Rational betrachtet ergibt die Fujifilm X100VI wenig Sinn: eine APS-C-Kamera mit fest verbautem 35-mm-Objektiv für satte 1.800 Euro. Ein absurder Preis für eine sehr klare Limitierung.
Und trotzdem ist sie ständig ausverkauft.
Der Autofokus stellt nicht so schnell und leise scharf wie bei Sony oder Nikon, und bei spielenden Kindern oder rennenden Hunden kommt er gelegentlich ins Straucheln. Auch das Objektiv ist nicht auf maximale Schärfe, sondern auf Kompaktheit ausgelegt.
Kurzum: Auf dem Markt findet ihr viele andere Kameras, die besser, günstiger und vielseitiger sind, auch von Fujifilm. Trotzdem greife ich nahezu jeden Tag zu dieser Kamera.
Der Grund übertrumpft alle Nachteile in dem Moment, in dem ich sie aus dem Regal nehme: Spaß.
Die Fujifilm X100VI ist kein Werkzeug
Den Zahn ziehe euch jetzt: Die Fujifilm X100VI ist kein Arbeitstier.
- Wenn ich Videos produziere, kralle ich mir die Sony aus dem Regal. Der Autofokus ist atemberaubend und sie erzielt für meine Anforderungen exzellente Ergebnisse, die ich schließlich nur mit einem Kopfnicken absegne.
- Quäle ich mich am Wochenende morgens um 05:30 Uhr aus dem Bett, möchte ich den Sonnenaufgang mit schönem Sonnenstern über eine idyllische Landschaft fotografieren oder die kleine Tierwelt bei Morgentau einfangen. Dann schraube ich das passende Objektiv auf meine Nikon.
Für keines meiner Foto- oder Videoprojekte kommt mir der Gedanke, die X100VI einzupacken. Die fix verbaute Linse und ihre Eigenheiten setzen Grenzen.
Die Fujifilm-Kamera spielt ihren Trumpf dagegen im Alltag gekonnt aus. Sie ist kompakt und somit leicht zu verstauen.
Gehe ich im Wald spazieren, bummele in der Stadt und laufe barfuß, mit Sand zwischen den Zehen am Strand entlang, verzichte ich gerne auf einen schweren Rucksack. Aber sicher nicht auf meine Kamera.
Das eingangs kritisierte Objektiv hat auch seine Stärken. Es ist klein genug als Immer-dabei-Kamera und dennoch ausreichend leistungsstark für »ernsthafte« Fotos. Ein größeres und somit in der Regel besseres Objektiv würde den Formfaktor ruinieren. Eine Möglichkeit, Objektive zu wechseln, würde die Idee hinter der Kamera untergraben.
Statt erst über das passende Objektiv nachzudenken, schaue ich durch den Sucher und bewege mich intuitiv in den Winkel, aus dem das Bild wirken soll – und genau das setzt sofort den kreativen Prozess in Gang. Die Limitierung fühlt sich plötzlich befreiend an.
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Das besondere Gefühl mit der Fujifilm X100VI
Der Formfaktor, die Limitierung und moderne Specs allein rechtfertigen keine 1.800 Euro. Es steckt mehr dahinter. Mein Eröffnungsplädoyer endete mit einem großen Wort: »Spaß«. Und genau damit beginnt die Magie der X100VI.
Das Modell ähnelt bewusst analogen Messucher-Kameras aus den 60ern: Metallgehäuse, Einstellräder für ISO, Verschlusszeit und Belichtung, ein Blendenring am Objektiv – und dazu der einzigartige hybride optisch-elektronische Sucher.
Das Wort »kultig« beschreibt die Kamera am besten. Sie wirkt fast wie ein Designerstück, das man sich ins Regal stellt.
Und genau dort steht sie auch bei mir. Jedes Mal, wenn mein Blick auf ihren festen Platz schweift, meldet sich der Impuls, sie in die Hand zu nehmen und loszuziehen. Drehe ich an jenen Rädchen oder gleite mit meinen Fingern über das Gehäuse, wirkt sie äußerst wertig.
Auch die Brennweite spielt eine Rolle. 35mm gelten als einer der vielseitigsten Bildwinkel überhaupt: geeignet für Streetfotografie, Alltag, Reportagen und dokumentarische Momente. Es ist eine Brennweite, die nicht stört, nicht verzerrt und nicht dramatisiert, sondern die Welt so zeigt, wie man sie wahrnimmt.
Optik und Gefühl gehen also Hand in Hand. Das führt dazu, dass sie häufiger um den Hals hängt. Ich möchte Fotos machen und dabei Spaß haben – und genau das verkörpert diese Kamera.
Selbst der vergleichsweise kleine Sucher oder das Klappdisplay statt eines Schwenkdisplays trüben den Spaß nicht (wobei das natürlich eine Glaubensfrage ist).
Der Spaß endet nicht zuletzt, weil sich die Kamera hervorragend bedienen lässt. Alle Knöpfe und Rädchen sind da, wo sie sein sollen. Nichts wirkt überladen, sondern alles ist auf das Wesentliche beschränkt.
Na gut, Video-Funktionen hätte diese Kamera meines Erachtens nicht gebraucht. Nach mehr als sechs Monaten habe ich die Videofunktion kein einziges Mal verwendet.
Die letzte Geheimzutat: Filmsimulationen
Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Fujifilm ist berühmt für seine Filmsimulationen. Dabei handelt es sich um Farbprofile, die das Aussehen klassischer analoger Filme nachbilden.
- Der Hersteller hat jahrzehntelang analoge Filme produziert (etwa Velvia, Astia, Acros) und diese einzigartigen Looks für seine Kameras ins digitale Zeitalter übertragen.
- Filmsimulationen bei Fujifilm sind nicht einfach digitale Filter, sondern basieren auf den farbwissenschaftlichen, chemischen und charakteristischen Eigenschaften der analogen Fujifilm-Filme.
Die große Auswahl an Filmsimulationen ermöglicht eine großzügige Kontrolle darüber, wie das Motiv in Szene gesetzt wird und welche Wirkung es erzielen soll.
Die Unterschiede sind in dem Fall vor allem im Hautton zu erkennen. Abhängig von der Szene machen natürlich andere Simulationen viel mehr Sinn. (Bilder: Patrick Schneider, GameStar Tech)
Die JPEG- beziehungsweise HEIF-Dateien sehen schon ohne Nachbearbeitung erstaunlich gut aus. Wer keine Lust hat, Zeit in Lightroom zu verbringen, bekommt hier ein starkes Feature.
Fazit und Alternativen
Fasse ich alles zusammen ergibt sich ein klares Fazit: Fujifilm verkauft mit der X100VI ein Gefühl – und dieses entsteht aus drei Eigenschaften:
- bewussterem Fotografieren
- echtem Retro-Charme
- kreativen Möglichkeiten und inspirierenden Looks
Deshalb trage ich sie häufiger um den Hals als jede andere Kamera. Die Nikon Z f kommt dem Gefühl nahe, ist aber größer und schwerer (dafür aber leistungsstärker).
Für mich bleibt die X100VI eine fantastische Spaß- oder Zweitkamera: ideal für Familienmomente, Reisen (mit Freunden) und Street-Fotografie, wo diese Serie ohnehin seit Jahren Kultstatus besitzt.
- eine sehr spaßige Zweitkamera sucht.
- Out-of-Camera fotografieren möchtet.
- die Kompromisse bewusst in Kauf nehmt.
- viel Leistung für euer Geld wollt.
- rein nach Specs kauft.
- nach einer vielseitigen Kamera sucht.
Kauft ihr Geräte und auch Kameras rein nach den Specs, wird die Fujifilm X100VI ohnehin nicht auf eurer Liste stehen. Sucht ihr allerdings gezielt nach solchen Kameras, bieten auch andere Hersteller ähnliche Modelle an.
- Allen voran bietet Ricoh mit der GR III eine hervorragende, extrem kompakte Alternative – allerdings ohne Sucher. Auch sie besitzt einen fest verbauten APS-C-Sensor und ist eine der beliebtesten Street-Kameras überhaupt.
- Möchtet ihr in den Fujifilm-Kosmos einsteigen, sind die X-E5, X-M5, X-S20, X-T50 sowie die X-T30 III hervorragende Alternativen mit der Möglichkeit, das Objektiv zu wechseln.
- Wer eine kompakte Systemkamera sucht, sollte unbedingt die Panasonic S9 im Auge haben. Im Gegensatz zu allen zuvor erwähnten Modellen kommt ein Vollformatsensor (statt APS-C) zum Einsatz. Bedeutet: mehr Licht, weniger Rauschen und ein größerer Dynamikumfang.
Auch Marken wie Canon, Sony und Nikon bieten Kompaktkameras an. Da ich mit diesen allerdings keine Erfahrungen habe, kann ich keine gezielte Empfehlung aussprechen.
Davon abgesehen lohnt sich ein Blick auf den Gebrauchtmarkt. Hier bekommt ihr Kameras und Objektive oftmals in einem sehr guten Zustand zu einem günstigeren Preis. Ausgenommen sind die Vorgängermodelle der Fujifilm X100VI, die in der Regel zu einem hohen Preis angeboten werden.




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