Schon vor einigen Monaten habe ich das erste Mal darüber nachgedacht, ob es in Anno 117 möglicherweise KI-Bilder gibt. Damals sprach ich mit Kollegin Steffi über einige Darstellungen der Götter im Spiel.
Eindeutige Indizien gab es dafür keine, und deshalb schob ich diese Sorgen auch schnell zur Seite. Das sind kreative Leute bei Ubisoft Mainz – dass ausgerechnet das Team hinter meinem stets extrem hochwertigen Anno auf billige KI-Kunst setzt, erschien mir absurd. Dafür vertraute ich Anno viel zu sehr.
Jetzt gibt es daran aber keinen Zweifel mehr. Denn wie sich inzwischen herausgestellt hat, wurde in Anno 117 durchaus mit KI-Bildern gearbeitet. Insbesondere die Artworks in den Ladebildschirmen und Dialog-Hintergründen sind den Leuten negativ ins Auge gefallen.
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Ubisoft hat auf die Vorwürfe reagiert – und sie nicht wirklich abgestritten. Die Antwort des Teams gab es in einem Statement an The Gamer:
Dieses Bild war ein Platzhalter, der unbeabsichtigt durch unseren Überprüfungsprozess gerutscht ist. Das endgültige Bild ist hier angehängt und wird die aktuelle Version dieses Artworks mit dem kommenden Patch 1.3 ersetzen. Da Anno 117: Pax Romana unser bisher ambitioniertestes Anno-Spiel ist, haben wir das größte Team von Künstlern zusammengestellt, das es je für die Reihe gab. Um dem einzigartigen Umfang des Projekts gerecht zu werden, verwenden sie KI-Tools für Iterationen, Prototyping und Exploration. Jedes Element, das die Spieler im fertigen Spiel erleben werden, spiegelt das handwerkliche Können, die Kunstfertigkeit und die kreative Vision des Teams wider.
Diese Begründung kann faktisch natürlich absolut korrekt sein und übersehene Platzhalter-Grafiken gibt es nicht erst seit KI. Aber genau hier liegt auch das Problem. Der Prozess zwischen KI-Generierung und eigenem kreativen Handwerk verschmilzt immer mehr. Kaum jemand kann hier noch zuverlässig das eine vom andern unterscheiden. Weder Spieler noch Entwickler.
Und mir fehlt da irgendwann einfach die Transparenz, die ich brauche, um noch volles Vertrauen in die künstlerische Vision zu haben. Da ist es mit einer kurzen, schwer durchschaubaren Offenlegung auf Steam nicht getan. Zumindest nicht in einem künstlerischen Medium wie Videospiele, wo ich letztlich doch gerne auch die Faszination für das menschliche Talent hinter dem Gesamtkunstwerk schätzen möchte, das sich gerade vor mir entfaltet.
Der Stich sitzt
Sich über KI-Verwendung zu echauffieren, ist nie ganz leicht. Denn KI gehört immer mehr zum Alltag und insbesondere zum beruflichen Leben. Ich glaube, die wenigsten berufstätigen Menschen werden noch nicht erlebt haben, wie ein Betrieb seine Arbeitsabläufe mithilfe zahlreicher KI-Tools zu optimieren versucht.
12:05
Anno 117 in 12 Minuten erklärt: Das solltet ihr über das Aufbauspiel wissen.
Das wirkt manchmal übers Bein gebrochen oder gar wie eine Panikreaktion, oft hat es aber auch sinnvolle Gründe. Grundlegend störe ich mich auch in keiner Weise daran, wenn moderne KI-Werkzeuge in der Spieleentwicklung dabei helfen, vorher langwierige und öde Aufgaben zeiteffizienter aus dem Weg zu räumen. Das schadet niemanden und führt eventuell sogar zu mehr Zeit für kreative Arbeit. Super!
Ich bestehe wirklich nicht darauf, dass hinter jeder belanglosen Zeile Code ein echter Mensch hockt. Woran ich mich aber doch störe, ist, wenn sich KI in kreative Räume schleicht. Generative KI, die mechanische Kunst ausspuckt, oberflächliche Geschichten schreibt, reale Stimmen imitiert oder entmenschlichte Filme dreht.
Gerade Anno war schon immer eine Reihe, die sich für mich nach Gesamtkunstwerk anfühlte. Ich liebe die Artworks in den Ladebildschirmen von Anno 1800. Bilder, die man sich minutenlang ansehen kann und so immer wieder neue Details oder kunstfertige Handgriffe entdeckt.
Anno stand für mich seit jeher für kompromisslose Qualität. Eine Spielereihe mit Gütesiegel. Und ja, das gilt auch für Kunst in Ladebildschirmen, für Hintergründe oder Götterbilder. Dass dieser Qualitätsanspruch durch KI jetzt zumindest zu wackeln beginnt, macht mich ein wenig traurig.
Sind wir damit zufrieden?
Und ich weiß, dass es sehr blauäugig ist zu denken, dass es anders gehen würde. Ich hätte ja zumindest noch die Hoffnung gehabt, dass globale Unternehmen wie Coca-Cola, Activision-Blizzard oder eben Ubisoft ihre finanziellen Mittel ausschöpfen, um sich nicht abhängig zu machen von fehlerbehafteten, emotionslosen KI-Kunstwerken – aber wir wissen ja, wie es läuft.
Gerade hier wird dann eben doch jede Gelegenheit genutzt, um noch größere Gewinne zu erzielen. Coca-Cola würgt einen unheimlichen KI-Weihnachtsmann hervor, Activision-Blizzard verwurstet thematisch unfassbar unpassende Ghibli-Monstrositäten in Call of Duty, und Ubisoft bringt selbst das Anno-Team dazu, KI-Kunst eine Chance zu geben.
In all den Beispielen ist Anno noch das harmloseste, da hier durchaus noch menschliche Künstler nach- und eventuell sogar vorgearbeitet haben und es sogar einige Artworks gibt, die nachweisbar von echten Menschen stammen – von denen kurioserweise aber nicht einmal alle im Spiel Verwendung fanden.
Aber allein schon zu wissen und mit dem bloßen Auge zu sehen, dass KI am Werke ist und das Ausmaß mir verschlossen bleibt, lässt mein Vertrauen wanken. Wie weit wird es noch gehen, wenn KI unweigerlich besser wird? Sind uns echte Emotionen von menschlichen Gesamtkunstwerken als Gesellschaft irgendwann egal?
Und dabei bin ich nicht einmal konkret dagegen, dass generative KI existiert. Ich nutze den Kram ja selbst, etwa für meine privaten Pen&Paper-Runden. Und wenn es wirklich keine andere Möglichkeiten für kleine Entwickler gibt, dann kann ich in manchen Spielen mit KI-Bildern leben. Also überall dort, wo die Alternative kompletten Verzicht bedeutet.
Aber ein großes Studio, ein bewährtes Team, eine Spielereihe, in der es auch vor KI-Kunst schon wundervolle Bilder zu sehen gab – warum sollte ich mich hier mit weniger abfinden?
Wahrscheinlich wird es aber sowieso irgendwann egal. Schon jetzt kann ich nicht immer sagen, welche Bilder komplett aus menschlicher Hand stammen und welche nicht. Es wird immer schwerer und wer sauber nacharbeitet, bekommt auch viel bereinigt. Wie viel an einem Bild muss von einer KI stammen und wie viel von einem Mensch, bevor es als echte Kunst durchgeht? Das werde ich euch heute nicht beantworten können.
Und deshalb tut es bei Anno mir persönlich halt so weh. In einer Welt voller Bots wird Vertrauen unbezahlbar. Dass ich schon jetzt Anno nicht mehr so vertrauen kann wie früher ... das wurmt mich einfach.

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