Schnapp sie dir alle!
Immer noch dabei? Dann folgt jetzt die zweite Prüfung meines Beziehungstests: Lightning, Bartz, Cloud, Tidus, Vaan, Zidane, Clive, Squall – wie viele dieser Namen verbindet ihr mit schönen Rollenspiel-Erinnerungen?
Je mehr, desto stärker wird nämlich das wichtigste Spielelement von Final Fantasy Resonance bei euch zünden, die sogenannten Visionen. Über die gesamte Spielwelt verteilt findet ihr mal mehr, mal weniger gut versteckte Heiligtümer, die einen – natürlich – Kristall beherbergen, über die ihr eine von insgesamt 26 Charaktere aus der Final-Fantasy-Serie freischaltet.
Die Story liefert dafür sogar eine halbwegs nachvollziehbare Begründung und führt die Figuren vor allem ganz wundervoll ein. In einer Videosequenz bekommt ihr nicht nur die »Origin Storys« dieser Figuren erzählt, sondern seht auch Szenen aus den entsprechenden Spielen. Und wenn ihr diese Spiele kennt, dann fühlt sich das tatsächlich wie ein Wiedersehen mit alten Freunden an.
Spielerisch kommen die Visionen deutlich nüchterner daher, weil es sich im Prinzip um ein verkapptes Job-System handelt, wie ihr es aus zig anderen japanischen Rollenspielen kennt.
Heißt: Statt eines Jobs gebt ihr jedem eurer acht Party-Mitglieder eine Vision, die so lange mitlevelt, wie sie zugewiesen ist, und so immer bessere Fähigkeiten freischaltet. Einmal freigeschaltete Fähigkeiten können selbst dann von euren Helden eingesetzt werden, wenn ihr die Vision wechselt – aber natürlich habt ihr begrenzte Plätze.
Das gibt es so oder so ähnlich auch in Octopath Traveler oder Dragon Quest, allerdings fühlt ihr euch mit der Vision von Cloud Strife natürlich emotional stärker verbunden als mit dem Job eines Kriegers. Zumindest wenn ihr wisst, wer Cloud ist. Und euch jetzt darüber freuen könnt, dass eine seiner Fähigkeiten »Kreuzschlag« heißt.
Als Serienfan werde ich jedenfalls nicht eher Ruhe geben, bis ich frei nach Pokémon alle Visionen geschnappt habe.
Eine Schwachstelle im doppelten Sinn
Zur Wahrheit gehört jedoch genauso, dass es in den Kämpfen letzten Endes nur darum geht, die Schwächen eurer Feinde auszunutzen, um sie schnellstmöglich zu staggern. Gelingt euch das bei allen gleichzeitig, dürft ihr nämlich eine spektakulär inszenierte Spezialattacke eurer zugewiesenen Visionen abfeuern.
Allerdings wackelt das Balancing, weil ihr ab dem mittleren Schwierigkeitsgrad vor allem gegen die Bossgegner nur dann eine Chance habt, wenn ihr möglichst mit der gesamten Party konsequent ihre Schwachstellen beackert. Heißt in der Praxis: Bosskampf triggern, per Analysezauber die Schwachstellen identifizieren, zurück zum Speicherpunkt, Party und Visionen daraufhin optimieren, Attacke.
Das macht wegen der coolen Inszenierung und emotionalen Bindung zu Espern und Visionen immer noch Laune, kann aber nicht kaschieren, dass die Kämpfe in Octopath Traveler 1 & 2 deutlich mehr taktische Finessen erlauben.
Der erste Story-Eindruck täuscht
Am meisten Innovationen liefert Final Fantasy Resonance ausgerechnet dort, wo ich am wenigsten damit gerechnet hätte: bei der Story. Dabei fängt die Geschichte klassischer als klassisch an und feuert sämtliche Klischees japanischer Rollenspiele ab:
- den edlen, selbstlosen Helden – in diesem Fall Rain, Kommandant der Luftschiff-Brigade
- die naive, bildhübsche »Jungfrau in Nöten«, die natürlich ein Geheimnis mit sich rumträgt
- ein maskierter Bösewicht, der die Welt vernichten möchte
- die Mischung aus Fantasy- und Science-Fiction-Elementen
Das alles mixt Resonance mit mehr Fan Service als ein VIP-Ticket beim Backstreet Boys-Konzert. Einmal Luft holen … es gibt Chocobos, Kristalle, Esper, Mogrys, Magi, Luftschiffe, die klassische Steigerung vom Feuer zu Feuga, Rendersequenzen bei Beschwörungen, Morbols, Kaktoren, Tomberrys, besonders harte optionale Endgame-Bosse und ja, auch Sephiroth darf mitspielen.
Klingt nach Pflichtübung für einen Nostalgietrip, aber je länger ihr spielt, desto mehr merkt ihr, wie sinn- und liebevoll Square die klassischen Zutaten zu etwas Neuem verrührt hat.
Fairerweise sei angemerkt, dass Final Fantasy schon immer mehr Subtext und Storytiefe hatte als andere japanische Rollenspiele – denkt nur an die Umweltverschmutzungsthematik von Final Fantasy 7.
Ich hätte allerdings nicht damit gerechnet, wie stark Resonance im Spielverlauf mit seinen eigenen Klischees bricht und diese sogar demaskiert, im wahrsten Sinne des Wortes. Viel mehr möchte ich zur Geschichte deshalb auch nicht verraten.
Ich würde sogar behaupten, dass die Story selbst für diejenigen funktioniert, die mit Final Fantasy wenig anfangen können. Was für den Rest des Spiels so gar nicht gilt. Aber ich denke, das ist angekommen, wenn ihr bis hierhin gelesen habt. Ein bisschen.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.