Im Urlaub verreisen manche Leute nach Málaga, andere wandern in den Alpen, wieder andere hocken sich entspannt an Isar, Main, Rhein oder Donau – aber ich, ich erreiche in meinem Jahresurlaub einen ganz besonderen Meilenstein: Ich habe nämlich meinen ersten Hexenschuss, weil ich ... ein Otto bin.
Nach dem Sport dachte ich mir: »Komm, du bist Mitte 30, Dehnen ist was für Medizinball-Herberts«. Am nächsten Tag schleppe ich Elektroschrott aus meinem Elternhaus und, zack, fräst sich mir ein eingeklemmter Nerv mit mehr Anpressdruck in die Lende als diese 2.500 Tonne schwere, merkwürdig faszinierende Tunnelvortriebsmaschine.
Also: Urlaubspläne im Eimer, dafür maximales Aua. Aber zumindest kann ich von Balkonien aus in virtuelle Welten reisen, ich fuchse mich unheimlich gerne in bisweilen obskure Open Worlds rein. Und was wollte ich schon immer mal nachholen? Richtig, Xenoblade Chronicles 3.
Aber das ist mir grad zu teuer, deshalb greife ich mir Need for Speed von meinem Stapel.
Und nicht bloß irgendein Need for Speed, sondern das berüchtigte, verstoßene, von unzähligen Fans gehasste Reboot von 2015; jenes Need for Speed, das die Serie in neue Höhen katapultieren sollte, sich aber stattdessen bloß einen Metascore von 66 und ziemlich maue Steam Reviews in die Garage stellen darf.
Was mich neugierig macht: Obwohl Need for Speed 2015 ziemlich absoff und mittlerweile drei Nachfolger erhalten hat, von denen zwei deutlich, deutlich besser sind – trotz all dieser Gegenargumente düsen auch jetzt, zehn Jahre nach Release, im Schnitt über 500 Leute gleichzeitig über die Pisten dieses Spiels. Wohlgemerkt: Das Spiel erschien ursprünglich nur via EA Play, dürfte dort also den Großteil seiner Käuferschaft verbuchen.
Irgendwas muss es also haben, dieses schlechteste aller Need for Speeds. Mittlerweile stecke ich seit über 20 Stunden in der Open World von Ventura Bay, parke meinen Mustang GT mal kurz für euch und liefere zwei Gründe, wieso ich trotz aller Probleme ziemlich viel Spaß mit diesem berüchtigten Need for Speed habe.
Ja, Need for Speed (2015) hat Probleme
Vorneweg: Ich will gar nicht den Versuch starten, all die Probleme von Need for Speed (2015) unter den Asphalt zu kehren. Trotz aller Patches ist das Ding auch heute noch bestenfalls ein mittelklassiges Spiel, dem ihr viel verzeihen müsst. Ein paar Beispiele:
- Die Polizei-Verfolgungsjagden sind eine Katastrophe. Die Cops kommen so schwer in die Gänge, als hätten sie Zement in der Gangschaltung, Polizeiautos lassen sich nicht zerstören, die KI ist schon von simpelsten Manövern überfordert. Wenn ihr im Spiel fünf Minuten lange Verfolgungsjagden absolvieren müsst, dann sind die vor allem deshalb anspruchsvoll, weil ihr wie ein Schwerlasttransport in einer Einbahnstraße tuckern müsst, um die Kolleginnen und Kollegen nicht versehentlich abzuschütteln.
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Need for Speed (2015) - Video-Fazit: Darum ist das Serien-Reboot ein Reinfall.
- Die Fahrphysik ist ... wild. Trotz umfangreicher Tuning-Optionen könnt ihr Grip-Builds komplett vergessen, einzig Drift-Karren haben eine Chance, die Karosse schnell genug um die Kurve zu bugsieren. Doch selbst dann ist die Physik der Autos extrem gewöhnungsbedürftig, manche Fahrhilfen lassen sich außerdem nicht abschalten. Need for Speed (2015) hält in puncto Handling eigentlich mit keinem anderen Serienteil mit.
- Das Spiel ist völlig grundlos »always on«. Need for Speed (2015) ist eines dieser unsäglichen Shared-World-Experimente, die euch auch im Singleplayer zwingend auf Online-Server verfrachten. Und da CPU-Rennen auf offener Straße stattfindet, donnert immer mal wieder irgend so ein menschlicher Frechdachs in die Flanke und versaut mir mein Ranking. Ihr könnt zwar wahlweise explizit alleine auf einem Server rumdüsen, doch selbst dann müsst ihr bei Wartungsarbeiten das Spiel abschalten. Überflüssig und nervig.
Und das sind nur drei unter sehr vielen Schlaglichtern auf Probleme, die Need for Speed (2015) plagen. Kauft euch das Spiel auf keinen Fall für den vollen Preis von 30 Euro. Nur müsst ihr das auch nicht, denn das Need for Speed ist quasi permanent reduziert, auch jetzt in diesem Moment auf schlappe 7,50 Euro. Außerdem steckt das Ding via EA Play im Game Pass, es gibt also mannigfaltige Wege, das Spiel für sehr kleines Geld zu spielen.
Und damit landet es dann in einem Bereich, in dem genug Ecken und Kanten verzeihen kann, um die zwei Stärken von Need for Speed (2015) zu genießen!
1. Die Open World von Ventura Bay
Die Open World von Need for Speed (2015) wurde häufig und zurecht kritisiert: Im Serienvergleich fällt sie recht klein aus, außerdem spielt ihr immer nur nachts, das Ganze wirkt mehr wie ein technischer Konzeptentwurf für künftige Nachfolger. Aber: Ich finde Ventura Bay unheimlich atmosphärisch.
Gerade Genre-Primus Forza Horizon stellt die Glaubhaftigkeit seines Szenarios mittlerweile ganz hinten an. In Horizon 5 ist ganz Mexico irgendwie ein Racing Festival und alle donnern über den Asphalt und haben sich lieb. Und Need for Speed macht es nicht immer besser.
Im eigentlich sehr guten Need for Speed Heat von 2019 düse ich nachts in illegalen Straßenrennen, obwohl es tagsüber legale Wettkämpfe ganz ohne Cops gibt, die auch noch irrsinnig viel Geld einbringen. Wieso dann überhaupt nachts was riskieren? Das wäre so, als würde ich nachts heimlich Gaming-Artikel tippen, obwohl ich tagsüber dafür bezahlt werde.
Ventura Bay in Need for Speed (2015) konzentriert sich stattdessen auf eine Sache und zieht die durch: Es erschafft ein düsteres Los Angeles irgendwann um 3 Uhr nachts, in dem Racing-Gangs um die Pole Position ringen. Ja, dass das Spiel strikt im Dunkeln mit regennasser Fahrbahn stattfindet, hat viel mit technischer Trickserei zu tun, weil es dadurch auch zehn Jahre später noch unglaublich sexy ausschaut.
Doch Ventura Bay ist mehr als das. Die Story des Spiels ist purer Käse, aber herrlich konsequent: Ich bin Teil einer Gang aus überzeichneten Racing-Pappnasen (unter anderem dargestellt durch Andor-Star Faye Marsay); und diese Kolleginnen und Kollegen reden permanent mit mir, fordern mich heraus, es gibt Dutzende Zwischensequenzen aus Rennfahrer-Protzerei, Gang-Gehabe und Monster-Energy-Produktplatzierungen.
Wenn ich mit meinem Trueno AE86 durch die Bergserpentinen drifte, während sich in der Ferne Downtown in den Regenpfützen spiegelt, im Ohr der fetzige Soundtrack, im Rücken die johlenden Gang-Karikaturen, dann fühlt sich Need for Speed (2015) in all seiner Überzeichnung irgendwie unheimlich atmosphärisch an. Und daran kann ich mich als Fan dieser Underground-LA-Fantasie einfach nicht satt sehen.
2. Die Rennen sind wunderbar abwechslungsreich
Sobald ihr euch einmal an die wabbelige Physik von Need for Speed (2015) gewöhnt habt, könnt ihr dessen zweitgrößte Stärke genießen: Es gibt so wunderbar unterschiedliche Renntypen. Spätere Serienteile haben die immer weiter eingedampft, in Heats gab es fast nur Rundkurse sowie A-nach-B-Rennen. Das 2015er NfS bietet deutlich, deutlich mehr, zum Beispiel:
- Drifttrains, also Drift-Rennen, in denen ihr nah an euren Kontrahenten bleiben und gleichzeitig unfallfrei um Serpentinen driften müsst.
- Time Attacks, in denen ihr in drei, vier Versuchen die bestmögliche Rundenzeit aufstellen müsst.
- Drag Races, in denen ihr auf kurzen Sprint-Strecken optimal schalten und maximales Tempo rauskitzeln müsst.
- In von Ken Block inspirierten Gymkhana-Events jagt ihr auf langen A-nach-B-Strecken nach der höchsten Drift- und Stunt-Punktzahl.
- In Time Trials jagt ihr in Windeseile über den Asphalt, um rechtzeitig ein Ziel zu erreichen.
Need for Speed (2015) bietet fast 100 individuelle Strecken-Events in acht Renn-Kategorien. Der Story-Modus repräsentiert außerdem unterschiedliche Aspekte der Tuner-Kultur. Es gibt Story-Missionen für Schrauber, für Drifter, Outlaws und so weiter. EA hat 2015 außerdem noch richtig Geld in die Hand genommen, um prominente Gastauftritte von Racing-Legenden wie Ken Block, Magnus Walker, Akira Nakai sowie vom gesamten Risky-Devil-Team aus Chicago einzukaufen.
Diese Strecken-Events sind herrlich abwechslungsreich gestaltet, auch innerhalb einer Kategorie. Mal drifte ich durch Bergserpentinen, mal schlittere ich Parkhäuser hinauf und hinab, mal slide ich durch die 90-Grad-Winkel-Straßen der Innenstadt und weiche dabei dem Gegenverkehr aus. Dass Need for Speed (2015) komplett auf Offroad-Pfade verzichtet, klingt gerade gegenüber Forza erstmal wie ein Nachteil, erlaubt den Devs aber imposantere Kulissen am Wegesrand, weil eben nicht alles befahrbar sein muss.
Need for Speed (2015) ist kein sehr gutes Rennspiel, aber eine tolle Rennfantasie. Anders als in den Nachfolgern Heat und Payback ist die Story auf die charmante Art schlecht geschrieben; die Figuren agieren so überzeichnet, dass sie einem ans Herz wachsen.
Die Spielwelt inszeniert ihre Fast-and-Furious-Atmosphäre konsequent, am nächtlichen Los Angeles beziehungsweise Ventura Bay kann ich mich einfach nicht sattsehen – und nach 20 Stunden blicke ich auf eine holprige, aber trotzdem irgendwie einzigartige Erfahrung zurück. Wie gesagt: Auf keinen Fall 30 Euro ausgeben, aber im Sale kann ich euch das Ding echt empfehlen, falls ihr so tickt wie ich.
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