Die Zukunft von GameStar - Warum redaktionelle Werte heute wichtiger sind denn je

Wie hat sich der Spiele-Journalismus verändert? Und welche Konsequenzen hat das für unsere Inhalte, die wir täglich für euch recherchieren und produzieren? Gedanken und Antworten von GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge.

von Heiko Klinge,
24.04.2019 19:22 Uhr

Vor fast 22 Jahren als Print-Magazin gestartet, musste sich GameStar immer wieder neu erfinden und gleichzeitig treu bleiben.Vor fast 22 Jahren als Print-Magazin gestartet, musste sich GameStar immer wieder neu erfinden und gleichzeitig treu bleiben.

GameStar existiert jetzt seit 1997. Als wir anfingen, Spiele-Journalismus zu machen, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Es gab weder Social Media noch YouTube, und mit Handys wurde in erster Linie telefoniert - okay, vielleicht auch die eine oder andere Partie Snake gespielt.

Dass sich die GameStar 22 Jahre später immer noch bester Gesundheit erfreut, verdankt sie vor allem zwei Dingen, die eigentlich im direkten Widerspruch stehen. Zum einen ihrem Mut und Willen zur Veränderung. Nur weil die GameStar zum Beispiel schon früh das Potenzial von YouTube erkannte, konnte unser Kanal mit über einer Million Abonnenten der größte redaktionelle Gaming-Channel Europas werden.

Der Autor

GameStar-Chefredakteur Heiko hat am 28.11.2000 als Trainee und »Kadett Klinge« seinen Dienst auf dem Raumschiff GameStar angetreten und damit nahezu alle Evolutionsstufen miterlebt. Er ist fasziniert von den neuen Möglichkeiten des aktuellen Online-Journalismus, schätzt es aber genauso, für eine Viertelstunde in einem tiefen und sorgfältig recherchierten Test oder Report zu versinken. Am meisten Spaß hat er, wenn er beides wie in der Berichterstattung zu Anno 1800 miteinander verbinden kann.

Zum anderen verdankt die GameStar ihr langes Leben dem Festhalten an ihren traditionellen Werten. Einige für uns entscheidende Dinge handhaben wir noch genauso wie 1997 - angefangen bei den Meinungskästen samt Redakteursfoto, über unsere Genre-Hitlisten, bis hin zur klaren Trennung von Anzeigenabteilung und Redaktion.

Es ist wie bei den Spielen selbst: Wer sich dem Fortschritt verweigert, fällt aus der Zeit. Zugleich darf auf dem Altar des Fortschritts nicht das geopfert werden, was GameStar ausmacht und schon immer ausgemacht hat. Denn just unsere vermeintlich »alten« Werte sind heute wichtiger denn je.

Veränderung vs. Tradition?

Aber wie passen Veränderungswille und Traditionsbewusstsein zusammen? Unsere Antworten: 1. Indem wir neuen Ideen gegenüber immer offen sind, sie aber grundsätzlich darauf abklopfen, was ihre Umsetzung für GameStar und unsere Werte bedeuten würde. Um beim Youtube-Beispiel zu bleiben: Als wir uns seinerzeit für diese Plattform entschieden haben, war schnell klar, dass wir nicht plötzlich alle zu Let's Playern werden konnten, sondern einen anderen Weg finden mussten. Aus dieser Überlegung entstanden später unter anderem die GameStar News.

Der YouTube-Kanal von GameStar ist mit über einer Million Abonnenten der größte redaktionelle Gaming-Channel in Europa. Der YouTube-Kanal von GameStar ist mit über einer Million Abonnenten der größte redaktionelle Gaming-Channel in Europa.

2. Indem wir uns regelmäßig zusammensetzen und uns hinterfragen: Wie zukunftsfähig ist die GameStar in ihrer jetzigen Form? Wie muss sie sich anpassen, um relevant und - ja, auch das ist wichtig - wirtschaftlich tragfähig zu bleiben?

Diese Gespräche haben jüngst wieder stattgefunden und wurden vermutlich so intensiv geführt wie schon lange nicht mehr. Denn so radikal wie in den letzten fünf Jahren hat sich die Spiele-Berichterstattung noch nie verändert.

Die Leser steuern immer seltener Webseiten direkt an, sondern gehen dorthin, wo sie Google hinführt. Rund 70 Prozent unserer User lesen unsere Artikel inzwischen auf mobilen Endgeräten, mit entsprechend einschneidenden Auswirkungen auf Aufrufzahlen und Verweildauer. Spiele werden immer seltener zuerst der Presse gezeigt, sondern direkt in aufwändig inszenierten Livestreams enthüllt - samt minutiös orchestrierter Influencer-Unterstützung, die das Happening auf Instagram, Twitch & Co. mit Millionen Followern teilen.

Die GameStar-Antwort im Influencer-Zeitalter

Welche Zukunft und welche Relevanz hat da noch eine GameStar? Warum sollten uns auch in den nächsten Jahren jeden Tag Hunderttausende Spiele-Fans besuchen, wenn sie stattdessen auch Let's Plays und Livestreams schauen, Reddit konsultieren, einen Podcast hören oder ihrem Lieblings-Spielestudio auf Twitter folgen könnten? Was unterscheidet uns von all diesen Angeboten, von denen es in den kommenden Jahren eher noch mehr als weniger geben wird?

Wir haben lange über unsere Antwort auf diese Fragen diskutiert, und sie ist gleichermaßen einfach wie unglaublich kompliziert:

Weil wir Spiele-Journalismus machen, dem ihr vertrauen könnt.

Einfach, weil es so selbstverständlich klingt und schon immer unser Anspruch war. Kompliziert, weil in Zeiten, in denen sich ein Begriff wie »Fake News« etablieren kann, kaum etwas so schwer zu erreichen und leicht zu zerstören ist wie Vertrauen. Umso überzeugter sind wir davon, dass es immer wertvoller werden wird.

Feiert der Influencer den neuen Shooter, weil er ihn wirklich super findet, oder weil er vom Publisher für seinen Livestream bezahlt wird? Ist an den Gerüchten zum neuen Spiel von Entwickler X auf Reddit wirklich was dran? Und wie kann es sein, dass die Wertung von GameStar 10 Punkte über oder unter dem weltweiten Schnitt liegt?

GameStar liegt mit 89 Punkten für Anno 1800 gleich 8 Punkte über dem aktuellen Metacritic-Schnitt. Umso wichtiger ist es für uns, dass ihr unserem Urteil vertraut.GameStar liegt mit 89 Punkten für Anno 1800 gleich 8 Punkte über dem aktuellen Metacritic-Schnitt. Umso wichtiger ist es für uns, dass ihr unserem Urteil vertraut.

Unser Ziel muss es sein, dass ihr voller Überzeugung sagt: »Es stand auf GameStar, also stimmt es!« Warum sonst solltet ihr unsere Website besuchen, unser Magazin lesen? Wir wollen und müssen uns euer Vertrauen verdienen - und das geht nur, indem wir euch transparent machen, nach welchen Regeln, welchen Qualitätsmaßstäben unsere Redaktion arbeitet.

Eine Verpflichtung für die Zukunft

Deshalb werden wir einen GameStar-Kodex veröffentlichen, dem wir uns ab sofort verpflichten. Vieles davon handhaben wir schon seit 1997 so, manches erst seit einigen Jahren, einiges ist sogar komplett neu - etwa, dass wir in Zukunft transparent kenntlich machen, wenn ein Publisher die Reisekosten für einen Presse-Event übernommen hat.

Es gibt keine Notwendigkeit, diese Werte zu veröffentlichen. Niemand zwingt uns dazu. Wir tun es, weil wir es selbst für wichtig halten, euch zu zeigen, wer wir sind und wofür wir stehen, selbst wenn wir uns damit angreifbar machen.

Denn natürlich werden Fehler nicht ausbleiben. Ist uns bereits in der ersten GameStar-Ausgabe mit dem Test von Demonworld passiert, wird uns im Fall der Wertung für Gothic 3 noch heute um die Ohren gehauen, und wer weiß, welcher Lapsus uns in Zukunft unterläuft. Wo Menschen arbeiten, geschehen Fehler. Entscheidend ist, dass und was man daraus lernt.

In unserer Redaktionskonferenz planen wir nicht nur die Themen, sondern reden auch regelmäßig darüber, was gut gelaufen ist und wo wir noch besser werden können. In unserer Redaktionskonferenz planen wir nicht nur die Themen, sondern reden auch regelmäßig darüber, was gut gelaufen ist und wo wir noch besser werden können.

Und, dass ihr uns auf diese Fehler hinweist. Denn glaubt uns: Wenn wir in Foren oder Kommentaren einen Vorwurf lesen, dann ärgert uns das selbst am meisten. Nicht, weil wir den Vorwurf für unbegründet halten. Sondern, weil es uns in diesem Fall offensichtlich nicht gelungen ist, unsere Arbeit sauber zu machen.

Der GameStar-Kodex kann keine Fehler verhindern, aber er ist der dokumentierte Anspruch, wie wir in der Redaktion arbeiten wollen, um uns euer Vertrauen zu verdienen - jeden Tag aufs Neue. Deshalb werden alle Journalisten, die regelmäßig für GameStar schreiben, zu diesem Kodex stehen. Und deshalb findet ihr unseren Kodex und unser Team ab dem 25. April in der festen Homepage-Rubrik »Über uns« direkt neben dem Impressum. Praktischerweise lernt ihr so auch unser gesamtes Redaktionsteam kennen und erfahrt das eine oder andere Neue über bereits bekannte Gesichter.

Wir sind uns nicht sicher, ob es uns mit dieser Form des Spiele-Journalismus gelingen kann, die größte Gaming-Website in Deutschland zu bleiben. Aber wir glauben daran, dass es noch genügend Menschen dort draußen gibt, die diese Form des Spiele-Journalismus für unterstützenswert halten - egal ob durch regelmäßige Website-Besuche, den Abschluss eines Plus-Abos oder den Kauf unseres Heftes. Dafür werden wir jeden Tag unser Bestes geben. Und darauf könnt ihr vertrauen.

Unser Fahrplan

25.4.2019, 17 Uhr: Der GameStar-Kodex - Wer wir sind und wofür wir stehen

26.4.2019, 16 Uhr: Livestream-AMA mit der Chefredaktion

27.4.2019, 12 Uhr: Podcast - Warum braucht GameStar plötzlich einen Kodex?


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