Ich liebe die Filme von John Carpenter. Ich liebe seine kantigen Protagonisten, seine Soundtracks, die Beleuchtung und sogar Kleinigkeiten wie die Schriftart, in der sein Name in den Credits steht. Sie heißt übrigens Albertus und sieht einfach schick aus.
Müsste ich mir aus seinem Schaffen einen Favoriten aussuchen, wäre das mit ziemlicher Sicherheit The Thing, ein Meisterwerk der Paranoia mit auch heute fast unerreichter Effektarbeit von Rob Bottin.
Direkt dahinter liegt dann aber nicht die Klapperschlange, Halloween, Big Trouble in Little China, der Nebel oder gar Sie Leben! mit »Rowdy« Roddy Piper, obwohl die natürlich auch alle gut sind.
Meiner Ansicht nach – und ich weiß, dass ich damit wahrscheinlich in der Unterzahl bin – ist In the Mouth of Madness das nächstbeste Werk aus Carpenters gesamtem Schaffen. Der Horrorfilm von 1994 ist ein spätes Highlight in seiner Filmografie und wird gnadenlos unterschätzt.
Die Mächte des Wahnsinns
Die Mächte des Wahnsinns, wie der Film in Deutschland betitelt wurde, befasst sich mit dem Verschwinden des Horror-Autors Sutter Cane (Jürgen Prochnow), einem fiktiven Äquivalent zu Stephen King, wenn auch deutlich erfolgreicher.
Cane ist der meistverkaufte Autor in ganz Amerika und es wird prognostiziert, dass sein neuestes Werk, »In the Mouth of Madness« erneut alle Verkaufsrekorde brechen wird. Allerdings ist der Autor wie vom Erdboden verschwunden, scheinbar ohne Anhaltspunkte auf seinen Verbleib.
Canes Verlag heuert daher den zynischen Versicherungsdetektiv John Trent (Sam Neill) an, um den Autor ausfindig zu machen. Der wittert hinter der ganzen Nummer jedoch nur einen Publicity-Stunt. Sein Gefühl bestärkt sich, als er herausfindet, dass die Einbände von Canes Werken eine Karte ergeben, die womöglich zu seinem Aufenthaltsort führt. Den Hinweisen zufolge befindet sich an dieser Stelle das Örtchen Hobb’s End, das Cane in seinen Geschichten beschreibt, aber eigentlich nicht wirklich existiert.
Gemeinsam mit Canes Verlegerin (Julie Carmen) bricht Trent dorthin auf und bemerkt bald, dass Realität, Fiktion und Wahnsinn näher beieinander liegen als ihm lieb ist…
Kunst imitiert das Leben
Wie ihr vielleicht schon an der mit Anspielungen gespickten Synopsis gemerkt habt, ist In the Mouth of Madness eine Hommage an zwei der größten Horrorautoren aller Zeiten. Einerseits den bereits erwähnten Stephen King. Aber noch mehr an H.P. Lovecraft und seine zahlreichen Geschichten von kosmischem Horror. Schon der Filmtitel ist eine kaum subtile Anspielung auf Lovecrafts berühmtes Werk »At the Mountains of Madness«.
Ein prominentes Motiv bei Lovecraft ist die Erkenntnis einer unfassbaren Wahrheit, die so schrecklich ist, dass jeder, der mit ihr konfrontiert wird, wahnsinnig wird – oder zumindest für sämtliche anderen wahnsinnig erscheint. Und darum geht es auch bei Carpenter.
Im Vergleich zu Lovecraft hat Carpenter mit diesem Konzept aber ordentlich Spaß – und einen Cast versammelt, der sichtlich Freude am Durchdrehen hat.
Hochkarätige Besetzung
Hauptdarsteller Sam Neill, der im Mainstream am ehesten als »der Typ aus Jurassic Park« bekannt ist, ist nicht nur ein hervorragender Leading Man, sondern mit Rollen in Possession und Event Horizon obendrauf ein Veteran des kosmischen Horrors. Seine Wandlung vom geerdeten Skeptiker zum verstörten Freak steht im Mittelpunkt der Handlung und Neill liefert in beiden Versionen der Figur wie gewohnt ab.
Eine wahre Schau sind auch die teils schön skurrilen Nebencharaktere. In kleinen Rollen tummeln sich Charakterdarsteller wie John Glover aus Gremlins 2, Frances Bay, Jürgen Prochnow, Peter Jason und David Warner.
Außerdem gibt’s einen denkwürdigen Auftritt von Wilhelm von Homburg, besser bekannt als der gruselige Vigo, der Karpate, aus Ghostbusters 2. Wer genau hinschaut, erkennt auch »Anakin Skywalker« Hayden Christensen in seiner ersten kleinen Filmrolle als jugendlicher Fahrradkurier. Und sogar Hollywood-Ikone Charlton Heston schaut kurz vorbei.
Überhaupt lohnt es sich, bei In the Mouth of Madness genau hinzuschauen. Denn der Film sieht einfach fantastisch aus. Die Ortschaft Hobb’s End wurde in Ontario aufgenommen und hat haufenweise altmodischen Flair. Die Szenen in dem Städtchen wirken wie aus einem Folk- oder Gothic-Horror-Film und treffen genau die richtige Mitte zwischen cheesy Gruselspaß und ernstem Horror.
Und obendrein strotzen sie noch vor herbstlicher Atmosphäre: Die Straßen sind nass, die Bäume kahl und das Sonnenlicht kalt, kurz: der Film passt einfach perfekt zur Zeit um Halloween.
Der Soundtrack ist etwas weniger einprägsam als die meisten von Carpenter komponierten Scores, aber immer noch sehr atmosphärisch. Und zumindest den Intro-Track sollte jeder Fan des Horrormeisters einmal gehört haben. John Carpenter gibt hier nämlich seine beste Metallica-Imitation zum besten und so wenig das auch zum Tonfall des restlichen Films passt: Das Teil ist ein Banger und macht zumindest mir immer direkt gute Laune.
Ich will gar nicht zu viel verraten oder in eine Kritik ausarten. Am besten, ihr erlebt die Überraschungen, die die Geschichte parat hat, komplett unvoreingenommen für euch selbst.
Im Gegensatz zu vielen anderen Horrorperlen kommt man an In the Mouth of Madness auch recht einfach ran. Der Film ist auf vielen gängigen Streamingdiensten vorhanden und es existiert eine ordentliche Blu-ray-Fassung. Eine 4K-Edition soll in Amerika noch Ende Oktober erscheinen, ob für den europäischen Markt ebenfalls ein Release erfolgt, ist aber noch nicht bestätigt.
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