A Short Hike hat meine Open-World-Müdigkeit geheilt

Meinung: Der Steam-Liebling A Short Hike ist das perfekte Spiel für alle, die übersättigt sind von großen Open-Worlds. Denn es schafft für Géraldine in fünf Stunden mehr aufregende Erinnerungen als einige große Spiele in 100.

von Géraldine Hohmann,
31.10.2021 10:51 Uhr

Kennt ihr noch dieses Gefühl, wenn man als Kind mit seiner Familie im Sommerurlaub war? Die Kleidung roch nach Sonnenmilch, jede kleine Aufgabe fühlte sich wie ein Abenteuer an, jeder hübsche Stein wie ein Schatz und jede neue Begegnung wie echte Freundschaft. 

Als Erwachsener heißt Urlaub meistens: »Oh Gott, ich wusste nie, wie teuer Ferienwohnungen sind und meine Sonnenallergie hat wieder zugeschlagen, ich hätte zu Hause bleiben sollen.« Also habe ich dieses einzigartige Gefühl mit den Jahren völlig vergessen. Und dann kam A Short Hike. 

Das hat einen dermaßen originellen Ansatz, dass es mich von einer langen Open-World-Müdigkeit befreien konnte - und zwar in nur fünf Stunden. Mittlerweile haben auch andere Spieler seine Genialität erkannt: A Short Hike ist mit sagenhaften 99 Prozent positiven Bewertungen ein echter Steam-Liebling. Lasst mich euch erzählen, warum. 

Die Autorin
Géraldine (@mighty_dinomite) hat sich 2019 mit einem begeisterten Text zu A Short Hike bei GameStar beworben. Und irgendetwas daran hat wohl ganz gut funktioniert. Also möchte sie jetzt euch dieses besondere Juwel ans Herz legen, das ihr nicht nur ihren Traumjob verschafft, sondern sie auch von ihrer Unlust auf große Open Worlds befreit hat. Und das war nach vielen Spielen mit Minimaps, Questmarkern und riesigen Gebieten gar nicht mal so leicht. 

Breath of the Wild für alle mit wenig Zeit

Ich weiß schon, wie A Short Hike aussieht. Ich bin ja nicht blind. Es ist verpixelt und niedlich und sieht aus wie das nächstbeste x-beliebige Indiespiel. Aber es deswegen zu ignorieren, wäre ein fataler Fehler. 

A Short Hike kam für mich 2019 genau zur richtigen Zeit. Ich hatte gerade ein unglaubliches Spieletief, meine Steam-Bibliothek kam mir vor wie ein großes schwarzes Loch, jedes neue Spiel fühlte sich nach Arbeit an und ich konnte mich einfach nicht durchringen, etwas Neues zu starten. Wieder viele Stunden riesige Maps wie ein Rasenmäher ablaufen, das Tagebuch mit Nebenquests füttern und irgendwann vergessen, was eigentlich die Haupthandlung war? Nein danke.

Durch einen Wink des Schicksals bekam ich den Trailer zu A Short Hike in die Finger und die Musik holte mich direkt ab. Warum also nicht. 

A Short Hike - Trailer zeigt die Mini-Open-World 0:52 A Short Hike - Trailer zeigt die Mini-Open-World

Ich starte das Spiel und lerne die Heldin Claire kennen, die gerade Sommerurlaub bei ihrer Tante macht und feststellt, dass es auf der Insel keinen Handy-Empfang gibt. Sie erwartet aber einen wichtigen Anruf. Laut ihrer Tante gibt es den auf dem höchsten Punkt der Insel, dem Hawk Peak - und bis dahin sei es nur ein »short hike.« Damit ist das Ziel klar, aber der Weg dorthin ist eine der schönsten Spieleerfahrungen seit langem. 

Es gibt keine Karte, also folge ich einfach der Beschreibung der Tante den Strand entlang und … oh, was für eine hübsche Muschel. Die nehm ich mal mit. Okay, weiter geht’s. Aha, ein Kind aus der Nachbarschaft, ich sage mal kurz hallo. Ach perfekt, ein Wegweiser. Zum Hawk Peak nach rechts und links … das Community Center? Schadet wohl nicht, mal kurz abzubiegen.

Ich lasse mich in A Short Hike nur zu gerne ablenken - aber nicht auf eine »unangenehme Sammelquests«-Art, sondern auf eine »Ich bin wirklich neugierig, was sich dahinter verbirgt«-Art. Eine Neugierde, die ich in so vielen Open Worlds verloren habe. Am Anfang ertappe ich mich noch dabei, wie ich gewohnheitsmäßig jede Ecke abzusuchen, um nichts zu verpassen, aber nach der dritten zufälligen Entdeckung bin ich plötzlich um absoluten Urlaubsmodus. Ich verstehe wieder, was Entdeckerdrang in Spielen wirklich bedeutet.

Ich entdecke eine Felsspalte und frage mich, ob ich hindurchpasse, ich sehe unter mir etwas glitzern oder einen Turm am Horizont. Dieses Loslassen wird belohnt, denn jedes Mal entdecke ich etwas Neues und werden mit goldenen Federn beschenkt, die mich länger fliegen, schwimmen oder klettern lassen. Und ihr merkt schon, wonach das klingt: A Short Hike ist ein bisschen wie Breath of The Wild ... nur in sehr, sehr klein.

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Nebenquests mal anders

Mal ehrlich, so ein 100 bis 200 Stunden Open-World-Biest klingt für mich manchmal ganz schön bedrohlich. A Short Hike bietet aber die volle Packung Spielspaß in nur fünf Stunden und in einer winzigen Open World. Ich fische, ich spiele Spiele, ich lerne neue Freunde kennen. Und nichts davon fühlt sich nach Fleißarbeit an, weil mir nichts als Quest verkauft wird - sondern ich einfach nur Lust darauf habe.

Das liegt auch daran, wie ich kleine Nebenaufgaben erlebe. Mir erzählt ein Camper, er habe seine Armbanduhr verloren - und bestimmt hat sie irgendein Punk geklaut, der sie jetzt im Internet verkaufen will. Ich bekomme daraufhin keinen Questmarker und keinen Tagebucheintrag, ich erinnere mich einfach nur an diese kleine Geschichte. Und nach einer Weile stoße ich sogar auf die Uhr. Bei einem Punk, der sie im Internet verkaufen will. Ich muss schmunzeln.

Als wir einem Kind helfen, Muscheln für seine Sandburg zu finden, ernten wir komische Blicke, als wir eine Belohnung erwarten. »Ich hab dir nie irgendwas versprochen.« Wo er Recht hat.

Die Dialoge sind charmant und kurzweilig geschrieben. Und nehmen auch mal unsere Open-World-Gewohnheiten aufs Korn. Die Dialoge sind charmant und kurzweilig geschrieben. Und nehmen auch mal unsere Open-World-Gewohnheiten aufs Korn.

Und so vergeht die Zeit, plötzlich bin ich am Ende meiner Reise angelangt. Das Finale der Story ist mir nicht nur ein Tränchen der Rührung wert, es fühlt sich auch an, als hätte ich sehr viel länger als fünf Stunden in dieser Welt verbracht. Nicht umsonst muss ich noch über zwei Jahre später an A Short Hike denken. Das bekommt übrigens immer noch Updates - im August wurde zum Beispiel Bootfahren hinzugefügt.

Warum also erzähle ich euch das jetzt alles? Na in der Hoffnung, dass ihr dieses besondere Kleinod mal selber ausprobiert und genauso ein schönes Erlebnis damit habt wie ich. Für 6 Euro (aktuell im Steam-Sale für 4) könntet ihr euch eine kleine Mehrfachsteckdose kaufen oder eben A Short Hike. Letzteres sorgt definitiv für mehr Urlaubsstimmung.

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