Sobald ChatGPT in aller Munde war, ging sorgenvolles Raunen durch die Autorencommunity. Könnte man mithilfe einer KI gute Bücher schnell schreiben? Es gibt sicherlich etliche Autorinnen und Autoren, die das bejahen würden.
Der Gedanke ist naheliegend. ChatGPT spuckt schließlich binnen Sekunden Antworten auf Fragen aus, über die jemand, der ein Buch schreiben möchte, ewig sinniert oder recherchiert.
Der Beweis dafür, dass man Dank einer KI sogar bestehende Reihen weiterführen kann, hat ein Fan von Game of Thrones eindrucksvoll bewiesen. ChatGPT hat immerhin zwei ganze Fortsetzungen zur beliebten Fantasy-Serie produziert und das in annehmbarer Qualität.
Ich habe mir bereits vorher die Frage gestellt: Kann ich auch ein Buch, oder zumindest eine zusammenhängende Geschichte, mittels ChatGPT 3.5 schreiben?
Ich hab’s versucht.
Versuch Nummer 1: Eine bestehende Geschichte fortsetzen
Mein Grundgedanke war: Was mit Game of Thrones und seinen vielen Charakteren und Storylines funktioniert, muss doch auch auf einer kleineren Skala klappen (selbst wenn einiges der Buchreihe subtil in meine Werke eingeflossen ist).
Momentan plane und bereite den vierten Band meiner Noir-Fantasy-Reihe vor. Ich weiß bereits, wie die Geschichte weitergeht, aber lasse ChatGPT trotzdem freie Hand.
Zwischen Band 3 und 4 gibt es einen größeren Zeitsprung - perfekt also, um der KI Inhaltsangaben zu füttern und sie zu fragen: Wie geht die Geschichte weiter?
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Schreiben tue ich übrigens mit einer deutschen Autoren-Software aus den 90ern:
Weil ich euch nicht mit dem Inhalt dreier Bücher langweilen will, hier die wichtigsten Details: Die Story spielt in einem Ödland, genauer in der Hauptstadt Polys. Die Technologie befindet sich auf der Höhe des Mittelalters, im Untergrund lauert ein Feind, der seit Dekaden als vergessen gilt.
Ich frage ChatGPT: Wie kann der Antagonist aus dem Untergrund König werden? Was ist sein Plan?
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Und die Antworten der KI sind eigentlich gar nicht mal schlecht, denn sie schlägt mir folgende Strategien für meinen Bösewicht vor:
- Täuschung und Manipulation
- Allianzen schmieden
- Entfesselung katastrophaler Ereignisse
- Unzufriedenheit und Unruhe schaffen
- Attentate und Sabotage
- Gerissene und charismatische Führung
- Verwendung antiker Artefakte oder Magie
Teile dessen, was die künstliche Intelligenz mir da vorstellt, werde ich tatsächlich nutzen, aber hier bemerke ich sofort das Kernproblem.
Ich bin nicht selbst drauf gekommen.
So clever und nachvollziehbar die Vorschläge sind, sie sind nicht meine. Obwohl unsere Inspiration zu 90 Prozent aus Transpiration besteht, also Dinge, die uns von außen beeinflussen, fühlen sich Ideen, auf die man selbst kommt, immer besonders an.
Ja, die KI bezieht sich nur auf das, was es schon gibt, doch das tun Menschen, die etwas erschaffen auch, nur weniger offensichtlich. Deshalb fühlt es sich immer eigen
an, weil man eine Idee selbst erdacht hat.
Sören hat übrigens sein Kinderbuch von ChatGPT nachschreiben lassen und war vom Ergebnis überrascht.
Ich habe ChatGPT gesagt, es soll bitte Täuschung und Manipulation
vertiefen und sämtliche Magie außen vor lassen. Das funktioniert hervorragend und ich bekomme viele Möglichkeiten, wie ich die Story weiterführen, oder meine eigenen Ideen unterfüttern kann.
Diese Erkenntnis hatte auch der Fan, der Game of Thrones von der KI weiterschreiben ließ. Die künstliche Intelligenz erschafft innerhalb derselben Storyline keine Logiklöcher. Mit gezielten Fragen kann man also Logiklöcher im eigenen Buch stopfen.
Was ChatGPT nicht geschafft hat: Die Storylines meiner Geschichte logisch koexistieren lassen. Wenn zu einem Bösewicht aus dem Untergrund eine Königin kommt, die verrückt wird, kann die KI beides nicht in Korrelation setzen, und die Auswirkungen von beiden in Betracht ziehen. Hier muss also der Mensch ran.
Versuch Nummer 2: Eine eigene Geschichte erfinden
Vielleicht war ich bei meiner eigenen Geschichte zu voreingenommen, darum habe ich ChatGPT seine eigene schreiben lassen. Der Prompt, den ich dafür genutzt habe, klingt wie folgt:
Erfinde eine Geschichte im Stile von One Piece, die sich um eine epochale Reise dreht und viele politische Konflikte beinhaltet. Außerdem haben alle Figuren Würstchen anstatt Arme.
Heraus kam eine Story um den jungen Abenteurer Joey aus Wurstlania
, der mit seinem Wurstelstone
seine eigenen Würstchenkräfte verstärkt, und durch fünf Königreiche reisen muss, um dessen Könige zu überzeugen, ihre langjährigen Konflikte beizulegen.
Doch Joey ist nicht allein! Er trifft auf Sally, die mit ihren Würstchennudeln blitzschnelle Angriffe ausführen kann, Mike, der sich mit Würstchenketten durch gefährliche Situationen manövriert, und Brenda, die schüchterne Heilerin und ihre Würstchenpflaster.
Ich sage ChatGPT, es soll noch Ketchup, Senf und Brötchen hinzufügen und einen Bösewicht erfinden.
Prompt gibt es die Ketchup-Kraft, die Senf-Kraft und die Brötchenbeschwörung, die zum Großen Festmahl
werden, wenn man alle vier Elemente vereint. Der Bösewicht ist der Baron von Sauerkraut
und die Bruderschaft der Bratwurst
spielt auch noch eine Rolle sowie das legendäre Schwert Drachenschlund-Wurst
.
Ich geb’s gerne zu: Das ist alles herrlich witzig und hanebüchen. Je tiefer man geht, desto kreativer wird auch ChatGPT - allerdings nur an der Oberfläche.
Das ist das Problem mit der KI: Egal wie abgefahren man mit dem Prompt wird, die Story bleibt eine Heldenreise, eines der grundlegendsten Prinzipien des Storytelling.
Das ist genau das Dilemma, wenn man versucht Bücher mithilfe von KI zu schreiben: Die künstliche Intelligenz kann nicht von Regeln abweichen. Sie kann keine Erwartungen unterwandern oder Vorhandenes in einen anderen Kontext setzen.
ChatGPT kann nur reproduzieren und zusammenmischen, was bereits existiert. Durch abstruse Namen und Begebenheiten suggeriert die KI zwar Kreativität, aber die bleibt oberflächlich, weil das darunter liegende Schema stets dasselbe bleibt.
Fazit
Ein Buch mittels KI schreiben halte ich zum aktuellen Zeitpunkt ohne direkt einzugreifen nicht für möglich. Weder ist es der Easy-Money-Hack zum großen Geld, noch die Abkürzung zur Autorin oder zum Autor.
Als ich ChatGPT auf Basis meines eigenen Werks habe schreiben lassen, dann kamen dabei clevere Ideen heraus, von denen ich mich inspirieren lassen kann, keine Frage. Auf Basis derer könnte man wirklich eine Geschichte spinnen, aber nicht ohne eigenes Hirnschmalz zu investieren.
Für mich die größte Krux: Es fühlte sich nicht wie meine Idee an, sondern wie die von jemand anderem.
Um ein eigenes Buch zu schreiben, hält sich ChatGPT schlichtweg an zu viele Regeln, weil es nur wiedergeben kann, was bereits existiert. Um diese Schreibregeln zu brechen, müsste man gezielt Fragen und Prompts stellen, die diese unterwandern, und wer das Handwerk kennt und beherrscht, schreibt lieber selbst.
Ich bleibe als Autor bei meinen Leisten. Trotzdem werde ich mir ChatGPT warm halten, um Logiklöcher gegenzuprüfen - oder wenn ich mal wieder herrlich über Würstchenkräfte lachen möchte.
Fünf Fantasybuch-Empfehlungen (vermutlich ohne Würstchen) hat Peter für euch im Gepäck:
Den Traum von der Autorin oder dem Autor mittels ChatGPT muss ich euch leider nehmen. Ohne eigenes Investment wird das leider nichts. Allerdings hat die KI allerhand hilfreiche Tipps auf Lager, von denen man sich beflügeln lassen kann. Für was verwendet ihr ChatGPT? Bei welchem Hobby hilft euch die KI? Soll ich aus der Würstchengeschichte ein ganzes Buch stricken? Sagt es mir in den Kommentaren.
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