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120.000 Menschen steuern einen Charakter: Wie ein Twitch-Experiment zum Kult-Phänomen wurde

Ein Programmierer verband Twitch-Chat und Gameboy-Emulator – und daraus wurde einer der einflussreichsten Momente der Streaming-Geschichte.

Ein Tauboss mit dem Spitznamen Bird Jesus wurde zur wichtigsten Figur. Ein Tauboss mit dem Spitznamen Bird Jesus wurde zur wichtigsten Figur.

Stellt euch vor, ihr wollt in einem uralten Text-Adventure einfach nur nach rechts laufen. Und während ihr »right« eingebt, tippen zeitgleich Zehntausende andere Menschen »left«, »a«, »start« oder einfach nur Unsinn ins Eingabefeld. Genau das war das Grundprinzip von Twitch Plays Pokémon, kurz TPP – und es hätte eigentlich niemals funktionieren dürfen.

Ein Experiment ohne großen Plan

Am 12. Februar 2014 schaltete ein anonymer australischer Programmierer einen Twitch-Kanal frei, auf dem ein Gameboy-Emulator lief, gekoppelt an einen selbst geschriebenen IRC-Bot. Der Bot durchsuchte den Chat nach bestimmten Befehlen wie »up«, »down«, »a«, »b« oder »start« und leitete sie als Tastendruck an den Emulator weiter. Gespielt wurde Pokémon Rot.

Der Ersteller nannte das Ganze im Nachhinein selbst nur einen »Proof of Concept«, und die ersten anderthalb Tage dümpelte der Kanal auch ziemlich unbeachtet vor sich hin. Warum ausgerechnet Pokémon? Der Programmierer erklärte später, das rundenbasierte, generell nachsichtige Kampfsystem der Reihe mache es fast unmöglich, gar keinen Fortschritt zu machen, selbst wenn extrem schlecht gespielt wird. Ein cleverer Griff, wie sich zeigen sollte, denn genau diese Fehlertoleranz brauchte das Spiel dringend.

Ab dem zweiten Tag ging der Kanal viral: Bereits am 20. Februar verfolgten im Schnitt 60.000 bis 70.000 Menschen gleichzeitig den Stream, mindestens jeder Zehnte davon aktiv mit Befehlen im Chat. Das Ergebnis war ein riesiges Chaos. Der Spielcharakter blieb ständig in Ecken hängen, checkte zwanghaft den Pokédex, speicherte im Minutentakt und brauchte für einfache Wegabschnitte teils mehrere Stunden.

Als die Masse an einem Rätsel im Team-Rocket-Versteck fast verzweifelte, führte der Ersteller am 18. Februar den sogenannten Demokratie-Modus ein: Statt jeden Befehl sofort auszuführen, wurden alle Eingaben über 30 Sekunden gesammelt und nur der meistgewählte Befehl umgesetzt. Ein Teil der Community tobte – Demokratie widersprach schließlich dem ganzen Anarchie-Gedanken des Projekts.

Es kam zu den sogenannten »Start9-Protesten«, bei denen Spieler bewusst den Befehl »start9« spammten, um das Pausenmenü neunmal hintereinander zu öffnen und den Fortschritt auszubremsen. Am Ende einigte man sich auf ein Abstimmungssystem: Für den Wechsel zu Demokratie brauchte es eine Zweidrittelmehrheit, zurück zur Anarchie reichte eine einfache Mehrheit.

Am 23. Februar passierte dann, was als »Bloody Sunday« in die TPP-Geschichte einging: Beim Versuch, ein Zapdos aus der PC-Box zu holen, setzten die Spieler aus Versehen ein rundes Dutzend gefangener Pokémon frei.

Das finale Team nach über 16 Tagen Spielzeit. Das finale Team nach über 16 Tagen Spielzeit.

Der Helix-Fossil-Kult und Bird Jesus

Aus dem Chaos entstand fast zwangsläufig eine eigene Mythologie. Ganz am Anfang des Spiels trägt der Charakter ein Helix-Fossil im Gepäck, das erst sehr viel später zu irgendetwas nütze ist. Weil die Masse es trotzdem ständig anwählte, wurde das Fossil zum Running Gag, dann zur inoffiziellen Gottheit der Anarchie-Fraktion, während die Demokratie-Anhänger sich hinter dem Gegenstück, dem Dome-Fossil, versammelten. Fans schrieben eigene »Helix-Bibeln«, komplett mit Prophezeiungen und Ritualen.

Auch einzelne Pokémon wurden zu Figuren mit eigenem Kult: Ein besonders starkes Taubsi bekam den Namen »Bird Jesus« verpasst, das zugehörige Zapdos hieß »Archangel of Justice«. Ein Flamara, das aus Versehen statt des eigentlich benötigten Aquana entwickelt wurde, ging als »False Prophet« in die Annalen ein, weil sein Auftauchen indirekt zur versehentlichen Freilassung zweier anderer Pokémon führte.

Am 1. März 2014, nach 16 Tagen, 7 Stunden und rund 50 Minuten, war Pokémon Rot geschafft.

Twitch selbst zog danach Bilanz: Über 1,16 Millionen Menschen hätten sich am Experiment beteiligt, in der Spitze schickten laut dieser Auswertung rund 120.000 Menschen gleichzeitig Befehle in den Chat, insgesamt kam der Stream auf 55 Millionen Views.

Die schiere Menge an Chat-Nachrichten sorgte nebenbei für handfeste technische Probleme: Twitch musste die Infrastruktur des Kanals eigens auf höher belastbare Server umziehen, wie sie sonst nur für große E-Sport-Events genutzt wurden.

Am Ende trug sich Twitch Plays Pokémon mit 1.165.140 registrierten Teilnehmern sogar ins Guinness-Buch der Rekorde ein, als Stream mit den meisten Nutzern, die je gemeinsam ein Kommando in ein Livestream-Videospiel eingegeben haben. Im Dezember 2014 gab es obendrauf noch einen Game Award in der Kategorie »Best Fan Creation«.


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