Würdet ihr gerne als digitales Individuum in einem Computer leben? Ihr wärt frei von Sorgen, Zwängen und dem uns als Menschen sicheren Tod – die komplette Freiheit von allen Ungemach wartet: Einfach sein Gehirn in die Cloud hochladen und ewig in Saus und Braus leben.
Was wie wirre Gedanken realitätsferner Fantasten anmutet, ist reale Wissenschaft und Triebfeder von Superreichen. Das Ziel, nie identisch, aber doch ähnlich: Die Grenzen der fleischlichen Hülle zu sprengen, um als Software-Mensch bis in alle Ewigkeit zu existieren.
Doch ehe ihr eure Wohnung kündigt und Sachen in »zu-verschenken-Kisten« an die Straße stellt, lest erst weiter. Eventuell werden das eher Pläne eurer Ur-Ur-Urenkel – oder schlicht der Albtraum der Menschheit.
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»Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität« - Wir busten mit einem Experten 5 Mythen zu KI
Bloß raus aus dem Gehirn
Mind Uploading
(zu Deutsch: Bewusstsein-Hochladen) bezeichnet die hypothetische Übertragung des menschlichen Bewusstseins auf einen künstlichen Träger. Das kann theoretisch Diverses sein, aber vereinfacht sprechen wir im Folgenden von einem Computer.
Andere Namen lauten: Whole Brain Emulation
(Komplette Gehirnnachbildung) oder Substrate-Independent Mind
(Materie-Unabhängiges-Bewusstsein). Sie gehören allesamt zum sogenannten Transhumanismus (Jenseits des Menschen).
Um die Sache weiter zu verkomplizieren, sind sich die Enthusiasten dieses Thema indes nicht einig, wo das digitale Gehirn schließlich sitzt:
- Geht es um eine Simulation in einem Computer, also eine Art alternatives Universum für Hochgeladene? Ein denkbarer Vergleich aus Filmen wäre die Matrix-Reihe.
- Soll eine Art Hologramm entstehen? Dann würde der Lichtmensch in einer künstlichen Umgebung herumlaufen – aber eben schon noch in der echten physikalischen Welt unterwegs sein, Stichwort Holodeck aus Star Trek.
- Oder vielleicht doch ein Android, quasi wie Data aus Star Trek? Oder laden wir uns einfach in irgendetwas wie in den Dystopien der Netflix-Serie Black Mirror?
Die Möglichkeiten wären mannigfaltig, aber auch potenziell erschreckend.
Alle haben jedoch eines gemeinsam: sie würden dem Menschen wahrscheinlich Unsterblichkeit verleihen sowie seine Fähigkeiten quasi unbegrenzt erweitern – zumindest, solange Hard- und Software gewartet, geschützt sowie mit Elektrizität versorgt werden.
Grundsätzlich sei solch ein Transfer durchaus denkbar, aber extrem herausfordernd, eröffnet der Kognitionswissenschaftler Dobromir Rahnev in einem Fachartikel bei The Conversation. Im Kern müssen aber alle Konzepte ähnliche Hürden nehmen.
Eine exakte, beschäftigte Kopie des Gehirns
Um einem Menschen außerhalb seines Körpers eine neue Heimstatt zu schaffen, braucht es zum Start ein Konnektom.
Darunter wird eine 3D-Karte des Gehirns mitsamt all seiner Synapsen und Neuronen verstanden. Das wäre eine sehr kleinteilige Darstellung, siehe Kasten.
Bisher sind uns solche Visualisierungen nur bei simplen Lebewesen, wie Würmern, gelungen - 302 Neuronen versus 86 Milliarden beim Menschen (via leeds.ac.uk).
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Neuronen bilden als spezialisierte Zellen, das Rückgrad unseres Nervensystems – sie finden sich auch im Rückenmark, aber vor allem rund 86 Milliarden im Gehirn selbst. In und zwischen ihnen läuft alles ab, was uns ausmacht: Bewusstsein, Entscheidungsfindung, Bewegung, Sprache und alles, was euch einfällt – buchstäblich. Sie kommunizieren durch Signale in Form von elektrischen und chemischen Impulsen miteinander sowie darüber hinaus mit Muskeln.
Synapsen nennen wir Verbindungsstellen der Wege (Axonen), die die Signale zwischen Nervenzellen (Neuronen) nehmen. Sie stellen also Sender und Empfänger eines Neurons dar.
Allerdings dürft ihr sie euch nicht als statisch vorstellen. Synapsen verändern sich ständig und passen sich an. Je mehr Impulse durch sie laufen, desto mehr schwellen sie an - oder die entsprechenden Neuronen bilden neue Extra-Verbindungen. Dieses Phänomen nennt sich neuronale Plastizität.
Ein Neuron kann Tausende von Synapsen bilden; das menschliche Gehirn allein enthält schätzungsweise 100 Billionen Synapsen und dementsprechend etwa halb so viele Axone dazwischen.
Im nächsten Schritt müsste dieser Scan nachgebildet werden – inklusive einer vollständigen Simulation aller Prozesse und dynamischen Veränderungen. Die hierfür notwendige Rechenleistung ist astronomisch.
Es gibt unterschiedlichste Angaben, letztendlich lässt sich 2025 aber nur eines ohne zu spekulieren festhalten: Wir verfügen selbst mit KI und den besten Supercomputern nicht über die notwendige Hardware – und das wird sich auch nicht so bald ändern (via scinexx).
Wir sprechen von einer vollständigen Echtzeit-Simulation, die zudem auf Sinnesreize von außen reagieren soll.
Alles, was wir bisher vollbracht haben, sind Annäherungen an Gehirne einfachster Tiere in verlangsamter Geschwindigkeit (via rwth-aachen). Wobei der Speicherbedarf für Erinnerungen und die Emulation des Gehirns nochmal obendrauf kommt.
Ein in Nature erschienenes Paper stellt in Aussicht, dass wir möglicherweise in den 2030ern die Gehirne von Mäusen annähernd den Vorstellungen von Futuristen entsprechend simulieren können.
Eine Voraussetzung für den Transfer stellt irgendeine Art von Hardware bzw. Scanner dar, die die Strukturen erfasst und kopiert.
Schon heute forschen Firmen wie Neuralink von Elon Musk an solchen Computer-Gehirn-Schnittstellen. Anderswo gaben Forscher vor Kurzem mittels eines Chips einer Schlaganfall-Patientin ihre Stimme zurück.
Solche Technik wäre auch eine Chance auf Flucht vor Ereignissen kataklysmischen Ausmaßes, wie Massenaussterben:
Spielfeld für Futuristen
Egal, ob seriöser Forscher, ideologisch motivierter Tech-Visionär oder träumender Futurist: Es finden sich zahlreiche Äußerungen zu dem Feld, die die Ziele hinter dem Vorhaben beleuchten – aber eben auch auf Gefahren hinweisen.
- Ray Kurzweil (Informatiker und Futurist): Er prognostiziert, bis 2045 die Möglichkeit, das menschliche Gehirn als Software auf Supercomputern emulieren zu lassen.
- Randal Koene (Neurowissenschaftler):
Mein Wunsch ist es, unsere mentalen Kapazitäten zu erhöhen und die menschliche Spezies über die kleine Nische herauszuentwickeln, die uns die natürliche Selektion zugewiesen hat.
- Nick Bostrom, Direktor des
Future of Humanity Institute an der Universität Oxford
: Der Philosoph und Transhumanist erkennt für sich in Mind Uploading, eine Chance, die menschliche Existenz durch Technologie zu erweitern und möglicherweise Unsterblichkeit zu erreichen. - Valentin Turchin (Systemtheoretiker): Nach ihm sei kybernetische Unsterblichkeit erreichbar, da der menschliche Geist durch die Organisation von Materie definiert wird, die auf technische Systeme übertragen werden könnte.
- Elon Musk (Chef von Neuralink, SpaceX und X): Wenn es nach dem wohlhabendsten Menschen der Welt geht, stellt die dauerhafte Verbindung von Mensch und Maschine unsere einzige Chance auf Überleben dar:
Es geht darum, eine Symbiose mit KI zu erreichen, damit wir nicht zurückbleiben.
Schnittstellen wie Neuralink zur Kommunikation mit einem Computer ohne Berührung oder Sprache sei der Anfang, Mind Uploading die sich irgendwann daraus ergebende logische Konsequenz. - Der russische Milliardär Dmitry Itskov strebt an, bis 2045 Hologramme von Menschen zu erschaffen, in die zum Lebensende menschliche Geistesabbilder übertragen werden. Sein Ziel: eine neue Form menschlichen Lebens durch Verschmelzung von Spiritualität, Kultur, Ethik, Wissenschaft und Technologie.
Kognitionswissenschaftler Dobromir Rahnev mag auf den ersten Blick ähnliches prognostizieren und die Machbarkeit bekräftigen, doch beim Zeithorizont bleibt er vorsichtig: Mindestens ein, eher zwei Jahrhunderte anstatt weniger Jahrzehnte – alles andere sei unrealistisch.
Kritik an Mind-Uploading
Auch wenn sicherlich Potenzial in der Technik steckt, welches wir heute nur ansatzweise begreifen können, gibt es auch etliche Kritiker, die in der Breite Widerspruch erheben, zum Beispiel:
- Der Philosoph Marcus Knaup, wirft die Frage auf, ob ein hochgeladener Geist, nicht schlicht eine Kopie wäre? Wo endet Biologie und beginnt Bewusstsein oder die Seele? Eine der fundamentalsten Fragestellungen unserer Existenz.
- Ferner bleibt die Frage, ob unsere Existenz in einem Computer wirklich komplett simuliert werden kann oder überhaupt soll. Wären wir ohne Sorgen, Ängste, Schmerzen, Erleichterung nach Ungemach oder auch dem Tod noch Menschen? Oder verlören wir als Software in einer Simulation nicht per se, was uns zu dem macht, was wir sind?
- Clas Weber (Philosoph) spricht den Elefanten im Raum an: Geld. Warum sollte diese Technik allen zugänglich sein, die sie nutzen wollen? Letztendlich könnte es nur Reichen erlaubt sein, sich hochzuladen oder anderweitig zu upgraden.
- Ein immer wieder als Randaspekt auftauchender Punkt ist die Sorge um Sicherheit: Wer schützt die Software, die dann intelligentes Leben darstellt, vor Manipulation oder Zerstörung?
- Die Pro- wie auch Contra-Liste könnte beliebig erweitert werden, zu guter Letzt aber ein Hinweis auf diejenigen, die die in den Babylatschen steckende Technik schon heute testen: Tiere. Die Tierschutzorganisation PETA weist darauf hin, dass nach ihren Informationen bereits mehr als 1.500 Tiere während der Entwicklung von Neuralink (Produkt von Elon Musks Firma) umgekommen seien. Sie leiden einmal wieder für uns - ob sie wollen oder nicht. Das erste hochgeladene Wesen auf Erden wird wahrscheinlich irgendwann ein Affe sein – unter Zwang.
Wie steht ihr zu einer eventuellen Existenz als künstliches Wesen? Wäre das für euch eine Option und wovon hinge es ab? Welche Form würdet ihr bevorzugen? Avatar? Abgeschottet in einer Computersimulation? Oder lehnt ihr solche Ideen aus ethischen, religiösen oder sonstigen Gründen schlichtweg ab? Schreibt uns eure Gedanken gerne respektvoll in die Kommentare!
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