Jan Böhmermann fordert Indizierung von Apps mit simuliertem Glücksspiel

Handyspiele wie Coin Master verführen Kinder zum Glücksspiel, mogeln sich aber aus den Gesetzes-Richtlinien für echte Kasinos raus, kritisiert Böhmermann.

von Maurice Weber,
11.10.2019 22:01 Uhr

Jan Böhmermann übt scharfe Kritik am Handyspiel Coin Master. (Bildquelle: Neo Magazin Royale auf Youtube)Jan Böhmermann übt scharfe Kritik am Handyspiel Coin Master. (Bildquelle: Neo Magazin Royale auf Youtube)

Putzige Kinderspielchen sind nur der jüngste Trick der Glücksspiel-Industrie, junge Kunden in die Spielhallen zu locken, meint Jan Böhmermann - und zeigt anhand der enorm beliebten App Coin Master auf, warum solche Apps in seinen Augen ein Fall für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sind. Das Spiel gehört zu den beliebtesten Mobile-Spielen Deutschlands und steht etwa auf Platz 1 der erfolgreichsten Apps im Google Play Store.

In Coin Master bauen sich Spieler ein Dorf auf greifen andere Siedlungen an. Allerdings kostet beinah jede Aktion Ingame-Währung, und die gibt's nur an virtuellen Spielautomaten. Und die wiederum darf man nur fünf mal pro Stunde betätigen, danach muss man sich weitere Versuche kaufen - für Echtgeld. Aber obwohl diese Automaten aussehen wie einarmige Kasino-Banditen, unterliegen sie zu Böhmermanns Unglauben nicht den gleichen Gesetzen und sind damit für Minderjährige legal.

Warum simuliertes Glücksspiel kein Glücksspiel ist

Glücksspielsuchtforscher Tobias Hayer erklärte, dass echtes Glücksspiel nach deutschem Recht drei Merkmale erfüllen muss: Geldeinsatz, Geldgewinnmöglichkeit und ein Spielausgang, der auf Zufall basiert. Bei Coin Master sind nicht alle drei gegeben, weil man zwar echtes Geld einsetzt, aber nur Ingame-Punkte ohne echten Wert gewinnen kann. Außerdem werde der Spielablauf durch Algorithmen gesteuert, statt streng zufällig zu sein.

Böhmermann fasst seinen Eindruck zusammen: »Wenn ich das richtig verstanden habe, heißt das, ich gebe echtes Geld aus - richtig viel - aber ich kann kein echtes Geld gewinnen. Und ob ich gewinne muss auch kein Glück sein wie bei einem Spielautomaten, das darf bei Coin Master der Spielbetreiber selbst steuern.« Das klinge für ihn »ganz schön gefährlich - besonders für Kinder«.

Die Rechtslage im Detail: Warum zählen Lootboxen und Co nicht als echtes Glücksspiel?

Gezielt auf Kinder ausgerichtet?

Besonders problematisch sieht Böhmermann, dass Coin Master ganz bewusst ein junges Publikum mit seinem simulierten Glücksspiel ansprechen wolle. Zum einen mit seiner knuffigen Comic-Optik, zum anderen über Werbespots mit Promis wie Dieter Bohlen und bei jungen Zuschauern besonders beliebten Influencern wie Bibi von Bibis Beauty Palace. Tobias Hayer erklärt, dass Spiele wie Coin Master aber gerade junge Spieler auch zu echtem Glücksspiel bringen können:

"Simuliertes Glücksspiel birgt einige Gefahren: Zum einen wird durch Normalisierungstendenzen eine positive Einstellung gegenüber Glücksspiel begünstigt. Zum anderen fördern die oft überhöhten Ausschüttungsquoten unrealistische Gewinnerwartungen und damit den Irrglauben, dass Gewinnen auch bei echtem Glücksspiel einfach sei. In letzter Konsequenz schürt dies den Wunsch auch mal um echtes Geld zu »zocken«. Junge Spieler sind dafür besonders anfällig. "

Wie Böhmermann aufzeigt, stecken hinter Coin Master gleich mehrere Investoren aus dem klassischen Glücksspielbereich. Einer leitete mal einen der größten Onlinecasino-Anbieter der Welt, ein anderer gründete die Sportwetten-Websitte bwin und ein dritter investiert mit seiner Firma Velo Partners in verschiedenste Formen des Glücksspiels. Velo Partners preisen sich auf ihrer offiziellen Website als »Spiel- und Glücksspiel-Experten« an. Tobias Hayer zufolge bedarf es für Glücksspielfirmen heutzutage »innovativer Geschäftsideen«, weil sich traditionelle Spielautomaten bei der jüngeren Zielgruppe immer geringerer Beliebtheit erfreuen.

Laut Entwickler soll sich Coin Master aber nicht an Kinder richten, es sei nicht für Spieler unter 16 Jahren gedacht. Und tatsächlich ist es bei Google Play ab 16 Jahren, im App Store ab 17 Jahren freigegeben. Aber Böhmermann setzt entgegen, dass Werbung und Aufmachung des Spiels sehr wohl auf ein junges Publikum ausgelegt sind - und Coin Master war ursprünglich frei ab 0 Jahren, die höhere Einstufung folgte erst auf die wachsende Kritik am Spiel.

Die schwierige Frage der Glücksspiel-Altersfreigabe

Bei der USK greifen zwei unterschiedliche Richtlinien je nach Release-Form eines Spiels. Das Jugendschutzgesetz betrifft alle Titel, die auch als physischer Datenträger in den Laden kommen, der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag greift bei reinen Online-Spielen wie Coin Master.

Unter dem Jugendschutzgesetz prüft die USK die betroffenen Spiele selbst, allerdings ist simuliertes Glücksspiel hier gemäß der offiziellen USK-Website kein Teil der angewandten Kriterien. Deswegen wurde etwa auch NBA 2K20 ab 0 Jahren freigeben. Ergänzend wird erwähnt: »Der USK ist die Diskussion jedoch bekannt und wir werden dies in den entsprechenden Gremien und Ausschüssen evaluieren.«

NBA 2K20 enthält klar erkennbare Kasino-Automaten, gilt nach deutschem Recht aber weder als jugendgefährdend noch als Glücksspiel.NBA 2K20 enthält klar erkennbare Kasino-Automaten, gilt nach deutschem Recht aber weder als jugendgefährdend noch als Glücksspiel.

Anders sieht es bei Online-Spielen aus, die unter den Jugendschutz-Staatsvertrag fallen. Hier wird simuliertes Glücksspiel tatsächlich berücksichtigt, allerdings prüft die USK diese Spiele zunächst nicht selbst. Stattdessen füllen Entwickler einen Fragebogen aus und generieren damit automatisch ein Altersfreigabe-Siegel. Mit regelmäßigen und gezielten Überprüfungen will die USK die Genauigkeit dieser Einstufungen sicherstellen und auch auf Userbeschwerden reagieren.

Dieses System, die sogenannte International Age Rating Coalition, kommt aber nicht in jedem Online-Store zum Einsatz. Der Google Play Store nutzt es etwa, aber Apple setzt auf sein eigenes Rating-System. Dort wurde erst im August 2019 simuliertes Glücksspiel als Kriterium für Spiele ab 17 aufgenommen. Und im Amazon App Store lässt sich Coin Master weiterhin ab 0 Jahren herunterladen. Auch bei anderen Spielen gibt es kein einheitliches System: Coin Kings ist bei Google ab 16 Jahren freigegeben, bei Apple aber schon ab 12, weil das simulierte Glücksspiel hier nur schwach ausgeprägt sei.

Böhmermann wünscht sich deswegen eine aggressivere Lösung: Er will, dass Coin Master von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien geprüft wird. Dies könnte zu einer Indizierung des Spiels führen. Der Haken: So einen Antrag dürfen nur Ämter oder Bildungseinrichtigungen stellen und bislang ging keiner zu diesem Thema ein. Böhmermann wendet sich daher an sein Publikum: »Wenn Sie in einer Polizeibehörde arbeiten, oder beim Zoll oder beim Finanzamt oder beim Ordnungsamt, wenn Sie Lehrer sind an einer Schule oder in einer anderen staatlichen Bildungs- oder Jugendeinrichtung arbeiten... SIE können bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einen Antrag auf Indizierung von simulierten Glücksspiel-Apps stellen. Just for fun!«


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