Seine Karriere währte nur kurz, dabei sollte es die Luftfahrt revolutionieren. 2019 aus den Werktoren bei Boeing in Everett gerollt, stand der noch auf Zulassung wartende Langstreckenjet bis Sommer 2025 auf einem Abstellplatz – und wurde dann kommentarlos fortgeschafft.
Jetzt deckte eine Nachfrage des Fachportals »The Air Current« sowie eine darauffolgende Bestätigung durch Boeing seinen Verbleib auf. Die unter der Werksbezeichnung WH007 geführte Maschine wurde nach nur wenigen Metern des Rollens auf dem Boden und ohne geschweige denn jemals geflogen zu sein verschrottet.
Wir erklären die tragisch-logische Konsequenz eines der am miserabelsten laufenden Entwicklungsprogramme der Luftfahrtgeschichte für eines der beeindruckendsten Flugzeuge aller Zeiten. Die Gründe für letzteres haben wir euch hier schon ausführlich vorgestellt.
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»Terrible Teens« – Schreckgespenst der Luftfahrt
Was nach dem Erstflug im Januar 2020 folgte, bestätigte, was sich auf dem Papier abzeichnete: die 777-X als Nachfolger eines der erfolgreichsten Flugzeuge aller Zeiten, der »Triple Seven«, ist ein großer Wurf für Boeing – wäre da nicht eine schiere Armada von Kinderkrankheiten.
Während sie ihre Leistungsfähigkeit im Zuge des sich entfaltenden Testprogramms unter Beweis stellte, offenbarte letzteres aber auch zahlreiche Probleme. Sie verzögern den geplanten Start des Liniendienstes bei Kunden von einst 2019 bis wohl mindestens Ende 2027.
Die Liste der bei Tests inzwischen aufgefallenen Mängel umfasst zum Beispiel:
- Abgesprengte Frachtraumtür während eines von der FAA verlangten Stresstests
- Anhaltende Haltbarkeits-/Reifeprobleme am GE9X-Triebwerk, dem größten je gebauten Flugzeugtriebwerk
- Beschädigung am sogenannten »Thrust Link« (Verbindungsstück zwischen Triebwerksaufhängung und Tragfläche), entdeckt im August 2024 nach einem Testflug über Hawaii – danach sogar Grounding der Testflotte für rund fünf Monate bis Januar 2025
WH007 krankte wahrscheinlich an allen drei Fronten. Denn Boeing fertigte rund 30 Flugzeuge nach Bauplänen, die inzwischen als veraltet und problembehaftet gelten. Ihre Produktion begann zu einem Zeitpunkt, als noch nicht eine neue Triple Seven geflogen war. Irre und getrieben von Hektik? Nein, das entspricht stichhaltiger Logik industrieller Serienproduktion.
Würde ein Flugzeughersteller wie Boeing den Fertigungsbeginn verschieben, bis die Musterzulassung vorläge, käme das unternehmerischem Wahnsinn gleich. Ziel bei erteilter Zulassung lautet schließlich, möglichst schnell die Erstkunden zu beliefern – schließlich warten sie mitunter seit mehr als einem Jahrzehnt auf ihre neuen Maschinen.
Als Folge ergeben sich regelmäßig Bedarfe zur Nachrüstung oder Überarbeitung von eigentlich fabrikneuen Flugzeugen der auch als frühe Lose bezeichneten Gruppen von Fliegern.
Aufgrund ihrer oft unberechenbaren Natur und ihrer Montage bevor das Programm erwachsen ist, erhielt diese (zu) früh aus den Werkhallen rollende Gruppe schon früher in der Branchengeschichte den halb scherzhaften Titel »Terrible Teens«.
Tragisch-logisches Ende einer angehenden Wüstenkönigin
Während selbst umfangreichere Nachrüstungen bei Maschinen früher Produktionslose noch alltäglich sind, haben vollständige Zerlegungen von ungeflogenen Exemplaren dann doch Seltenheitswert.
Boeings Entscheidung deutet darauf hin, dass die notwendigen Investitionen, um der siebten jemals gebauten 777-9 zur notwendigen Reife zu verhelfen, zu hoch ausgefallen wären.
Eigentlich sollte sie unter der Kennung A6-EZT bei der staatlichen Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emiraten »Emirates« in Dienst gehen. Boeing gibt an, die Maschine sei nach »den Recycling-Standards der Industrie zerlegt« worden.
30 Problemflieger
Ob über die designierte A6-EZT hinaus noch weitere bereits gebaute Boeing 777-9 zur Verschrottung anstehen, ist derzeit nicht öffentlich bekannt. Eines steht aber fest: Boeing muss an rund 30 Riesen-Twins erneut Hand anlegen und teils umfangreich nacharbeiten, ehe irgendein Kunde sie übernehmen wird – darunter auch die Lufthansa.
Nach heutigem Stand wird sie sogar voraussichtlich die erste Luftlinie sein, die eine 777-9 in den Dienstplan aufnimmt. Wie die Lufthansa mit ihren 777-9ern aus den frühen Losen umgeht, entzieht sich unserer Kenntnis.
Auf alle Fälle steht für Boeing auch abseits der Fabrik Arbeit an – nämlich am Verhandlungstisch. Denn Emirates-Chef Tim Clark hat auf der Farnborough Airshow dem ersten Zehner-Los der 777-9 als Ganzes eine Abfuhr erteilt.
Seine Fluglinie werde sie nicht annehmen, da auch nach Überarbeitung Leistungseinbußen zu befürchten seien – häufiger Grund: höheres Gewicht als die später produzierten Serienmaschinen.
Airbus sitzt derweil über den Plänen für ein revolutionäres Flugzeug, mit dem sie ihre neue Vormachtstellung im zwar weniger prestigeträchtigen aber finanzstarken Segment der Schmalrumpf-Flugzeuge auf Jahrzehnte zu festigen.
Ein Hoffnungsschimmer, zumindest den Großteil der »Terrible Teens« doch noch abzusetzen, bietet die Fluglinie United aus den USA. Bisher hat sie keine neue Triple Seven bestellt. Laut Aero seien sie jetzt aber interessiert, bis zu 20 Stück zu übernehmen – sicherlich aber zu einem erheblich reduzierten Preis.
Ansonsten hat Tim Clark als britischer Staatsbürger eine gesalzene Empfehlung für Boeing, wer eventuell als Abnehmer des Altmetalls der »Terrible Teens« infrage käme: »Heinz wäre sicher interessiert – für Baked-Beans-Dosen.«
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