Kinderpornographie möglich ist, muss auch für brutale Killerspiele gelten.«

Man möchte glauben, der Mann sei lediglich naiv und unbelehrbar. Denn als Innenminister eines Bundeslandes im Jahr 2009 wäre es die Pflicht von Herrmann zu wissen, dass solche Spiele in Deutschland (immerhin das Land mit den schärfsten Jugendschutzgesetzen Europas) schon seit Jahren verboten sind oder gesetzlich vorgeschrieben eine Altersfreigabeprüfung durchlaufen müssen.
Joachim Herrmann (CSU)Joachim Herrmann (CSU) Davon abgesehen, dass wir ja tagtäglich von amoklaufenden Jugendlichen in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien, Spanien und so weiter hören, wo man den Großteil der hierzulande indizierten Spiele ganz legal und oft ab 16 Jahren erwerben kann, hat diese Äußerung eine weitere Dimension, die nicht an Naivität, sondern an genau kalkulierte, skrupellose Demagogie erinnert. Denn indem Herrmann versucht, an das »gesunde« Volksempfinden zu appellieren, indem er einen der schändlichsten Auswüchse menschlichen Fehlverhaltens (Kinderpornographie = das Böse; darauf kann sich jeder einigen) missbraucht und ein ihm fremdes und damit unheimliches Medium in die gleiche Schmuddelecke stellt, diskriminiert er nicht nur einen Großteil der gesamten deutschen Jugend und jungen Erwachsenen, er verhöhnt auch die wahren Opfer von Kinderpornografie und deren Leid und verharmlost die Verbrechen der Täter.

Fassen wir nochmals kurz zusammen: Mittwoch der 11. März 2009. Ein 17jähriger tötet mit der Waffe seines Vaters 16 Menschen. Der Vater ist Mitglied im Schützenverein, der Junge soll dort Gastschütze gewesen sein. Tim Kretschmer, so der Name des Täters, hatte laut Aussagen seines Umfeldes außerdem eine Vorliebe für Softair, sehr real wirkende Luftdruckwaffen.

Diese beiden Aspekte unterscheiden ihn von einem Großteil der männlichen deutschen Heranwachsenden. Denn nur eine kleine Minderheit deutscher Jugendlicher hat Zugang zu oder Erfahrung im Umgang mit scharfen Waffen. Die Schnittmenge derer, die zusätzlich auch noch Abläufe des Schießens in Bewegung mit Softair-Waffen trainiert, ist noch einmal deutlich kleiner. Da sollte es eigentlich auf der Hand liegen, woher die präzisen Schießkünste des 17jährigen herrühren.

Auftritt der Ahnungslosen

Und damit kommen wir zu dem Punkt, warum wir als PC-Spielemagazin wieder über den furchtbaren Amoklauf in Winnenden berichten müssen. Denn eigentlich hat all dies nichts mit GameStar zu tun. Doch dann betreten hilflose Politiker und Wissenschaftler die mediale Bühne. Der Kriminologe Hans-Dieter Schwind, der Vorsitzende der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, zum Beispiel: »Dass der 17jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counterstrike oder Crysis lernen können.« (Quelle: Süddeutsche Zeitung) Nicht nur wir finden es wahrscheinlicher, dass Tim Kretschmer den Umgang mit Waffen beim Üben mit - eben Waffen erlernt hat.

Es besteht nun mal ein Unterschied zwischen dem entspannten Bedienen einer Maus bei einer Partie Counterstrike mit Freunden und dem Abfeuern einer großkalibrigen Handfeuerwaffe auf lebende Menschen während der Flucht vor der Polizei. Doch die Herren Herrmann und Schwind rufen, noch bevor überhaupt klar ist, ob der Täter »Killerspiele« gespielt hat, mal wieder nach einem »totalen Verbot von Computer-Gewaltspielen«, CSU Generalsekretär Dobrindt warnt parallel vor »falscher Toleranz«.
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Avatar HannesScholz
HannesScholz
#1 | 19. Mar 2009, 18:03
Guter Artikel!
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Avatar Salvador777
Salvador777
#2 | 19. Mar 2009, 18:03
Und wieder werden Actionspiele und Shooter mit Kinderpornos gleichgestellt.

Kinderpornos: Unschuldige, wehrloses Kinder (oft sogar 10 Jahre alt) werden gewaltsam dazu gezwungen mit einem Kinderschänder vor laufender Kamera ein Sex Video zu drehen.

Shooter: Videospiel, in dem man virtuell gegen Feinde kämpft, die nicht wirklich existieren.
Für solche Spiele sind Einstufungen gemacht worden, die Eltern und Verkäufer zu berücksichtigen haben, wenn 13 Jahre alte Jugendliche an GTA IV rankommen, ist das doch nicht das Spiel schuld.

Die Politik heutzutage: Traurig, einfach nur traurig.
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Avatar LineofFire
LineofFire
#3 | 19. Mar 2009, 18:05
perfekt die derzeitige Situation zusammengefasst ;)

Der Mensch fürchtet nunmal, was er nicht kennt, alter Urtrieb.

Früher wars einfacher: Da gabs noch Sklaverei, Hexenverbrennung, Monarchie undsoweiter. Dank der dämlichen Demokratie is das alles abgeschafft, da müssen andere Mittel her ;)
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Avatar EDDH
EDDH
#4 | 19. Mar 2009, 18:13
Jeder weiss doch:

Killerspieler=Hitler
Killerspieler=Osama bin laden.
Killerspiele=Der böse Komet aus dem All der alle Lebewesen auf der Erde ausrottet.
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Avatar CaptainK.
CaptainK.
#5 | 19. Mar 2009, 18:17
Also ich glaube so langsam drehen die ganzen Politiker echt durch...
Ist gut das Gamestar diesesn ganzen Mist aufklärt...
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Avatar Brensen
Brensen
#6 | 19. Mar 2009, 18:18
Gut geschrieben!!

Spinnen die? Soetwas zu vergleichen, dass geht ja fast schon an die Menschenwürde. Also nach der ihrer Meinung tue ich gleich schlimmes wie Kinderporons anzusehen. Super! Das was der sich für Zeug reingezogen hat sollte man verbieten!
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Avatar xis+
xis+
#7 | 19. Mar 2009, 18:18
Sehr gelungener Artikel. Erfasst das Thema ausgezeichnet!
Das Traurige an dem ganzen, ist ja eigentlich auch die Machtlosigkeit, mit der man als PC-Spieler dem ganzen gegenüber steht. Das wird am Ende alles in der Politik entschieden und Spielemagazine wie GameStar wird kaum Gehör geschenkt. Jedenfalls scheinen die Aussagen von Redakteuren erfolgreich ignoriert zu werden. Die wenigen Momenten, wo die Gegenseite der Killerspielverbieter in den Medien zu Wort kommen (eben die Spielemagazine), ist es meist gegen 22-24 Uhr und wird so eben nicht von der breiten Masse aufgenommen...Schade! Und wie gesagt: auch traurig!
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Avatar ethnix
ethnix
#8 | 19. Mar 2009, 18:22
Kann ich nur zustimmen. Die Politik sollte nicht vergessen, dass sie vom Volk gewählt wird. Noch gibt es viele "Alte", man kann also schön noch Wähler gewinnen, aber nicht allzu ferne Zukunft, sind zumindest bei den Männer, die Mehrheit welche, die solche Spiele spielen. Man sollte im TV endlich mal erwähnen wie viele Jugendliche, junge Erwachsene und richtig Erwachsene Ego-Shooter spielen und wie viele davon NICHT Amoklaufen. Da könnte man auch gleich wieder anfangen, dass Gangster-Rap einen kriminell macht. Ohje hoffentlich habe ich jetzt niemanden auf dumme Ideen gebracht. Auch wenn es heisst, Killerspiele sogenannte "Ego-Shooter", wird doch wieder die Realität verdreht. Es sind Ego-Shooter und die Leute wollen es unbedingt KILLERspiele nennen. -.-
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Avatar Mr.Mike
Mr.Mike
#9 | 19. Mar 2009, 18:23
Auch wenn ich dem Artikel aus vollstem Herzen zustimme, muss ich doch einen Kritik äußern:

Herr Trier, es fällt Ihnen relativ leicht (ich unterstelle Ihnen mal die allgemeine Unwissenheit der Bevölkerung in diesem Bereich), das Augenmerk auf eine andere Bevölkerungsgruppe weiterzuleiten: Sportschützen.

Ich will jetzt keine Diskussion über Legalwaffen losbrechen, aber als gerade dem Teenageralter entflohener, gesetzestreuer Computerspieler UND Legalwaffenbesitzer tut es mir weh zu sehn, dass auf der einen Seite über haltlose Anschuldigungen "gejammert" wird, nur um das selbe Prinzip auf andere Fälle anzuwenden.

Genauso wie Spiele keine Killer ausbilden, ist weder die Verfügbarkeit noch die Kompetenz im Umgang mit einer Waffe ein Indiz für einen Amoktäter.
Nur weil ich auf 100m eine Euromünze in der Mitte lochen kann, komme ich doch nicht auf die Idee, mal in der Innenstadt zu snipern.


Mit freundlichen Grüßen

Mike
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Avatar ethnix
ethnix
#10 | 19. Mar 2009, 18:33
Ja da hat Mike recht. Wenn es Waffen wären, würde man in den USA täglich von Amokläufen lesen, weil dort wirklich absolut jeder an Waffen rankommt.

Ich denke das echte Problem ist unglaubwürdige Politik, sie beweisst es ja immer wieder, habgierige Firmen, Finanzkrise, Sozialkrise, Rentenkrise, Energiekrise, Rohstoffkrise, Wasserkrise (die kommt noch), Ökokrise,... nun ja das alles sorgt doch ein wenig für Hilflosigkeit und Zukunftsangst, oder nicht?

In einer erklärten Welt, wo doch eigentlich fast jeder Vorgang verstanden ist, ist es für jungen Menschen schwer, zu verstehen, warum sie wichtig sein sollten oder warum Erwachsene trotzdem lauter "dumme" Fehler machen.

etc. es gibt so viele Gründe, die alle viel schwerwiegender als Egoshooter sind, aber eben auch viel schwerer zu beheben.

Wenn Killerspiele schuld wären, hätte es in den 1980er keine Amokläufe geben dürfen. Gab es aber. Nun ja und wir haben mit unseren Killerspielen immerhin noch keinen Weltkrieg angezettelt... ok vllt war der letzte Vergleich etwas geschmacklos, aber musste man mal loswerden. Früher haben mein Opa etc mit echten Waffen gespielt und sich mit Stöcken im Wald gehauen etc.
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Modern Warfare 2 enthält ein Level, in dem Sie auf einem russischen Flughafen Zeuge eines Massakers unter Zivilisten werden. In der deutschen Version sind Sie ein stummer Zuschauer des Gewaltexzeses, während Sie in der internationalen Fassung sogar mitschießen können. Wie stehen Sie zu dieser Szene?
Ich finde die Szene in jeglicher Form inaktzeptabel. Das geht eindeutig zu weit!
Ich finde es gut, dass die deutsche Version entschäft wurde.
Mich stört diese Szene nicht. Es ist nur ein Spiel und nicht real.

 
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