Manchmal überfordern mich lange Videospiele. Gerade erst habe ich das grandiose The First Berserker: Khazan durchgespielt, danach im Urlaub Clair Obscure gestemmt, wollte jetzt den Geheimtipp Tainted Grail: The Fall of Avalon angehen ... und verliere nach der ersten Stunde einfach die Puste.
Wie zum Otto soll ich mich jetzt in noch ein komplexes Rollenspiel mit Millionen Notizen, Skills und Quests einarbeiten? Ich brauche gerade schon 60 Prozent meiner Hirn-Kapazitäten, um die tägliche Duolingo-Aufgabe zu schaffen.
Also: Ausgleich musste her! Manchmal brauche ich kleine Spiele, Story-Snacks, niedrigschwellige und kurzweilige Singleplayer-Spielchen, die idealerweise nach zwei, drei Abenden vorbei sind.
Also werfe ich Kathy Rain an, ein Storyspiel, das schon seit Jahren in meiner Steam-Bibliothek ruht.
Als junge Journalismus-Studentin einen mysteriösen Fall in einer Kleinstadt knacken? Mit einem kultigen Retrolook wie aus der Zeit der guten alten Lucasarts-Adventures? Und dann noch voll vertont im Director's Cut? Klingt genau nach dem, was ich suche.
Aber Kathy Rain hat meine Erwartungen sogar übertroffen.
Was ist cool an Kathy Rain?
Um es ein wenig auseinander zu zwiebeln: Kathy Rain erschien ursprünglich schon 2016 als kleines Indie-Projekt, wurde Ende 2021 aber als Director's Cut nochmal neu veröffentlicht. Zu den Änderungen gehören erweiterte Szenen, aber auch eine stringentere Geschichte mit einem sinnigeren Finale.
Ich habe beide Versionen gespielt, das Original könnt ihr zugunsten des Director's Cut getrost ignorieren, der in jedem Steam Sale (auch jetzt gerade) bloß schlappe 3,70 Euro kostet.
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Kathy Rain - Launch-Trailer des 90er-Jahre-Adventures
Kathy Rain fängt sehr klassisch und unspektakulär an. Die 20-jährige Kathy studiert Journalismus, reist aber für die Beerdigung ihres Großvaters zurück ins heimatliche Städtchen Cornwell Springs. Schnell merkt sie, dass hinter dem Tod ihres Opas mehr steckt als ursprünglich gedacht. Also auf den ersten Blick ein typischer Retrokrimi, noch dadurch unterstrichen, dass die Story in den 90ern spielt.
Doch die Macher haben sich bei der Entwicklung an Twin Peaks orientiert – und das merkt man! Schnell driftet die Story ins Mysteriöse ab, alles in der Stadt scheint ausgerichtet auf drei leuchtende Kugeln, Kathy erspäht einen Glatzkopf mit stechenden Augen in rotem Seidenanzug und alles entwickelt sich völlig anders, als ich ursprünglich angenommen habe.
Die eigentlichen Rätsel gehen recht fluffig von der Hand, lassen sich meist durch logisches Nachdenken knacken und durch die herausragende Vollvertonung spielt sich das Abenteuer nie trocken oder langweilig. Selbst das Abklappern von Hotspots bleibt unterhaltsam, weil Kathys (englische) Sprecherin ihre Punk-Allüren wunderbar zur Geltung bringt.
Ich will hier natürlich nicht spoilern, deshalb ziehe ich das Fazit recht vage: Kathy Rain hat mich nach dem Durchspielen länger beschäftigt, als ich bei einer Spielzeit von vier bis fünf Stunden vermutet hätte. Die Story schürft nicht so tief wie manches psychologische Melodrama, aber ich lag danach noch lange wach und habe gerätselt, wie was jetzt wie genau gemeint sein könnte.
Falls ihr mal wieder Bock auf kurzweilige Kost zwischen zwei großen Rollenspielen habt: Hier macht ihr nichts falsch. Zumal jetzt nach vier Jahren Pause tatsächlich just ein zweiter Teil erschienen ist, der auf Steam sagenhaft positive Wertungen von 96 Prozent einheimst. Solche kleinen Projekte verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit.
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