Delete Facebook ist Augenwischerei - Das Problem sind nicht soziale Netze, sondern mangelhafte Datenschutz-Einstellungen

Wer zum Löschen von Facebook-Konten aufruft, verschleiert für Sandro Odak den Blick auf eine weitaus wichtigere Debatte: den verantwortungsvollen Umgang mit eigenen Daten.

von Sandro Odak,
01.04.2018 16:30 Uhr

Missbrauch von Daten ist ein Problem, aber die aktuelle Anti-Facebook-Kampagne greift zu kurz. Das Problem sind Datenklau-Apps, nicht Facebook & Co.Missbrauch von Daten ist ein Problem, aber die aktuelle Anti-Facebook-Kampagne greift zu kurz. Das Problem sind Datenklau-Apps, nicht Facebook & Co.

Facebook ist unter Beschuss: In den letzten Wochen war das Social Network fast jeden Tag mit einer neuen Horrornachricht in den Schlagzeilen. Beeinflussung der amerikanischen Präsidentschaftswahl, Datenklau, Spionage von Android-Nutzern - die erhobenen Vorwürfe wiegen schwer. Kein Wunder, dass eine große Zahl von Nutzern nun auf die Barrikaden geht und die Kampagne #DeleteFacebook gestartet hat.

Ich halte diese Bewegung für Augenwischerei. Wir brauchen nicht weniger soziale Medien, sondern mehr Bewusstsein dafür, wo wir überall Daten hinterlassen und wem wir sie freigeben. Versteht mich nicht falsch: Wer nicht auf sozialen Netzwerken unterwegs sein will, soll seinen Account löschen. Aber Löschaufforderungen per WhatsApp und Instagram zu verschicken, beides Firmen, die zu Facebook gehören, lösen in mir nur ein resigniertes Schulterzucken aus.

Nur teilen, was man auch preisgeben will

Für mich lautet die oberste Grundregel: Nur teilen, was man von sich auch preisgeben will. Vor jedem Post, vor jedem Foto, vor jedem Kommentar sollte man sich fragen, ob man später mit dem Inhalt konfrontiert werden könnte. Was würden Eltern, der Partner, Kollegen oder der Chef denken, wenn sie den Inhalt sehen. Wer an diesem Punkt Bedenken hat, sollte erst gar nicht posten. Datenschutz durch Datenminimierung nenne ich das. Das heißt aber nicht, dass man gar nichts mehr teilen kann. Sondern nur das für sich behält, was man auch privat halten will.

Wer sich das zu Herzen nimmt, macht schon den ersten Schritt, sich vor peinlichen Pannen zu schützen. Der zweite ist schon etwas technischerer Natur: Account-Sicherheit ist immer da am schwächsten, wo ein Nutzer ins Spiel kommt. Denn auch wenn die Facebooks, Googles und Amazons dieser Welt ziemliche viele Daten über uns sammeln: Sie sind dort vermutlich sicherer als sonstwo.

Apps saugen eure Daten ab, nicht Facebook

Lasst mich dafür etwas ausholen: In der Berichterstattung über Cambridge Analytica wurde oft von Datenklau und Hacks geschrieben. Ja, einen Hack kann man das schon nennen, also das Austricksen eines Systems, das eigentlich nicht dafür gedacht war. Aber Hacker stellen sich die meisten doch als Kriminelle vor, die mit Skimasken vor dem Rechner in fremde Netze einbrechen und geheime Daten klauen. Das war hier aber gar nicht der Fall. Cambridge Analytica hat einfach Apps entwickelt, die sich mit Facebook verbinden und ausschließlich öffentliche Daten speichern, zu denen Nutzer ihnen Zugriff gegeben haben. Daten, die wir bei Facebook eingegeben haben. Daten, zu denen wir den Apps manuell Zugriff gegeben haben.

Die Facebook-Horrormeldungen klingen nach Hacks - jedoch haben Nutzer den Apps erlaubt, auf ihre Daten zuzugreifen.Die Facebook-Horrormeldungen klingen nach Hacks - jedoch haben Nutzer den Apps erlaubt, auf ihre Daten zuzugreifen.

Ihr wisst schon, was für Apps ich meine: Diese »Welche Comic-Figur bin ich«-Quizzes und Spiele, in denen ihr euren Freunden Hufeisen und Co. schicken könnt. Oder Webseiten, auf denen ihr euch mit Facebook anmeldet. Sie alle fragen euch bei der ersten Nutzung, welche Daten und ob überhaupt ihr welche freigeben wollt. Hier muss sich jeder Gedanken machen: Braucht ein Dienst diese Daten, um zu funktionieren und will ich sie dem Dienst geben? Der Knackpunkt ist nämlich; einmal zugelassen, behalten sie diese Einstellungen auch bei.

Noch mehr gilt das fürs Handy, mittlerweile der Dreh- und Angelpunkt der digitalen Gesellschaft. Wenn eine App – egal ob es Facebook ist, Tinder oder ein offensichtlicher Clash-Royale-Ripoff-Scam Zugriff auf wichtige Systeme haben will, fällt es in die Eigenverantwortung des Nutzers, die Warnmeldungen und Systemabfragen ernst zu nehmen.

Ja, es ist skandalös, dass Facebook offenbar eine ganze Weile Metadaten von Telefonaten und SMS ins Netz übertragen und gespeichert hat. Mindestens ebenso problematisch ist aber, dass es erst vier Jahre später aufgefallen ist, obwohl die Informationen seit Jahren einsehbar waren und man bei Android den Änderungen von App-Zugriffsrechten zustimmen muss.

Nutzt die Feiertage, predigt Datenschutz in der Familie

Damit diese Kolumne nicht relativ unsexy mit der Frage nach Eigenverantwortung endet, habe ich nun eine Bitte an euch, liebe GameStar-Leser. Aktuell ist Ostern, viele von euch fahren nach Hause zu ihren Familien.

Die Lösung von Datenschutzproblemen muss nicht unbedingt so aussehen.

Nutzt die Zeit und predigt von besserem Datenschutz. Erklärt, welche Daten Apps lesen und speichern können. Zeigt, wo man sieht, welche Apps Daten auslesen. Und erinnert daran, was diese nervigen Pop-Ups nach App-Updates auf Android-Handys und Tablets bedeuten.

Oder checkt einfach mal zusammen, welche Programme man nicht mehr braucht. Denn sind wir mal ehrlich: Die Taschenlampen-App, die ihr euch 2008 runtergeladen habt, braucht vermutlich keinen ständigen Zugriff auf eure GPS-Position, eure Kamera, eure Foto-Galerie und euer Mikrofon. Oder?

Der Autor
Sandro Odak ist Redaktionsleiter von GameStar.de und verbringt jeden Tag in sozialen Medien und an seinem Handy. Über Facebook, Twitter, Instagram tauscht er sich mit Kollegen und Spieleentwicklern auf der ganzen Welt aus oder postet auch mal nur ein Bild von seinem Mittagessen. Grund zur Besorgnis sieht er in der aktuellen Berichterstattung schon - jedoch, weil Menschen Apps und Seiten zu bedenkenlos Zugriff auf ihre Daten geben. Was er auf Facebook schreibt und liked, bestimmt immerhin er selbst.

Wo man die Datenschutzoptionen einstellt

Für alle, die ihre Datenschutzeinstellungen über die Feiertage kontrollieren und gegebenenfalls anpassen wollen, haben wir im Folgenden einige empfehlenswerte Artikel und Guides zusammengestellt. Postet eure eigenen Tipps und weitere Ratgeber gern in die Kommentare.

Facebook-Einstellungen:

Auf Facebook kann man an verschiedenen Stellen den Schutz seiner Daten erhöhen und (zum Teil) bestimmen, welche Daten wie benutzt werden dürfen. Wenn Apps Zugriff anfordern, erfährt man, welche Daten mit der App geteilt werden. Oft kann man auswählen, ob man alle Datensätze übertragen will oder bestimmte ausschließt. Manche Apps verweigern jedoch auch den Dienst, wenn man ihnen nicht Zugriff auf alle geforderten Daten gibt.

> So verbietet ihr Apps Zugriff auf eure Daten [via verbraucherzentrale.de]
> So verhindert ihr, dass Freunde eure Daten mit Apps teilen [via watson.de]
> Allgemeine Datenschutz-Einstellungen in Posts, Nachrichten und Werbung [via netzwelt.de]

Apple Datenschutzeinstellungen:

Für Handy-Apps auf dem iPhone gibt es ein zentrales Hub, von dem aus man fast alle relevanten Datenschutzeinstellungen vornehmen und verändern kann. Ihr findet sie in der Einstellungen-App unter dem Punkt Datenschutz. Dort könnt ihr zum Beispiel einsehen, welche Apps Zugriff auf Kontakte, Kalender oder Fotos haben wollen oder euren Standort verfolgen.

> Datenschutzeinstellungen in iOS [via itopnews.de]

Android Datenschutzeinstellungen:

Facebook hat eine ganze Weile Telefondaten von Android-Nutzern protokolliert und auf seine Server übertragen. Ob und welche Zugriffsrechte Apps auf Android-Smartphones haben, kann man sehr detailliert einsehen aber auch leicht den Überblick verlieren.

> Android am Spionieren hindern [via heise.de]
> Datenschutztipps für Einsteiger: Mehr Privatsphäre für Android [via spiegel.de]
> App-Berechtigungen anzeigen und verändern [via mobilsicher.de]

Google Datenschutzeinstellungen:

Android-Einstellungen allein zu ändern, reicht manchmal noch nicht aus: Auch Google selbst speichert eine ganze Menge von Daten. Zum Beispiel, was man gesucht hat, an welchen Orten man mit Google Maps war und was man auf YouTube anschaut. Das gilt auch für Apple-Handys, auf denen Google-Apps installiert sind!

> Datenschutzeinstellungen bei Google: Darauf muss man achten [via maclife.de]
> So macht man sein Google-Konto sicherer [via zeit.de]

Alternativen zu WhatsApp und Facebook Messenger:

Mit Freunden und Verwandten in Kontakt bleiben, das versprechen Messenging-Dienste wie WhatsApp oder der Facebook Messenger. Wer nicht möchte, dass die Firmen dahinter mitlesen und protokollieren können, wer was mit wem bespricht, sollte sich sichere Alternativen anschauen:

> Threema: Server in der Schweiz, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
> Hoccer: Server in Deutschland, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
> Signal: Server in den USA, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung


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