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Ein Rennspiel wie JDM ist mir in 30 Jahren als Gamer noch nicht untergekommen

Japanese Drift Master düste zum Release ziemlich unter dem Radar. Ein Jahr später entfacht es in Dimi ein ganz einzigartiges Feuer.

JDM ist ein ungeschliffener Diamant, der Dimi gerade die Feierabende raubt. JDM ist ein ungeschliffener Diamant, der Dimi gerade die Feierabende raubt.

JDM - Japanese Drift Master tut sich mit seinem Namen keinen Gefallen. Erstens ist die Abkürzung im Internet schon für Jeffrey Dean Morgan aus The Walking Dead reserviert und zweitens – viel gewichtiger – klingt der Name arg nach einem dieser Myriaden Schrammelflitzer, wie es ihn in den 2000ern auf jedem Grabbeltisch im Media Markt oder Saturn zu kaufen gab. Sowas wie Top Gear RPM Tuning oder Big Rigs: Over the Road Racing.

Dabei steckt hinter JDM ein unglaublich ambitioniertes Projekt, zumindest für das polnische Publishing- und Entwicklungslabel Gaming Factory. In deren Portfolio findet ihr sonst ... nennen wir sie schmeichelhaft Liebhaberspiele: Booze Masters: Freezing Moonshine, Foodtruck Arena, Bug Academy und eine Bäckerei-Simulation.

JDM hingegen? Ein grafisch ambitioniertes Open-World-Rennspiel mit offiziellen Fahrzeug-Lizenzen, das eine komplette japanische Präfektur aus dem Boden stampft. Zum Release im Mai 2025 war es sogar der erste Racer überhaupt, der den Traum einer japanischen Open World verwirklicht, knapp 12 Monate vor Forza Horizon 6.

Für den ganz großen Wurf hat's leider nicht gereicht. Die internationalen Reviews fielen damals ziemlich lauwarm aus, auch in unserem GameStar-Test zu JDM vergibt Kollege Paul maue 64 Punkte; und das zurecht, denn JDM hat viele Probleme, zum Beispiel keinerlei Schadensmodell. Trotzdem habe ich mich ein Jahr später in die Drift-Kurse der japanischen Berge gestürzt und bin schockverliebt wie lange nicht, weil es die Art von spezifischem Rennspiel einfach noch nie gab.

Dimitry Halley
Dimitry Halley

Dimi liebt Simcade-Spiele, weil sie ihn auf der einen Seite nicht die komplette Freizeit kosten, auf der anderen Seite aber genügend Komplexität mitbringen, um sich wirklich mal in ein Thema reinzufuchsen. Und wo ein Forza Horizon 6 in puncto Driftkultur bloß die Tür öffnet, brettert JDM mit röhrendem Auspuff mitten durch.

So ein Rennspiel gab es noch nie

Auch JDM ist ein Liebhaberspiel in dem Sinne, dass es wie ein chirurgischer Laser eine ganz spezifische Fantasie bedient. Wo andere Rennspiele meist die große Keule schwingen und Drag, Drift, Rundkurse, Rallye und Tuning in einen Topf packen, geht es hier voll und ganz ums Driften. Und nicht nur das: Es geht um japanisches Driften!

Die sogenannte Touge-Rennkultur hat dort mittlerweile 50 Jahre an Geschichte auf dem Buckel, Popkultur-Phänomene wie der Anime Initial D mit dessen Eurobeat-Sounds haben sie in der ganzen Welt bekannt gemacht. Was japanische Touge-Rennen so besonders macht:

  • Japan besteht aus unzähligen engen Bergpässen, also Haarnadel-Kurven, die sich Berge hinauf- und hinunterwinden.
  • Wettrennen konzentrieren sich meist auf zwei Fahrerinnen beziehungsweise Fahrer, die in einem Katz- und Mausspiel mit möglichst wenig Abstand den Berg hinunterschlittern.
  • Es gibt keinen Raum für Fehler, keine Kiesbetten oder Auslaufzonen. Wer den Drift vergeigt, landet direkt in der Leitplanke oder in der Bergwand.
  • Der Fokus liegt auf leicht getunten, kompakten Fahrzeugen wie dem berühmten Toyota AE86, die hier sogar Sportwagen die Show stehlen.
  • Pure Motorleistung zählt weniger als das fahrerische Können.

Video starten 0:38 JDM ist ein Geheimtipp unter den Open-World-Rennspielen, jetzt gibt's sechs dicke neue amerikanische Karren

Und das setzt selbst Genre-König Forza Horizon 6 nicht so gut um. Ja, auf dem Papier gibt's auch dort Serpentinen und Driftkurse, aber die Open World von Horizon 6 ist weitläufig, ihr könnt permanent ausbrechen und die Straßen wurden gegenüber dem Vorbild deutlich verbreitet, selbst in engen Kurven.

JDM bleibt hier strikt: Jede Leitplanke besteht aus unzerstörbarem Titan, die Kurven bleiben unglaublich eng, fast schon klaustrophob. Kauft euch dieses Spiel auf keinen Fall, wenn ihr wild durch die Pampa brettern wollt – die Spielwelt in JDM dient in erster Linie als Parkour für möglichst waghalsige Streckenverläufe, in denen ihr millimetergenau driften müsst, um die Kurven zu nehmen.

Déjà-vu!

Damit das nicht eintönig wird, bemüht sich Japanese Drift Master um ein fetziges Drumherum. Die Story-Kampagne wirft euch als polnischer Austauschrennfahrer mitten in die japanische Drift-Szene, wird passend dazu auch als charmanter (aber rudimentärer) Manga erzählt. Und wie in Initial D verdient ihr euch das erste Geld mit möglichst stylischen Sushi-Lieferfahrten. Eure erste Karre ist auch gleich ein ranziger AE86, ebenfalls wie in Initial D.

Ein Regler zeigt euch am unteren Bildschirmrand den Winkel eures Drifts an Ein Regler zeigt euch am unteren Bildschirmrand den Winkel eures Drifts an

Und Initial D mal drei: Es gibt natürlich auch jede Menge Eurobeats-Radiosender. JDM strebt sichtlich den gleichen Vibe an wie die Vorlage: eine Jugendkultur aus Hitzköpfen, die nachts auf saumäßig gefährlichen Bergpässen die Reifen zum Quietschen bringen. In Japan gibt's den Begriff »Spokon«, ein Kofferwort aus Sport und Konjo, Entschlossenheit, um dieses Ringen um die Krone eines Sports auf den Punkt zu bringen. Anime wie Captain Tsubasa oder Haikyu!! atmen es, JDM erbt es.

Und wenn ihr auf diese ganz spezifische Fantasie Bock habt – so wie ich –, dann stechen die vorhandenen Gameplay-Stärken von JDM die ebenfalls frappierenden Schwächen aus.

Ist JDM etwas für euch?

JDM ist ein Simcade-Racer, ebenfalls ein Kofferwort aus Simulation und Arcade, ein ziemlich paradoxes noch dazu, aber bedeutet in dem Fall lediglich: Drift Master ist an keiner Stelle eine echte Rennsimulation wie iRacing, es bemüht sich aber gerade beim Driften um einen gewissen Anspruch.

Und Junge, diesen Anspruch merke ich. In Forza Horizon 6 musste ich immer mal driften, aber in JDM muss ich es meistern. Schon die erste Sushi-Fahrt wird zur Geduldsprobe, weil ich nach einer ewig langen Geraden bloß ein paar spitze Kurven für die Drift-Punkte bekomme, die ich hochtickern lassen soll. Ein kleiner Fehler und ich lande in der Bande.

Rennen gegen mehrere Fahre gibts im Spiel gar nicht so oft. Meist zählt eure Performance solo oder im eins gegen eins. Rennen gegen mehrere Fahre gibt's im Spiel gar nicht so oft. Meist zählt eure Performance solo oder im eins gegen eins.

Der Drift selbst lässt sich leicht initiieren. Entweder ziehe ich in der Kurve die Handbremse oder trete die Kupplung, je nachdem, ob ich die Geschwindigkeit drosseln will. Die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Ich muss geschickt gegenlenken, das Gaspedal dosieren und die Neigung des Fahrzeugs so austarieren, dass der Drift sauber um die Kurve kommt, ich danach aber umso schneller wieder davon düsen kann.

Gerade in Nadelöhr-Serpentinen, in denen ich permanent das Gewicht verlagere, wird das zur schweißtreibenden Präzisionsarbeit. Und wenn dann noch ein Otto vor mir fährt und ich irgendwie an ihm vorbei soll ... selbst auf mittlerem Schwierigkeitsgrad fordert mir JDM alles an Fahrgeschick ab.

Eine enge Open World

Das muss es aber auch, denn die Drifts sind das eine Gimmick, das JDM bietet. Klar, ich verdiene mir mit Geld und Punkten neue Autos, Tuning-Teile und kosmetische Upgrades, aber die internationale Presse kritisierte zum Launch vor allem die fehlende Vielfalt – und das völlig zurecht. JDM ist ein Driftrennen-Spiel, eine Initial-D-Fantasie, und wirklich nichts anderes.

Immerhin bekam das Spiel nach Release jede Menge Patches, erst seit ein paar Tagen gibt's zum Beispiel einen richtigen Multiplayer, falls ihr im Duo durch die Provinz Guntama flitzen möchtet. Aber JDM bleibt eine unglaublich spezielle Erfahrung für Leute wie mich, die kuriose Rennspiele mit Ecken und Kanten lieben. Und deshalb wollte ich's euch mal empfehlen.


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