Exklusiver Content & monatliche Vollversionen

Exklusiver Content & monatliche Vollversionen

»Ich würde mich schämen«: Ausgerechnet die Frau, die Christopher Nolan zu Die Odyssee inspiriert hat, zerlegt seinen Kino-Hit

Nolan nannte ihre Übersetzung als wichtigste Inspiration für Die Odyssee. Jetzt hat Emily Wilson den Film gesehen und schreibt eine Kritik, die richtig wehtut.

An den Kinokassen räumt Die Odyssee mit Matt Damon als Odysseus ab, bei einer der bekanntesten Homer-Übersetzerinnen fällt der Film komplett durch. An den Kinokassen räumt Die Odyssee mit Matt Damon als Odysseus ab, bei einer der bekanntesten Homer-Übersetzerinnen fällt der Film komplett durch.

Christopher Nolan erzählte dem Magazin Empire im November 2025, dass ihn eine ganz bestimmte Zeile zu seinem Odysseus gebracht habe: »Tell me about a complicated man«, der Auftakt der Homer-Übersetzung von Emily Wilson aus dem Jahr 2017.

Genau die Frau, die diese Zeile geschrieben hat, hat sich den fertigen Film jetzt angesehen. Ihre Rezension auf der Website London Review of Books trägt den Titel »An Uncomplicated Man«, und das ist noch der freundlichste Teil daran.

Das vernichtende Urteil einer Altphilologin

Wilson ist Professorin für klassische Philologie an der University of Pennsylvania und hat für ihre schnörkellose, moderne Odyssee-Übersetzung selbst schon genug Kritik eingesteckt. Sie ist also nicht die Sorte Expertin, die jede Abweichung vom Original sofort geißelt. Umso härter fällt ihr Fazit aus.

Sie sei geschmeichelt gewesen, schreibt Wilson, dass Nolan zumindest die erste Zeile ihrer Übersetzung gelesen habe. Aber sie schreibt auch, dass sie sich schämen würde, auch nur einen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.

Der Rest der rund 4.000 Wörter langen Kritik liest sich ähnlich: Nolans Odyssee fehle es an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe. Zum Krieg, zur Erinnerung, zur Frage, was die glorreiche Heimkehr eines Kriegers für seine Familie, seine Gegner und seine Nachbarn bedeutet, habe der Film nichts Überzeugendes zu sagen.

Die Erzählstruktur sei effekthascherisch, das Geschriebene schlicht miserabel, und keine einzige Figur handle aus nachvollziehbaren Motiven. Als Kinoerlebnis vergleicht Wilson den Film mit einem aufwendigen Feuerwerk zum amerikanischen Nationalfeiertag, bei ungefähr vergleichbarer emotionaler Tiefe.

Sie ist mit ihrer Kritik nicht allein

Wilson ist die prominenteste, aber nicht die einzige Stimme aus der Fachwelt. Auch Daniel Mendelsohn, der 2025 seine eigene Odyssee-Übersetzung vorgelegt hat, hat sich via New York Review of Books zu Wort gemeldet.

Er lobt Nolans visuelle Wucht, vermisst bei dessen Odysseus aber genau das, was die Figur seit 3.000 Jahren interessant macht: Cleverness, Humor, listigen Charme. Aus einem der ersten großen Trickser der Literaturgeschichte, so Mendelsohn, sei ein schuldgeplagter Grübler geworden, ein Verwandter der zerrissenen Hauptfiguren aus Memento und Oppenheimer. Nolan habe Homers Helden nach seinem eigenen Bild geformt.

Ähnlich sieht es Gareth Hinds, dessen Odyssee-Graphic-Novel gerade ebenfalls von der Kinowelle profitiert. Für ihn wirft der Film die spannende Frage auf, wie weit man die Hauptfigur einer Geschichte verändern kann, bis es eine andere Geschichte ist. Den Film selbst nennt er trotzdem kraftvoll.

Was in Fachkreisen dagegen kaum eine Rolle spielt, ist die Debatte, die online am lautesten geführt wird. Der Homer-Forscher Joel Christensen hält Nolans Film gegenüber Variety sogar für ausgesprochen konservativ, weil die Frauenrollen eng geführt seien. Mit dem Vorwurf, der Film sei zu woke, hat das Ganze also erstaunlich wenig zu tun.

Dem Publikum ist das alles ohnehin herzlich egal: Die Odyssee steht bei IMDb bei einer sehr starken 8,5-Wertung und startete mit 264,1 Millionen Dollar weltweit und damit so stark wie kein Nolan-Film zuvor, The Dark Knight Rises inklusive.

Nach zwölf Tagen stand der Film bei 727,9 Millionen Dollar und damit auf Platz vier des Kinojahres 2026, obwohl der wichtige chinesische Markt noch gar nicht mitgezählt war. Bei 250 Millionen Dollar Budget ist das ein sehr erfolgreicher Zwischenstand.


Kommentare(3)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.