Wenn das unwahrscheinliche Zusammenspiel mehrerer Faktoren eine Situation drastisch verschlimmert, spricht man im Englischen ehrfürchtig vom »perfect storm«, dem perfekten Sturm. Auch das Twitter-Hashtag #GamerGate verschmilzt mehrere Faktoren, mehrere Strömungen und Meinungen zu einem Sturm der Entrüstung, der binnen zwei Wochen über 615.000 Tweets aufgewirbelt hat. Was als Schlammschlacht zwischen einer Indie-Entwicklerin und ihrem Ex-Freund begann, hat sich zur wilden Diskussion um Feminismus und Presseethik entwickelt, in die sich selbst Schauspieler und Politaktivisten einmischen.
Diesen Sturm der Entrüstung perfekt zu nennen, wäre jedoch unpassend. Die Geschehnisse rund um #GamerGate verdienen keine Ehrfurcht, sie verdienen Kopfschütteln. Denn das Twitter-Hashtag (nicht zu verwechseln mit der Download-Plattform GamersGate) überschreibt einen bizarren Tornado aus Pressekritik und Frauenfeindlichkeit, aus Homophobie und Verschwörungstheorien, aus Hackerangriffen, Vergewaltigungsdrohungen, wütenden Retourkutschen und, ja, auch Auseinandersetzungen mit Missständen der Spielebranche, die im Hassgetöse aber fast untergehen.
Die Anhänger von #GamerGate betrachten sich als Bewegung, die gehört, die ernst genommen werden möchte, die berechtigte Kritik vorbringt und Antworten erwartet. Dass sie dabei mit Radikalen paktieren - oder die Radikalen sie zumindest als Deckmäntelchen nutzen -, schadet jedoch nicht nur ihnen, sondern dem Image aller Spieler. Genauso übrigens wie die nicht minder hasserfüllten Antworten ihrer Gegner. Ja, #GamerGate geht uns alle an, schadet uns allen, lehrt uns aber auch vieles über unsere eigene Branche.
Doch treten wir mal kurz einen Schritt zurück, holen tief Luft, zählen bis zehn und unterdrücken den Impuls, eine Brandrede zu verfassen. Stattdessen ergründen wir die Ursprünge des Unmuts, umreißen die Positionen und fassen zusammen, woran das Thema letztlich krankt.
Twitch-Diskussionsrunde mit GameStar-Lesern am 18.9.
Ihr habt noch Fragen zu GamerGate? Ihr seid der Meinung, GameStar ist Teil einer internationalen Feminismus-Verschwörung, oder wir verschleiern zumindest die Wahrheit und behandeln nicht die wahren Skandalthemen? Dann diskutiert mit uns! Michael Graf und André Peschke werden voraussichtlich am kommenden Donnerstag Abend parat stehen, um mit euch auf dem GameStar-Twitch-Kanal live über das Thema GamerGate zu sprechen. Den genauen Termin werden wir Anfang kommender Woche bekanntgeben.
Baldwin, der Urvater
Eines vorneweg: Ja, das wird ein langer Artikel. Ja, es gibt viel zu erzählen, viel zu erklären. Ja, wir werden dennoch die eine oder andere Geschichte ausklammern, um uns nicht in Details zu verlieren. Aber es lohnt sich, das alles durchzulesen, vor allem für Spieler, die bislang von #GamerGate nur am Rande mitbekommen haben. Geprägt wird das übrigens Hashtag vom Schauspieler Adam Baldwin, es ist eine Anspielung auf den Watergate-Abhörskandal des US-Präsidenten Richard Nixon, seit dem die Endung »-gate« für allerlei Affären herhalten musste.
Worum es diesmal geht? Dazu kommen wir gleich, zunächst zu Baldwin. Der verkörperte in der Science-Fiction-Serie Firefly den schlichten Ballerknecht Jayne und scheint dieser Rolle auch im wahren Leben treu zu bleiben: Auf der Comic-Con 2012 bezeichnet er sich als »Waffen-Geek«, überdies vertritt er erzkonservative Positionen. So nennt er Schusswaffen in einem Twitter-Streit mit Brent Spiner (Data aus Star Trek) »das großartigste Friedenswerkzeug, das jemals erfunden wurde«, in einem anderen Tweet setzt er die gleichgeschlechtliche Ehe mit Inzest gleich.
Zumindest nach europäischen Standards ist Baldwin also nicht gerade der perfekte Pate für eine seriöse Bewegung. Den Hashtag #GamerGate verwendet er erstmals am 28. August, als er den Tweet eines weiblichen Fans weiterleitet. Die Spielerin wünscht sich, dass die Medien nicht nur die Männer, sondern auch die »vielen Frauen« erwähnen würden, die gegen Zoe Quinn seien. Zoe Quinn, die Frau, mit der alles begann. Die Frau, deren Name auf ewig mit einem Skandal verknüpft sein wird.
Zoe Quinn geht fremd
Zoe Quinn ist, oder besser: war eine eher unbekannte Indie-Entwicklerin, die vor allem für Depression Quest verantwortlich zeichnet, ein Text-Adventure, in dem man einen depressiven Menschen verkörpert, der mit seinem Alltag klarzukommen versucht. Das Spiel ist kein Meisterwerk, weckt aber Aufmerksamkeit für eine oft ignorierte Krankheit. Noch dazu kostet es nichts, Spieler können freiwillig bezahlen, ein Teil der Erlöse fließt an die amerikanische Telefonseelsorge für Selbstmordgefährdete. An sich ein lobenswertes Projekt, das hier aber keine Rolle spielt.
Stattdessen geht es darum, dass Quinns Ex-Freund Eron Gjoni am 16. August, zwölf Tage vor Baldwins #GamerGate-Startschuss, ein Blog namens TheZoePost aufsetzt. Es enthält nur einen einzigen, dafür langen Eintrag: Gjoni breitet detailliert aus, wie Quinn ihn belogen und mit mindestens fünf anderen Männern betrogen haben soll, zum Beweis zeigt er Auszüge aus Privatgesprächen.
Das alleine ist schon hässlich, bei allem Schmerz hat kein Mensch verdient, dass Details aus seinem Intimleben ungefiltert an die Öffentlichkeit sprudeln. Das ist auch der Grund, warum wir, GameStar, zunächst nicht darüber berichteten. Diese Sache, so unsere Überzeugung, geht nur Zoe Quinn und die darin verwickelten Personen etwas an.
Doch die Geschichte verselbständigt sich, als auf der Liste der Liebhaber Nathan Grayson auftaucht. Grayson ist Spielejournalist, schreibt für die US-Websiten Rock, Paper, Shotgun und Kotaku. Im Nach-Gamescom-Sommerloch, dessen Nachrichtenlage sich bis dahin darauf beschränkt, wer sich gerade einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf kippt, schlägt die Quinn-Grayson-Affäre ein wie eine Bombe.
In News-Meldungen und Foren explodiert der Verdacht, Quinn habe mit Grayson geschlafen, damit er Depression Quest gut bewertet - ein klarer Verstoß gegen die Presseethik. Nur: Grayson hat für seinen aktuellen Arbeitgeber nicht über Depression Quest berichtet, sondern es nur in einem Beitrag für Rock, Paper, Shotgun kurz erwähnt – als eines von 50 (!) Steam-Greenlight-Spielen. Als werbenden Bericht kann man ihm das kaum auslegen.
Darüber schreibt Grayson zudem, bevor die beiden ein Verhältnis eingehen. Ebenfalls vor Beginn der Beziehung verfasst er seinen einzigen Kotaku-Artikel, in dem Quinn vorkommt, ein Bericht über »Game Jam«, eine gescheiterte Reality Show über Indie-Entwickler, an der auch Quinn teilnehmen sollte.
Auch für das Gerücht, dass Quinn andere Autoren, Vorgesetzte und Co-Entwickler mit Sex gefügig gemacht und so ihre - bis dahin ziemlich unspektakuläre - Karriere gefördert haben soll, gibt es keinerlei Beweise. Doch das interessiert niemanden mehr, das Internet hat Blut geleckt.
Ein Kern aus Pressekritik
In Foren und Kommentarspalten versammeln sich die Quinn-Gegner, die virtuellen Mistgabeln werden gewetzt, die Fackeln entzündet. Auf Youtube verbreitet sich die Nachricht, die Entwicklerin habe ein anklagendes Video wegen Copyright-Verstößen sperren lassen. Tatsächlich muss ein Video wegen der Beschwerde einer »Zoe Quinn« offline gehen. »Womöglich hat sie diese Beschwerde nicht selbst eingereicht, vielleicht gibt sich da jemand für sie aus«, kommentiert der bekannte Youtuber TotalBiscuit. »Das ist einfacher, als es sein sollte, das Youtube-System ist schrecklich.«
Man könne, sagt TotalBiscuit, im heraufziehenden »Shitstorm« eben nicht sicher sein, was wahr sei und was nicht. Klar, Internet-Trolle, die Öl ins Feuer gießen, gibt es nicht erst seit gestern. Zugleich erkennt TotalBiscuit jedoch den seriösen Kern der Proteste: Ob Quinn nun Grayson und andere beeinflusst hat oder nicht, ist für die Diskussion nicht ausschlaggebend. Vielmehr brodelt aus Forenbeiträgen und Videos das generelle Misstrauen vieler Spieler gegenüber einer Spielepresse, die offenbar dichter mit der Industrie verflochten ist, als sie zugibt.
Wie unser ehemaliger Kollege Christian Schmidt in seinem Kommentar in der vorletzten GameStar-Ausgabe fordert TotalBiscuit Transparenz: »[Journalisten] haben Freunde in der Industrie, das ist ganz normal. Diesen Freunden wollen sie auch helfen, wann immer sie können, nur müssen sie das dann ehrlich sagen und sehr vorsichtig damit umgehen, damit ihre Befangenheit nicht zu groß wird.« Eine ehrliche Presse, darum geht es dem seriösen Teil der aufkeimenden #GamerGate-Bewegung. Dieser Wunsch ist nachvollziehbar, sogar unterstützenswert. Allzu oft geht er jedoch im Lodern der Störfeuer unter.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.