Nach 600 Kilometern im E-Auto: Warum meine Sorgen vor der Reichweite völlig unbegründet waren

Wie fast jeder Verbrenner-Fahrer hatte ich Vorurteile über E-Autos. Die meisten haben sich nach zwei Wochen Testfahrt aber in Luft aufgelöst.

Reichweite beim E-Auto: Nach zwei Wochen bin ich schlauer. Reichweite beim E-Auto: Nach zwei Wochen bin ich schlauer.

Nach 16 Jahren im Verbrenner habe ich für zwei Wochen den Selbstversuch gewagt: Mein Skoda Octavia RS blieb stehen, stattdessen bin ich zwei Wochen den Kia EV3 gefahren.

Über den nervigen Tarif-Dschungel beim Laden habe ich im ersten Teil dieser Serie bereits berichtet. Heute geht es um das weitaus größte Vorurteil, das ich vor dem Umstieg hatte: die Reichweitenangst.

Mit dem Octavia schaffe ich bei defensiver Fahrweise und milden Temperaturen gut 750 Kilometer mit einer Tankfüllung. Der Kia EV3 verspricht in der Long-Range-Variante (81,4 kWh-Akku) auf dem Papier zwar über 586 Kilometer (WLTP), bei ca. 130 km/h auf der Autobahn blieben davon im Alltag aber realistisch eher 400 Kilometer übrig. Also fast die Hälfte meines Verbrenners.

Dass man da erst mal anfängt zu rechnen, ist logisch. Doch nach über 600 Kilometern auf der Straße ist die Antwort eindeutig: Ja, die Reichweite ist geringer. Aber die Angst vor dem Liegenbleiben hat sich in Luft aufgelöst. Hier die größten Mythen – und was meiner Erfahrung nach wirklich dran ist.

Mythos 1: Die Reichweite wird auf Langstrecken zum Problem

Im normalen Alltag fahre ich selten weite Strecken. Ich arbeite täglich im Homeoffice, Kita und Arbeitsort meiner Frau sind nur einen Kilometer entfernt. Mein Pendelprofil ist absolut überschaubar.

Dafür machen wir gerne Ausflüge – mal in die Sächsische Schweiz (quasi vor der Haustür), mal für eine Nacht in ein Tiny House (gerne mal 2-3 Autostunden entfernt).

Und: Meine Familie lebt verstreut. Zum Onkel sind es 350 Kilometer, zum Papa an die Ostsee sogar 450 Kilometer. Das sind zwar die Ausnahmen im Jahr, aber bislang musste ich mir keine Gedanken über die Reichweite machen. Ich fuhr einfach durch.

Beim E-Auto ist das anders. Bei meinem Ausflug zum Tropical Islands habe ich die Prozentanzeige sehr genau im Auge behalten: Komme ich ohne Zwischenstopp hin und zurück? Reicht der Restpuffer, falls ich vor Ort nicht laden kann?

Mit einem Verbrenner ein Klacks. Mit dem Kia EV3 habe ich es zum Tropical Islands und zurück geschafft. Mit einem Verbrenner ein Klacks. Mit dem Kia EV3 habe ich es zum Tropical Islands und zurück geschafft.

Denn ja, man schafft weite Strecken nicht mehr ohne Zwischenstopp. Aber zum einen sind diese Fahrten zumindest bei mir selten, und zum anderen verlieren sie sofort ihren Schrecken, wenn man seine Gewohnheiten anpasst, Stichwort: kurze Pausen einlegen.

Mythos 2: »Ich verliere bei jedem Ladestopp quälend viel Lebenszeit«

Vor dem Test dachte ich, ich müsste bei jedem Stopp eine halbe Stunde oder länger warten, bis das Auto von 10 auf 80 Prozent geladen ist (die Ladedauer des Kia EV3).

Die Realität sieht anders aus: Diese längere Pause lohnt sich meinem Erachten nach nur, wenn man ohnehin etwas essen oder sich länger die Beine vertreten möchte.

An Autobahnen lädt der Kia EV3 mit bis zu 127 kW am Schnelllader – ein okayer, aber nicht berauschender Wert. An Autobahnen lädt der Kia EV3 mit bis zu 127 kW am Schnelllader – ein okayer, aber nicht berauschender Wert.

Will ich einfach nur Strecke machen, ist eine andere Taktik viel effizienter: Schnellladesäule mit recht leerem Akku anfahren, 15 Minuten im optimalen Leistungsbereich des Akkus nachladen und direkt weiterfahren. Das reicht für 1-2 Stunden Fahrt, dann wiederholt sich das Spiel.

Ob man wenige lange Pausen oder mehrere sehr kurze Zwischenstopps einlegt, entscheidet man nach Tagesform. Man gewöhnt sich blitzschnell an diesen Rhythmus. Und da das Auto-Navi transparent Ladestopps einberechnet, gibt es quasi nie Überraschungen.

Hier sei jedoch angemerkt, dass der Kia EV3 mit maximal 127 KW-Ladeleistung nicht zur schnellsten Sorte gehört.

30 Minuten Wartezeit bis 80 Prozent sind lang und lohnen sich eher, wenn ihr sowieso rasten wollt. 30 Minuten Wartezeit bis 80 Prozent sind lang und lohnen sich eher, wenn ihr sowieso rasten wollt.

Dazu gehört auch ein Umdenken am Ziel: Es ist völlig normal, fast leer anzukommen. Vor Ort muss man sich dann natürlich eine Lademöglichkeit suchen, um die Batterie wieder vollzuladen. Aber davon gibt es mittlerweile erstaunlich viele – dazu gleich mehr.

Übrigens: Zum Laden Zuhause muss es nicht immer die Wallbox sein. Sollte ich mir in ein bis zwei Jahren ein E-Auto kaufen, würde ich auf ein gedrosseltes Haushaltskabel auf 8–10 Ampere zurückgreifen, was langsam lädt, aber über Nacht für den Alltag völlig ausreicht. Die Wallbox kommt irgendwann – muss aber nicht sofort sein.

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Mythos 3: Es gibt kaum Lademöglichkeiten

Meine zweite große Sorge war das Fahren abseits der großen Routen. Findet man in ländlichen Regionen überhaupt zuverlässig Strom oder bleibt man in der Provinz hängen?

Ich habe spaßeshalber bei jedem Ausflug mit der App Chargeprice nachgeschaut und war überrascht: Es gibt nahezu überall Möglichkeiten. Egal, wo ich unterwegs war, ich habe immer einen Ladepunkt gefunden.

Selbst in kleineren Dörfern oder abgelegenen Ecken steht mittlerweile mindestens eine 11-kW-Säule – sei es auf dem Camping-Platz am Bärwalder-See, im Tropicals Islands nahe Berlin oder neben dem Tierpark in Stendal. Das hätte ich nicht erwartet.

Sogar in Osterburg bei meinem Onkel, einem recht stillen Örtchen, gibt es Ladesäulen. (App: Chargeprice) Sogar in Osterburg bei meinem Onkel, einem recht stillen Örtchen, gibt es Ladesäulen. (App: Chargeprice)

Zudem zeigt das Navi im Kia in Echtzeit an, welche Stationen frei oder besetzt sind. Man sucht nicht mehr auf gut Glück, sondern steuert die Punkte gezielt an. Man muss die Warnungen des Autos schon aktiv ignorieren, um heute noch mit leerem Akku zu stranden.

Wichtiger Disclaimer: Die über 600 Kilometer bin ich im März bei bereits etwas milderen Temperaturen gefahren. Im Winter schrumpft die Reichweite durch Heizung und Kälte spürbar – hier kann man laut Erfahrungsberichten noch mal locker 100 Kilometer abziehen.

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Mein Fazit: Reine Kopfsache

Der Umstieg auf Elektro ist einfacher als befürchtet, verlangt aber ein Stückweit Anpassung der Gewohnheiten und hängt natürlich stark vom indivuduellen Fahrprofil ab. Für mich steht jedenfalls fest: Mein nächster Privatwagen wird ein Stromer.

Meine Reise vom Verbrenner zum E-Auto:

Meine größten Vorurteile – die vermeintlich zu geringe Reichweite, die Angst vor ewig langen Zwangsladepausen und der Mangel an Ladesäulen – haben sich in der Praxis nahezu verfüchtligt.

Die Technik funktioniert im Alltag besser als erwartet. Man muss nur bereit sein, das alte Verbrenner-Denken abzulegen.

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