Frust als Lohn
Ob ihr findet, was ihr braucht, habt ihr aber natürlich nicht unter Kontrolle, denn die Beute und ihre Seltenheitsstufe wird in jedem Run zufällig generiert. Zu Beginn jeder Runde überprüfen wir erstmal die Karte. An den Burgen, Banditenlagern oder Ruinen hängen kleine Symbole, die Elemente wie Schlaf, Gift oder Feuer anzeigen. Das signalisiert, dass sich hier entsprechende Ausrüstung versteckt, die diese Effekte mitbringt.
Idealerweise passt die dort geborgene Beute dann auch noch zum Helden. Zumindest in der Theorie: Obwohl die Belohnungen für jeden Spieler einzigartig ausfallen, erhalten wir viel zu oft etwa mehr Mana für unseren Nahkämpfer oder eine Streitaxt für die Magierin. Gepaart mit Relikten, die auch nach dem abgeschlossenen Run nur selten zum Wunschcharakter passen, lässt das Frust aufkommen. Was ihr erhaltet, ist zufällig und nicht auf eure aktuelle Spielfigur abgestimmt.
Das Hochgefühl in einem Nightreign einen der Endbosse zu legen, ist oft unbeschreiblich. Kleine Erfolgserlebnisse zwischendurch sind im Vergleich dazu wegen der ungünstigen Loot-Verteilung aber rar gesät. Dass man einen Boss legt und dann keine der Belohnungen brauchen kann, darf in so einem Spiel eigentlich nicht passieren.
Das große Aber von Nightreign
Das bringt uns zum großen Knackpunkt von Nightreign: Der Koop-Ableger von Elden Ring zündet entweder komplett – oder gar nicht. Das hängt schlicht davon ab, ob ihr Teil der nischigen Zielgruppe seid. Und nein, die Zielgruppe sind nicht alle Souls- und Elden-Ring-Fans.
Ob euch das Spielprinzip abholt, hängt von zwei Faktoren ab. Zum einen scheucht Elden Ring: Nightreign euch in extremem Tempo über die Map. Wo im Hauptspiel langsames Erkunden und bedachtes Vorgehen belohnt werden, kommt es hier vor allem auf Geschwindigkeit an. Kirchen bescheren euch zusätzliche Flaschenladungen, Bosse droppen bessere Waffen, in Minen findet ihr Schmiedesteine für Upgrades und so weiter.
Zeit für alles bleibt aber nicht. Idealerweise habt ihr vorab schon einen Build geplant und klappert nur die passenden Orte dafür ab, was in einem Dreierteam Disziplin und Koordination erfordert. Braucht ihr Giftschaden, müsst ihr auch wirklich zu einem Gebäude mit dem grünen Giftsymbol navigieren - und das im Zweifel ohne jedes Zögern, wenn die Nacht schon hungrig danach greift. Das setzt voraus, dass alle Spieler auf dem gleichen Wissensstand sind, was bei zufälligen Gruppen nicht immer der Fall ist. Chaos ist dann vorprogrammiert.
Einen integrierten Voice-Chat gibt es nicht – Absprachen sind aber enorm wichtig, um Runden erfolgreich abzuschließen. Ihr könnt im Spiel zwar Marker platzieren, den Austausch im Discord ersetzt das aber nicht.
Immerhin helfen Neuerungen mit der schnellen Fortbewegung: Sprinten kostet außerhalb des Kampfes keine Ausdauer, Nachtquellen katapultieren euch in die Höhe und sogar Klettern an speziell gestalteten Felsvorsprüngen ist möglich. Allerdings merkt man, dass From Software hier Neuland betritt. Im Vergleich zu anderen modernen Spielen gestaltet sich die Steuerung hier sehr holprig und ungenau.
Zum anderen ist die Fallhöhe einfach viel größer als im Hauptspiel. Scheitert ihr, müsst ihr nicht nur von der letzten Gnade zurück zum Boss laufen und es nochmal probieren. Stattdessen gehört zum Lernprozess oft, dass ihr euch durch zig Runs kämpft, um nicht nur den Endgegner, sondern auch die Map und ihre Tücken kennenzulernen. Oft kommt dann eben noch Pech dazu: Findet ihr nichts, das euch gegen den Nachtfürsten hilft oder scheitert schon an einem Zwischenboss, habt ihr eben Pech gehabt.
Das kommt häufig vor, weil die Balance in den Kämpfen stark von Leveln und Ausrüstung abhängt: Je nachdem, wie viel Pech wir im Durchlauf hatten, fühlen sich Gegner einfach oder beinahe unbesiegbar an.
Steuerung und Technik, die wahren Endgegner
Auch sonst verlangt euch Elden Ring: Nightreign viel Frusttoleranz ab - mehr, als ein Elden Ring, Dark Souls oder gar Sekiro. Denn ihr verfügt schlicht über viel weniger Kontrolle.
So hatten wir in den Kämpfen zum Beispiel riesige Probleme mit dem Lock-On, der anders als im Hauptspiel hektisch zwischen Gegnern springt. Einen Run verloren wir etwa, weil wir einen Kameraden nicht wiederbeleben konnten (das funktioniert nämlich über anvisieren und draufkloppen); einen anderen, weil unser Superangriff einen kleinen Gegner außerhalb der Arena anvisierte - eine Fledermaus weniger, aber der Boss filetiert uns munter weiter.
Beim Klettern oder Springen stellt uns oft ebenfalls die Steuerung ein Bein. Oft stürzen wir zum Beispiel von einer Felswand ab und fallen direkt in die Nacht. Dann ist ein Level futsch und häufig bleibt nicht mal die Zeit, die Runen zurückzuholen. Druck und Stress sorgen dafür, dass man den Durchgang gerne beim kleinsten Malheur abbrechen würde. Eine einvernehmliche Aufgabe-Funktion gibt es aber nicht.
An der Technik hat Nightreign auf dem PC ebenfalls zu knabbern. Tester, die bei uns auf Nvidia-Karten der 40er- und 50er-Serie spielten, berichten von Rucklern und Abstürzen. Auf dem Haupttester-System mit einer 3070 traten diese nicht auf, obwohl es sich nur um einen Laptop handelte.
Bleibt abzuwarten, ob Treiber-Updates weiterhelfen. Auch Eingabeverzögerungen traten auf und der Controller wurde mitunter nicht erkannt. Weil die Probleme nur vereinzelt auftraten, aber durchaus einen erheblichen Einfluss auf die Spielerfahrung hatten, nehmen wir eine leichte technische Abwertung vor.
Eine kleine Story-Überraschung
Trotz allem ertappen wir uns oft dabei, wir wir noch eine weitere Runde spielen wollen. Was macht Nightreign trotz dieser groben Schwächen so fesselnd? Das erste Argument dürfte wohl am meisten überraschen: die Story.
Nightreign holt uns überraschend konkret mit seiner Erzählung ab – nämlich klassisch über Story-Quests. Die Charaktere spielen sich nicht nur unterschiedlich, sondern bringen auch eigene Persönlichkeiten, Geschichten und Geheimnisse mit. Über Expeditionen schaltet ihr ihre Erinnerungen frei, die ihr dann direkt nacherlebt.
Ritter Wylder möchte zum Beispiel ein gebrochenes paar Ohrringe reparieren, das irgendwie mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Er bittet deshalb den Schmied um Hilfe, dem allerdings ein Wetzstein fehlt.
Also geht es in eine Mine, ein Boss wird erschlagen und der Stein geborgen. Später erfahren wir dann, was es mit den Ohrringen auf sich hat, wem sie gehören und wie es mit seiner Geschichte weiterging. Der gefiederte Wächter wiederum versinkt in Schuldgefühlen und trauert um sein Volk, das er im Stich gelassen hat – Nightreign präsentiert seine Charaktere überraschend menschlich und nahbar.
Das macht sie sympathisch und ihren Kampf gegen die Monster der Nacht interessanter, auch wenn die Handlung nicht mitreißend erzählt wird. Es geht vor allem um den Werdegang der ungleichen Helden und um ihre Beziehungen. Deshalb lohnen sich die optionalen Abschnitte durchaus.
Wer wird mit Elden Ring Nightreign glücklich – und wer nicht?
Vielleicht merkt ihr schon beim Lesen des Tests, dass es bei Elden Ring Nightreign alles andere als einfach ist, ein allgemeingültiges Fazit zu ziehen. Dafür ist das neueste Projekt von From Software zu ambivalent und seine Zielgruppe zu speziell. Noch stärker als beim Hauptspiel kommt es nämlich darauf an, zu welchem Spielertyp ihr gehört – und ob ihr mit dem Koop-Ableger klickt.
Solltet ihr euch von Nightreign eine Verlängerung des Hauptspiels erhoffen, dann könntet ihr bitter enttäuscht werden. Denn das Spiel verliert durch seine Koop- und Battle-Royal-Komponenten viel von dem, was Elden-Ring-Spieler sonst so schätzen.
Eine entspannte, gemächliche Erkundung von Limveld, bei der ihr die Landschaften einsaugt und euch die kleinen Details anschaut, könnt ihr knicken. Freies Experimentieren mit Builds ist ebenfalls stark eingeschränkt, da ihr nur bedingt Einfluss auf eure Ausrüstung und eure Werte habt und vieles einfach von Loot-Glück abhängt. Das Lernen von Boss-Angriffsmustern und Schwächen ist mit sehr viel Frust verbunden – schließlich müsst ihr vor jedem Versuch nochmal zwei Nächte, also einen ganzen Run, überstehen.
Als Motivations-Köder setzt euch Nightreign eigentlich nur die Bosse selbst vor. Die Belohnungen, die ihr aus euren Expeditionen mitbringt und behalten dürft, sind zu großen Teilen enttäuschend. Viele Runden fühlen sich daher wie Scheitern auf ganzer Linie an. Kleine Glücksmomente, die unseren Dopamin-Spiegel streicheln, sind selten. Nightreign ist frustrierende Arbeit, die zu selten belohnt wird.
10:06
Elden Ring: Nightreign in 10 Minuten erklärt: Das steckt im Standalone-Addon
Wenn ihr aber zu den Spielerinnen und Spielern gehört, die gerne bis in die kleinsten Optimierungen an Builds schrauben, Synergien rausfinden, sich Excell-Tabellen zu den perfekten Attributen, Affinitäten und Resistenzen zusammenstellen – dann könnte Nightreign genau euren Geschmack treffen.
Wenn ihr gerne Challenge-Runs in Souls-Spielen durchplant und euch auf Level 1 allen Bossen stellt, dann solltet ihr auch genug Frustresistenz und innere Motivation mitbringen, die Nightreign euch abverlangt. Wenn es nämlich klickt, schafft es Nightreign trotz Fehlschlägen einen einzigartigen Sog zu entwickeln und euch mit »Kommt, noch eine Runde« bis in die frühen Morgenstunden wachzuhalten.
Elden Ring Nightreign ist damit kein Pflichtkauf für jeden Elden-Ring-Fan: Es spielt sich ganz anders als das Hauptspiel, setzt seine Akzente bei Schwierigkeit und Herausforderung an ganz anderen Stellen, zielt auf eine ganz bestimmte Nische unter den Souls-Fans ab. Schnuppert also am besten zwei Stündchen (das dürfe locker für Tutorial und mindestens eine Runde reichen) auf Steam in das Spiel rein, um zu entscheiden, ob dieses ungewöhnliche Koop-Erlebnis etwas für euch ist oder eben nicht.
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