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Alle feiern Mortal Shell 2, also habe ich mir den umstrittenen Vorgänger vorgeknöpft

Mortal Shell 1 galt damals als Dark Souls auf Wish bestellt, sah unheimlich schick aus, verbarg aber wenig unter der Haube. Hat sich das in all den Jahren geändert?

Mortal Shell wurde 2020 als billiger Dark-Souls-Klon verschrien. Gerechtfertigt oder nicht: Man sieht auf den ersten Blick, warum. Mortal Shell wurde 2020 als billiger Dark-Souls-Klon verschrien. Gerechtfertigt oder nicht: Man sieht auf den ersten Blick, warum.

Schon im echten Leben gilt: Manchmal lässt du am besten ein bisschen Gras über die Sache wachsen. Wenn dir im Meeting der Kamm schwillt oder du den Puls eines tasmanischen Teufels bekommst, weil dein Nachbar um 3 Uhr nachts seine neuen Schwingböden über dir eintanzt – dann erinnere dich an die Worte eines weisen Philosophen: Probier's mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.

Oft sieht's am nächsten Tag gar nicht mehr so schlimm aus und du bist froh, niemandem den Scheitel rasiert zu haben. Bei Spielen ist das ganz ähnlich. Einige Titel wurden zum Launch in wildem Furor verrissen – wir erinnern uns an Assassin's Creed Unity –, gelten Jahre später aber als Juwelen ihres Genres.

Ist Mortal Shell so ein Fall? 2020 brachte das Actionspiel die Gemüter kaum auf Betriebstemperatur, von vielen wurde es als lahmer Dark-Souls-Klon ohne, ha, Seele abgestempelt. Mortal Shell galt als eines dieser typischen neumodischen Unreal-Engine-Spiele: Sieht auf den Bildern saumäßig schick aus, bietet aber fast keine spielerische Tiefe, Vielfalt oder Klasse.

Und dann kam Mortal Shell 2. Zum Launch im August 2026 erreichte das auf Steam einen beachtlichen Höchststand von 44.000 gleichzeitig aktiven Spielerinnen und Spielern, die 22.000 Steam Reviews sind im Schnitt positiv – natürlich kein AAA-Erfolg, aber doch einer, mit dem kaum jemand nach Mortal Shell 1 gerechnet hat. Im GameStar-Test staubte Mortal Shell 2 eine satte 84 ab. Wer das Indie-Studio Cold Symmetry nach wie vor als »Dark Souls auf Wish bestellt« verunglimpft, tut ihnen offensichtlich Unrecht.

Und weil ich Spiele gerne in Release-Reihenfolge spiele, dachte ich mir: Okay, vielleicht sollte ich Mortal Shell nach all den Jahren eine Chance geben. Ich will herausfinden, ob hier nicht doch ein Rohdiamant ruht, der erklärt, wie das Studio sechs Jahre später so einen großen Sprung hinlegen konnte. Also habe ich das Ding von vorne bis hinten durchgespielt – hier mein Fazit.

Dimitry Halley
Dimitry Halley

Dimi feierte seinen Souls-Einstand mit dem allerersten Dark Souls, testete damals Bloodborne und hat generell viel Zeit mit den bockschweren Action-Rollenspielen verbracht. Sein Highlight bleibt bis heute das sehr action-lastige Sekiro, das auf viele Rollenspiel-Mechaniken bewusst verzichtete. Vielleicht hat er deshalb eine Schwäche für Mortal Shell.

Der größte Unterschied zu Dark Souls

Ihr könnt abhaken, in wie vielen Punkten Mortal Shell seinem großen Vorbild frappierend ähnelt:

  • eine düstere Fantasy-Welt mit einer kryptischen Hintergrundgeschichte, die ohne YouTube-Lore-Videos kaum zu verstehen ist: ✅
  • beinharte Kämpfe, die euch ins Gamepad beißen lassen: ✅
  • ein Risk-Reward-Kampfsystem, bei dem jeder Angriff eine bewusste Entscheidung sein sollte: ✅
  • nach dem Ableben verliert ihr eure Währung und musst sie an der Stelle eures Todes zurückverdienen: ✅
  • feindlichen Angriffen weicht ihr aus, besonders pfiffige Füchse parieren und kontern: ✅

Video starten 13:04 Mortal Shell - Test-Video zum »kleinen« Dark Souls

Mortal Shell handhabt aber eine Sache radikal anders: Ihr levelt keine Charakterattribute und erstellt euch auch keinen Avatar, sondern schlüpft in die Rolle vorgefertigter Figuren, die ihr erstmal in der Spielwelt finden müsst – sogenannte »Shells«. Ähnlich wie Sekiro ist Mortal Shell durch und durch ein Action-Spiel. Ihr könnt zwar eure Waffen verbessern und hier und da neue Fertigkeiten erlernen, aber es gibt kaum Möglichkeiten, fehlendes Kampfgeschick durch Grind abzufedern.

Und Mortal Shell ist kompakt. Die ganze Welt besteht bloß aus vier Gebieten, ihr müsst drei große Dungeons absolvieren, um den finalen Boss-Kampf freizuschalten, nach etwa zehn Stunden rollt der Abspann. Und genau dort verbirgt sich die für mich größte Stärke des ersten Mortal Shell.

Was mir richtig gut gefällt

Gerade bei Action-Spielen ist das Zusammenspiel aus Kampagnen-Länge, Gameplay-Tiefe und Gegnervielfalt oft entscheidend. Ihr alle kennt Genre-Vertreter, die in den ersten drei, vier Stunden richtig Spaß machen, sich danach aber leerlaufen. Mortal Shell findet hier die richtige Balance.

Die Devs haben verstanden, dass Mortal Shell 1 weder Budget, noch Finesse hat, mit einem Elden Ring oder auch Dark Souls in vollem Umfang mitzuhalten, also komprimieren sie die Erfahrung auf ein paar kompakte Dungeons und erschaffen damit eine (wie ich finde) sehr vergnügliche Alternative zu den ansonsten ziemlich zeitverschlingenden Soulslikes.

Vor allem die Bossfights von Mortal Shell sind ein Highlight, es gibt allerdings auch nur eine Handvoll. Vor allem die Bossfights von Mortal Shell sind ein Highlight, es gibt allerdings auch nur eine Handvoll.

Wer wie ich also nicht immer die Zeit mitbringt, sich in ein Umfangsmonster reinzubeißen, bekommt hier quasi ein Souls-Kölsch: klein, aber spaßig. Die Kämpfe fetzen, die vier Gebiete unterscheiden sich optisch stark, es finden sich auch immer mal spielmechanische Überraschungen, die Boss-Kämpfe fordern und es lohnt sich, mit unterschiedlichen Waffen und Shells zu experimentieren.

In Steam Sales gibt's Mortal Shell 1 regelmäßig für schlappe 2,50 Euro zu schießen – und dafür bekommt ihr auf jeden Fall ein paar unterhaltsame Stunden. Für den vollen Preis von 25 Euro ... sieht die Sache ein bisschen anders aus.

Die Schwächen von Mortal Shell

Trotz diverser Patches stehen im Mortal Shell nach wie vor viele Ecken und Kanten über. Die Parry-Mechanik funktioniert ziemlich unzuverlässig – und gerade beim frame-genauen Parieren ist sowas ein Riesenproblem –, und in manchen Gebieten bewirft euch das Spiel mit so vielen Feinden, dass ich irgendwann einfach an den Kollegen vorbeisprintet bin. Es kopiert außerdem viele von den Tricks aus der Dark-Souls-Mottenkiste: Wenn ihr durch ein Portal einen einzelnen Billo-Gegner in einem Raum stehen seht, könnt ihr die Uhr auf Hinterhalt stellen.

Generell: Das Spiel klammert sich an manchen Stellen unnötig sklavisch an sein großes Vorbild. Die kryptische Hintergrundgeschichte wirkt über weite Strecken tatsächlich wie ein Abklatsch, hier finden sich zu wenige originelle Ideen, um ein glaubhaftes eigenes Dark-Fantasy-Universum aufzubauen. Schade drum.

Wem würde ich das erste Mortal Shell also empfehlen?

Mortal Shell 1 ist kein Rohdiamant, sondern ein Prototyp, ähnlich wie damals das allererste Assassin's Creed. Es wirft ein paar coole Ideen in den Ring, allem voran die Shells, die erst der Nachfolger jetzt, sechs Jahre später, so richtig entfaltet. Ich hatte mit dem Erstling trotzdem viel Spaß, weil ich wusste, worauf ich mich einlasse: Ecken und Kanten auf der einen Seite, eine kompakte Erfahrung, perfekt für ein regnerisches Wochenende, auf der anderen.

Falls diese Kompaktheit für euch aber keine Rolle spielt, dann gibt es viele deutlich bessere Soulslikes, auch aus dem Indie-Bereich.


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