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Assassin's Creed: Odyssey - Kassandra hat mich skrupelloser gemacht und das ist gut so

Schluss mit gut: Statt wie eine Heldin spielt Elena Kassandra in Assassin's Creed: Odyssey wie eine skrupellose Söldnerin.

von Elena Schulz,
04.01.2019 14:34 Uhr

Elena hat in Assassin's Creed: Odyssey ihre dunkle Seite entdeckt. Elena hat in Assassin's Creed: Odyssey ihre dunkle Seite entdeckt.

Rollenspiele lassen mich gerne wählen, wie "gut" ich sein möchte. Ähnlich wie beim Steak im Restaurant mit medium, medium rare und so weiter, gibt es dann die Everybodys-Darling-Option, die etwas weniger nette und die fast schon böse Variante. Richtig böse darf ich aber selten sein, genauso wenig, wie mir das Restaurant eine lebendige Kuh auf den Tisch setzt und mir viel Spaß damit wünscht.

Gestört hat mich das bislang nie. Denn ich bin ohnehin jemand, der nicht einmal in der virtuellen Welt böse sein kann. Dabei wäre ein Rollenspiel doch der ideale Rahmen, um eine Rolle zu spielen. Ich könnte ein kaltblütiges Monster ohne Gewissensbisse sein. Das schlechte Gewissen war bislang aber immer größer als der Reiz des Bösen bei mir.

GS-Plus-Report: Der Reiz des Bösen - Teil 1: Unmoralische Faszination


Elena Schulz
@Ellie_Libelle

Elena hat die Redaktion 2017 verlassen, um Game Art & Animation zu studieren. Nebenbei schreibt sie aber weiterhin als Freiberuflerin für GameStar.de. Zusätzlich ist sie noch auf ihrem eigenen Spiele-Blog The Last Pixel unterwegs, auf dem dieser Artikel ursprünglich erschien.

Ich, die zwanghafte Heldin

Deshalb war ich in Mass Effect immer brav der blaue Paladin-Shepard und jonglierte in The Witcher als neutraler Hexer mit allen Seiten, bevor ich mich zum Beschützer der verfolgten Minderheiten erhob. Ich lade regelmäßig sogar Quests neu, wenn ich nicht das ideale Ergebnis erzielt habe. Es quält mich in der Realität, wenn ich jemanden nicht retten konnte oder aus Versehen eine falsche Antwort gegeben habe.

Davon, wie oft ich in Mass Effect 2 die Selbstmord-Mission wiederholt habe, möchte ich gar nicht erst anfangen. Und wie sehr ich mich in Dishonored in No-Kill-Runs verbissen habe, statt die spaßigen "bösen" Fähigkeiten auszukosten, habe ich schon in einem anderen Artikel auf thelastpixel.de ausgeführt.

Assassin's Creed: Odyssey hat das für mich geändert. In der Rolle der Söldnerin Kassandra konnte ich mich zum ersten Mal damit anfreunden, auch mal nicht das Richtige zu tun - eine angenehm erfrischende Erfahrung.

In Mass Effect kann ich durch meine Entscheidungen Figuren verlieren, die mir am Herzen liegen. In Mass Effect kann ich durch meine Entscheidungen Figuren verlieren, die mir am Herzen liegen.

Das Ganze funktioniert natürlich auch mit Alexios, setzt also seinen Namen ein, wenn ihr mit ihm durch Griechenland zieht.

Söldnerin statt Heldin

Kassandra ist als Söldnerin von Anfang an nicht als klassische Heldin ausgelegt. Sie folgt keinem Assassinen-Codex und ist kein Medjay wie Bayek in Origins, der seinem Land verpflichtet ist. Sie hilft den Menschen für Geld, nicht aus einer tieferen moralischen Vorstellung heraus.

Damit passt sie als Figur für mich sehr gut zu dem, was ich als Spieler tue. Denn egal, ob ich Söldner töte oder Festungen ausräume, es winkt immer eine bessere Rüstung oder eine finanzielle Belohnung. Meine Rolle als Spieler ist letztlich auch die eines Söldners, der Arbeit erledigt, um etwas dafür zu bekommen. Dass ich Menschen rette oder etwas zum Besseren verändere, bleibt Nebensache zu meinem Levelfortschritt.

Essay zu AC: Odyssey:Zwischen Massenmord und Minotauren-Merchandising

Eine Figur gemacht für ihre Welt

Das ist natürlich nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht in Open-World-Spielen. Im Fall von Kassandra entsteht hier aber keine ludonarrative Disonanz, wenn ich statt der Geschichte zu folgen haufenweise Nebenkram erledige, auch mal ein Schiff versenke oder eine Schatztruhe plündere.

Oft spiele ich gutherzige Figuren, bei denen viele Aktivitäten fehl am Platz wirken. Nehmen wir zum Beispiel den Helden in Fallout 4, der sein Kind sucht, aber sich an jeder Ecke aufhalten lässt. Sein Verhalten erscheint nicht wirklich glaubwürdig, wenn man darüber nachdenkt.

Ludonarrative Dissonanz in Spielen - Wenn Story und Gameplay nicht zusammenpassen PLUS 23:09 Ludonarrative Dissonanz in Spielen - Wenn Story und Gameplay nicht zusammenpassen

Kassandra hingegen macht eben ihren Job. Ja, sie will ihre Familie finden, aber sie braucht auch die Mittel dazu. Und ihre Eltern sind nun einmal kein schutzloses Kind, das entsprechende Dringlichkeit bei der Suche erfordert. Der heimtückische Kult in Odyssey hingegen bedroht die ganze Ägais und erfordert schnelles Handeln, was ihre Prioritäten plausibel macht.

Zusätzlich wird sie stets als taffe Soldatin präsentiert, häufig mit einem spöttischen Spruch auf den Lippen. Ihr kauft man gerne ab, dass sie es nicht so genau mit den Folgen ihrer Handlungen nimmt. Wenn mal jemand stirbt oder etwas kaputt geht, dann ist das halt so. So ist das Leben, ich hatte es auch schwer - Malaka!

Ich kann in Odyssey sogar abwechselnd für beide Seiten im Krieg um die Vorherrschaft in einem Gebiet kämpfen. Ich kann in Odyssey sogar abwechselnd für beide Seiten im Krieg um die Vorherrschaft in einem Gebiet kämpfen.

Interessanter statt schlechter Charakter

Das heißt nicht, dass Kassandra ein unsympathischer Schläger sein muss. Aber sie ist eben auch nicht Everybody's Depp. Für mich wird ihr Charakter viel tiefgründiger dadurch. Denn wenn ihr mal etwas bedeutet, wenn man ihre menschliche Seite sieht, wird es so umso intensiver.

Vor allem, wenn es um ihre Mutter geht, fällt Kassandras coole Maske dann plötzlich. Dann wird sie wieder zu dem kleinen Mädchen, das ihre Familie verloren hat und seitdem nur noch für sich selbst kämpft, weil sie niemanden mehr hat. Genauso weckt auch die junge Phoibe, die sich in einer ähnlichen Lage befindet, ihren Beschützerinstinkt.

Und Gesprächsoptionen gibt es ja trotzdem. Man kann Kassandra also immer brav auf ihr Geld verzichten lassen und den Menschen aus Barmherzigkeit helfen. So fühlt sie sich halt eher wie eine klassische Heldin an, was völlig in Ordnung ist. Mir persönlich gefällt aber gerade, dass es mich in ihrem Fall nicht stört, auch mal die andere Option zu wählen. Denn es wirkt nicht deplatziert.

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Böse sein macht doch Spaß

In einer Quest sollte ich beispielsweise ein Frau von einem Schiff retten. Versenke ich das Schiff, stirbt sie. Wie das Leben manchmal so spielt, sank das Schiff aus unerfindlichen Gründen (Ich weiß es wirklich nicht, ich war gerade ins Wasser gefallen - versprochen!). Normalerweise hätte ich mich jetzt geärgert und irgendwie versucht, die Quest neuzustarten.

In AC: Odyssey ging ich aber zurück zur Questgeberin und lauschte amüsiert dem Dialog der beiden. Klar, die arme Frau ist verzweifelt und traurig, dass ihre Freundin tot ist. Aber Kassandra hat nun einmal gute Argumente: Hey, die hätten sonst mich versenkt! Ja, es ist tragisch, aber so läuft es manchmal eben. Kassandra ist eine Söldnerin, keine Superheldin und ich muss das genauso akzeptieren wie Griechenland.

Was, ich soll das gemacht haben? Das ist ja absurd! Was, ich soll das gemacht haben? Das ist ja absurd!

In einer anderen Mission will ein (höchst unfreundlicher) Priester, dass ich Schlangen aus einem Badehaus vertreibe. Aber weil sie für medizinische Zwecke genutzt werden, soll ich sie nicht töten. Ich bin genervt, da mir in dem abgelegenen Kloster niemand etwas zum Verbleib meiner Mutter sagen kann oder will. Also mache ich kurzen Prozess mit den schlängelnden Eindrinlingen und verbrenne sie.

Was den Priestern wütende Flüche entlockt, erfüllt mich mit einer seltsamen Genugtuung, auch weil Kassandra es nur mit einem spöttisch grinsenden "Nur eine tote Schlange, ist eine gute Schlange" kommentiert. Ich bin eben nicht nur dafür da, eure Arbeit zu erledigen und wenn ich es tue, mache ich es verdammt nochmal auf meine Art!

GameStar-Plus-Podcast:Der Reiz des Bösen

Ich spiele für mich, nicht für euch

Assassin's Creed: Odyssey und Kassandra waren für mich also ein regelrechter Befreiungsschlag. Weil es so gut zu ihr und dem Spiel passt, stört mich das Böse sein plötzlich nicht mehr. Im Gegenteil, es bereitet mir sogar Freude. Nach all den Helden tut es wirklich gut, mal jemanden zu spielen, der zuerst an sich selbst denkt.

Statt zwanghaft alles richtig machen zu wollen und mich dadurch zu limitieren, spiele ich deshalb einfach so, wie es mir Spaß macht. Mal helfe ich jemanden, mal töte ich jemanden, weil er mir auf die Nerven geht oder ignoriere seine Bitten. Und mal töte ich aus Versehen eine Gruppe Priesterinnen, weil sie mich bei einem Verbrechen beobachtet haben und werde anschließend mit einem Paddel verprügelt. Malaka!

Und jetzt: Lesen, was Peter über Assassin's Creed: Odyssey denkt

Nicht ins Gesicht! Nicht ins Gesicht!


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