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Depressionen und Spiele - Teil 1: Das Spiel mit der Melancholie

Moderne Videospiele sind ein Wunderwerk. Sie erlauben es uns, besser als jede andere derzeit erhältliche Form der Fiktion, in fremde Rollen zu schlüpfen und uns mit den Protagonisten zu identifizieren. Depressionen wiederum sind eine Plage, und ein tatsächliches Verständnis dafür zu schaffen, ist sowohl für Betroffene als auch Außenstehende schwer. Das klingt ja nach einer perfekten Mischung.

Es ist irgendwann zwischen 10 und 12 Uhr, gefühlt eher 4 Uhr Früh, und die Sonne lacht penetrant durchs Fenster, als würde sie zu mir sagen: »Aufstehen, Faulpelz!« »Schnauze!«, maule ich zurück und drehe mich wieder zur Seite, in der Hoffnung doch einfach diesen Tag, besser noch, das Jahr zu verschlafen. Aber es hilft nichts. Der Tag ruft, beziehungsweise der Chefredakteur, denn der Abgabetermin für meinen Artikel über Depressionen und Spiele rückt gefährlich nahe.

Also rolle ich mich langsam aus dem Bett, ziehe meine Jogginghose an, dazu noch ein T-Shirt, das gerade herumliegt, und bewege mich im Zombieschritt Richtung Kaffeemaschine, vorbei an Bergen von Müll und Klamotten. Ausgerüstet mit dem vermeintlichen Energiespender geht es zum PC.

E-Mails beantworten? Später. Nachrichten lesen? Kein Bock. Aschenbecher ausleeren? Eine geht noch rein. Vielleicht doch Socken anziehen? Nein, noch frieren meine Zehen nicht ab. Anfangen zu schreiben? Erst mal in Ruhe den Kaffee trinken.

Repeat.

Vermuten Sie, an Depressionen zu leiden? Dann wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin, die Sie zu psychiatrischen Fachärzten überweisen können. In vielen Städten gibt es zudem einen Krisendienst, der telefonisch und persönlich berät. Ebenfalls helfen kann die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die einen Selbsttest und ein Forum zum Erfahrungsaustausch anbietet.

Bei akuten Suizidgedanken oder anderen schweren Symptomen wählen Sie bitte den Notruf und suchen Sie das Krankenhaus auf. Die psychiatrischen Kliniken in Deutschland haben eine flächendeckende Versorgung nach Postleitzahlen, man kann Ihnen in jedem Krankenhaus mit einer Notaufnahme die entsprechende Klinik nennen.

Nach dem dritten Kaffee steht fest: Das mit dem Schreiben ... das wird heute nichts. »Micha, bekomme ich noch 'ne Woche Zeit?«, würde ich gerne sagen. »Geht in Ordnung«, würde ich vermutlich hören, doch die Scham über mein Versagen lässt mich schweigen. Schlimmer noch, sie behält mich den restlichen Tag im Griff und nistet sich wie ein selbstreplizierender Virus in jedem folgenden Gedanken ein.

Da hilft nur noch das Hirn ausschalten, Ablenkung, den Tag akzeptieren für das, was er ist, entspannen und morgen mit vollen Batterien durchstarten, in Kurzform: zocken. Ich starte also Civilization, drehe neben einer Zigarette etwas Musik auf und mache den ersten Zug, gefolgt von Zug zwei, gefolgt von Zug drei, gefolgt von dem finalen Zug zurück ins Bett.

Mein Name ist Thomas, ich bin 27 und leide an Depressionen. Also nicht immer, nur es kommt halt vor. Manchmal geht's mir auch richtig super, dann starte ich mal eben einen Blog im Versuch, nächsten Monat davon zu leben, bewerbe mich, trotz eines primär aus Lücken bestehenden Lebenslaufs, für Jobs jenseits meiner Qualifikationen, ja ziehe mir sogar Socken an.

Umgangssprachlich bezeichnet man das entweder als blöd, naiv, oder - ein Quäntchen Reflexion vorausgesetzt - als manisch-depressiv. Im Fachjargon heißt es zum Beispiel bipolare Störung Typ 1 oder, bei abgeschwächter Manie, der sogenannten Hypomanie, bipolare Störung Typ 2.

Ich habe zum Glück Letzteres. Etwas verrückt, aber frei von psychotischen Symptomen. Inspirative Leistungs-Dichotomie. Crazy Chic, sozusagen. Jedenfalls bin ich etwas therapieresistent, weil eigentlich rede ich meistens nicht so gerne darüber und wenn ich dann doch dazu bereit bin, also während einer hypomanen Phase, dann sehe ich kein Problem mit meiner Situation. »Olles leiwand«, wie der Wiener zu sagen pflegt.

Depressionen und Spiele
In seiner Artikelserie sucht Thomas nach Spielen, die Depressionen behandeln - sowohl thematisch als auch therapeutisch. Im ersten Teil geht es vor allem um depressive Charaktere, im zweiten um Spiele, die Depressionen zum Teil ihrer Handlung oder gar ihrer Spielmechanik machen - und was ein Psychotherapeut dazu sagt. Im dritten Teil erkundet Thomas schließlich mögliche Therapien - und im vierten wagt er sogar einen Selbstversuch in der virtuellen Realität.
Teil 1: Das Spiel mit der Melancholie
Teil 2: Depression als Spielmechanik
Teil 3: Therapie am Bildschirm
Teil 4: Therapie in Virtual Reality

Ist Gordon Freeman psychisch krank, weil er schweigt? Eher nicht. Ist Gordon Freeman psychisch krank, weil er schweigt? Eher nicht.

Mitleid für die Porzellanpuppe

Im Laufe der Jahre erfährt man die unterschiedlichsten Reaktionen auf diese Krankheit, aber ein paar bleiben hängen: »Ach, das geht schon wieder vorbei«, ist so ein Klassiker. »Ich hab auch meine schlechten Tage!«, mehrfach gehört von meiner Mutter. »Du hast ja gar keinen Grund depressiv zu sein.« Danke, das hab ich voll vergessen in all den Sorgen. Für mich persönlich sind diese Kommentare aber nicht das größte Übel.

Es heißt, als Mensch mit Depressionen müsse man keine ungewollte soziale Ausgrenzung mehr fürchten. Es heißt, die gesellschaftliche Akzeptanz für Depressionen steige. Ja, die Angebote an Beratung, Therapie und sonstigen Hilfeleistungen sind so zahlreich und qualitativ gut wie noch nie zuvor, doch gesellschaftliche Akzeptanz? Verwende ich in Gesprächen einmal das D-Wort im medizinischen Sinn und in Bezug auf meine Stimmungslage, entlädt sich mir gegenüber des Öfteren ein Gewitter aus Mitleid, Sorge und Hilfszwang bei gleichzeitiger Ratlosigkeit.

Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor? Eine Überreaktion auf unerwünschte Aufmerksamkeit? Trotzdem schürt meine Wahrnehmung dieser Situation Ängste in mir und lässt mich erneut verstummen. Wenn mein Gegenüber mich als emotionale Porzellanpuppe betrachtet, bekomme ich den Job, oder hilft alle Sympathie und Qualifikation nichts? Ist positive Kritik ehrlich, oder hat man nur Angst davor, mich unnötig zu verletzen? Findet mich mein Date tatsächlich interessant oder ... Ganz zu schweigen von Pandoras Depressions-Sex-Box.

Schon Aristoteles schrieb »Nicht nach Lust, sondern nach Schmerzlosigkeit strebt der Kluge«, kein Wunder also, dass viele den Weg der Stille beschreiten. Dabei wäre ein offener und reflektierter Umgang mit der Krankheit unglaublich wichtig. Nicht zuletzt für die eigene Akzeptanz ihrer Existenz, welche ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Besserung ist und mit der auch ich öfters kämpfe. Können Spiele dabei helfen?

Kane (vorne) aus Kane + Lynch ist eindeutig psychisch krank. Kane (vorne) aus Kane & Lynch ist eindeutig psychisch krank.

Auf der Suche nach Akzeptanz

Das »Looking Glass Self«-Konzept des US-amerikanischen Soziologen Charles Cooley besagt, dass wir unsere Identität durch soziale Interaktionen bilden. Speziell durch die eigene Vorstellung, was unser Gegenüber von uns denkt. Akzeptiere ich nun meine Depression nicht als das, was sie ist, sondern betrachte die Symptome als unbegründete Charakterschwäche meinerseits, interpretiere ich in mein Gegenüber hinein, dass es mir insgeheim sämtliche Verfehlungen vorwirft, die ich mir selbst sowohl bewusst als auch unbewusst vorwerfe. Dadurch bilde ich meine Identität auf Basis von Unzulänglichkeit, mein Selbstwertgefühl leidet, ich isoliere mich zusätzlich und die Abwärtsspirale, naja, die spiralt abwärts.

Doch funktioniert dieser identitätsbildende Mechanismus der Spiegelung auch, wenn ich in die Rolle eines Videospielcharakters schlüpfe? Aus dem Bauch heraus würde ich behaupten, die psychologische Distanz zwischen Real-Ego und Videospiel-Ego ist zu groß, als dass sie einander maßgeblich beeinflussen, aber was sagt die Wissenschaft dazu?

So richtig fündig werde ich nicht, doch in der Fachzeitschrift »Psychology of Popular Media Culture« entdecke ich eine Studie mit dem klingenden Namen »From the Couch to the Sports Field: The Longitudinal Associations Between Sports Video Game Play, Self-Esteem, and Involvement in Sports«. Eines gleich vorweg: Wie üblich für Studien dieser Art findet man auch hier keine ultimativen Antworten.

Video starten 6:05 Kane & Lynch: Dead Men - Test-Video

Jedoch wird auf Zusammenhänge zwischen dem Spielen von Sportspielen, dem daraus resultierenden gesteigerten Sport-Selbstvertrauen und einem darauffolgenden Ausüben des Sports abseits des Bildschirms hingewiesen. Frei umformuliert: Wer in jungen Jahren FIFA spielt, der ist vertrauter mit dem Fußball, fühlt sich darin sicherer und ist somit eher geneigt, auch in der Realität zu kicken.

Gut, ist jetzt keine weltbewegende Erkenntnis, jedoch könnten hier durchaus einige Mechanismen des »Looking Glass Self«-Konzepts am Werke sein, was mich wiederum auf eine Idee bringt. Wenn Sportspiele mein Sportler-Selbstvertrauen steigern, können Spiele mit depressiven Protagonisten mir mit dem Umgang und der Akzeptanz meiner eigenen Depressionen helfen?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich jedoch erst einmal einen depressiven Protagonisten finden. Leichter gesagt als getan. Aus mir absolut unerklärlichen Gründen scheinen unter Antriebsschwäche leidende Charaktere Mangelware im virtuellen Heldengeschäft zu sein.

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