Eine E3 ohne Sony? Kann uns egal sein!

Meinung: GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge erklärt, warum Sonys E3-Absage zwar eine Katastrophe für die Messe ist, aber nicht für die Gaming-Fans.

von Heiko Klinge,
15.01.2020 14:14 Uhr

GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge wird auch dieses Jahr wieder nach Los Angeles fliegen, aber sehr wahrscheinlich noch weniger Zeit in den Messehallen verbringen als 2019. GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge wird auch dieses Jahr wieder nach Los Angeles fliegen, aber sehr wahrscheinlich noch weniger Zeit in den Messehallen verbringen als 2019.

Wer wie ich letztes Jahr die weltweit wichtigste Spielemesse E3 besucht hat, für den ist Sonys Absage ungefähr so überraschend wie der Look des neuen PlayStation-Logos. Wer deshalb jetzt mit einer weniger spannenden Messewoche rechnet, irrt sich trotzdem gewaltig. Das hat kurioserweise aber weniger mit der E3 zu tun, als viel mehr damit, was drumherum passiert.

Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass eigentlich niemand mehr die E3 braucht - zumindest nicht in ihrer Funktion als Fachmesse. Viele Jahre lang war das anders. Als Fachjournalist eines relevanten Mediums musste man nach Los Angeles fliegen, wenn man zu den ersten gehören wollte, die Infos zu den neu angekündigten Spielen bekommen.

Heute reicht es, im Büro einen der unzähligen Publisher-Livestreams einzuschalten - anders als in Messehallen, Hotelzimmern oder Kinosälen kann man sich dann sogar darauf verlassen, dass es funktionstüchtiges Internet gibt.

Wofür es keine E3 mehr braucht

Und auch für die Spiele-Hersteller ist ein Livestream tausendmal attraktiver als ein Messestand. So haben sie die maximalmögliche Kontrolle über die nach außen gehenden Informationen, können direkt mit den Fans kommunizieren, müssen sich keine potenziell unangenehmen Fragen von Journalisten gefallen lassen oder das Risiko eingehen, dass ein Influencer die Neuankündigung doch nicht so töfte in die Welt trägt wie gedacht.

Agiere ich dann noch wie Sony aus einer absoluten Machtposition heraus, würden mir kaum Gründe einfallen, weshalb ich noch die E3 brauche. Wenn Sony einen Livestream-Event zur Enthüllung der PlayStation 5 veranstaltet, wird die ganze Gaming-Welt zuschauen - egal wann er stattfindet. Natürlich gelten auch nach wie vor viele Gründe, aus denen Sony bereits 2019 auf die E3 verzichtet hat.

E3 2019 ohne Sony - Talk-Video: Was das für den Publisher, seine Spiele & die Messe bedeutet 14:35 E3 2019 ohne Sony - Talk-Video: Was das für den Publisher, seine Spiele & die Messe bedeutet

Und zur Wahrheit gehört ebenso, dass Microsoft zwar offiziell die Wichtigkeit der E3 betont, sie aber letzten Endes auch nur als Steigbügelhalter verwendet. Anspieltermine, Präsentationen und Community-Events finden nicht in den Messehallen statt, sondern im eigens dafür gemieteten Staples Center.

Viele andere Spielehersteller agieren ähnlich und zeigen ihre Neuheiten lieber in Hotelzimmern als für zigtausend Dollar einen Messestand zusammenzuzimmern. Oder sie präsentieren ihre Spiele gleich auf sogenannten Pre-E3-Events in London, Paris oder München, sodass die Berichterstattung entspannt bis zum Messebeginn vorbereitet werden kann, ohne dass dafür die Messe selbst noch nötig wäre.

Warum die E3-Woche trotzdem knallen wird

So ist es kein Wunder, dass die eigentliche E3-Messe bereits 2019 unterm Strich aus lediglich 1,5 eher sparsam frequentierten Messehallen bestand, von denen gefühlt ein Drittel allein für einen überdimensionalen Borderlands-3-Stand in Beschlag genommen wurden. 2020 wird das meiner Einschätzung nach trotz der neuen Konsolen nicht viel anders aussehen.

Natürlich trifft den E3-Veranstalter ESA die Sony-Absage hart, weil ihm dadurch nicht nur viel Geld verloren geht, sondern vor allem auch das potenziell stärkste Zugpferd für einen Besuch der Messehallen. Und sehr wahrscheinlich wird es auch ein paar Folgeabsagen von Publishern geben, die im Sony-Fahrwasser mitschwimmen wollten.

Nur - und jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt - all das wird nichts daran ändern, dass wir uns in der Woche vom 6. Bis zum 12. Juni 2020 auf so viele Spiele-Ankündigungen freuen dürfen wie schon seit Jahren nicht mehr.

Denn all diejenigen, die nicht die gleiche Machtposition wie Sony haben (also aktuell nahezu alle außer Nintendo), werden den Messezeitraum nutzen, weil sie in dieser einen Woche im Juni eine größere Aufmerksamkeit bekommen als zu jeder anderen Zeit im Jahr. Ganz einfach, weil Industrie, Medien und Fans es noch irgendwie gewohnt sind. Und natürlich, weil in diesem Jahr viele Ankündigungen erst dann passieren dürfen, wenn auch PS5 und Xbox Series X die Hüllen fallen lassen. Mit der E3-Messe hat das aber nur noch am Rande was zu tun, im wahrsten Sinne des Wortes.

Plus-Podcast: Unser ernüchtertes Fazit von der E3 2019


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