Schnell mit KI reich werden, das versprechen einige windige Unternehmer auf YouTube: man braucht nur eine Idee, die KI erledigt den Rest.
Der US-Amerikaner Justin Benson war sein Leben lang Berufsfotograf. Mittlerweile hat er gemeinsam seinem Partner Harshit Dwivedi Aftershoot gegründet. Das Startup bietet eine KI-gestützte Software, die professionellen Fotografen bei der Auswahl und Nachbearbeitung ihrer Fotos helfen soll.
Justin, der in Connecticut wohnt, und ich sind an einem sonnigen Nachmittag im Mai per Webcam verabredet. Wenn man Justin sieht, fallen einem sofort zwei Dinge auf:
- Einen offensichtlichen Hang zu extravaganter Bart-Mode
- Eine auffallend positive und optimistische Ausstrahlung
So beginnt ein Gespräch über seinen Weg zum Erfolg mit einem KI-Startup und wie er auch als Kreativer in die Zukunft mit KI blickt.
Vom Fotograf zum KI-Startup
Justin ist leidenschaftlicher Fotograf, vor allem Hochzeitsbilder hat er eine Menge in seinem Leben geschossen. Mit KI hatte er aber lange nichts am Hut. Es war 2020, ChatGPT noch nicht auf dem Markt, als er auf Facebook einen Post las: Ein Entwickler suchte Fotografen, die er für die Entwicklung einer KI-Lösung zur Bildfarbgebung hinzuziehen wollte.
Eine Sache am Fotografieren empfindet Justin einfach nur als mühsam: Culling
, also das Aussortieren von Bildern nach einem Termin mit tausenden Fotos. Und trotzdem nahm er Kontakt zum Entwickler auf: Wir haben einfach hin und her geschrieben und sind zu ein paar Anrufen übergegangen.
Das war Harshit, sein jetziger Partner und Co-Mitbegründer von Aftershoot. Sie stellten fest, dass sie gut zusammenarbeiten konnten und ein wirklich gutes Repertoire zusammen hatten.
Das Culling übernimmt heute die KI von Aftershoot für Justin.
Harshit baute die erste Version der App, die Fotografen in der Nachbearbeitung der Farbgebung helfen sollte. Justin, der zugibt Ich wusste damals nichts von KI
, testete sie mit 50 Personen.
Das Feedback war vernichtend: 40 von ihnen wollten es nicht einmal ausprobieren, und die anderen 10 sagten 'Das ist schrecklich, es wird nie funktionieren'
, erzählt er. Doch Justin ließ sich nicht entmutigen.
Ich weiß nicht, wie das Zeug funktioniert, aber ich weiß, dass wir es [die KI-Lösung] besser machen können
Und so begann sein Einstieg in die KI durch die Hintertür
. Er sah, was die KI leisten konnte, und musste dann all die Dinge über KI lernen, um uns in die Lage zu versetzen, es tatsächlich so zu tun, wie es ein Fotograf tun würde
.
Die Anfangszeit war turbulent: Es war am Anfang ziemlich wild, weil wir jede Woche Updates gemacht haben. Es war viel Testen und Hin und Her.
Aber Justin war so entschlossen, diese Lösung zu perfektionieren, dass er sogar sein eigenes, gut laufendes Fotogeschäft eher beiseitegeschoben
hat.
Er wusste, dass selbst wenn das Unternehmen scheitern sollte, könnte er das Ergebnis immer noch persönlich nutzen, um Zeit zu sparen. Paradoxerweise führte der Entwicklungsprozess anfangs zu einer Verdopplung seiner Aufgaben:
Die Menge an mühsamer Arbeit, die ich erledigen musste, verdoppelte sich, weil ich dachte: 'Oh, wir haben die KI laufen lassen, jetzt muss ich es von Hand machen und sicherstellen, dass es dasselbe [Ergebnis] hervorbringt'.
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Qualität der Trainingsdaten ist wichtiger als ihre Quantität
KI braucht Unmengen an Daten: Derzeit verklagen etwa die Hollywood-Studios Disney und Universal die Macher der Bilder-KI Midjourney, weil die sich für das Training ihres Programms an urheberrechtlich geschütztem Material bedient haben sollen.
Und auch Meta nutzt mittlerweile eure öffentlichen Posts auf Facebook und Instagram, um ihre hauseigene KI zu trainieren.
Ob auch Justin und Harshit sich an eventuell urheberrechtlich geschütztem Material bedient haben?
Wir starteten hauptsächlich mit meinen Sachen. Ich hatte ein sehr geschäftiges Fotostudio, also hatte ich damals irgendwo um die 500.000 Bilder
. Dies bildete laut seiner Aussage eine wirklich riesige Datenmenge von mir allein
.
Später, als die App immer besser funktionierte, wandten sich sogar seine eigenen Kunden mit ihren Fotos an ihn:
Hey, ich wollte, dass es bei Sport besser funktioniert, hier ist ein Katalog mit ganz vielen Bildern aus verschiedenen Sportarten, die ich bereits ausgewählt habe, damit ihr sehen könnt, ob ihr die KI damit verbessern könnt.
Justin räumt mit einem Mythos auf: Je mehr Trainingsdaten man hat, desto besser werden die Ergebnisse. Es komme seiner Aussage nach auf die Qualität der Trainingsdaten an, erhöhe man nur die Quantität, stagniere die Verbesserung bald merklich.
KI ist kein Künstler
Gerade in der Kreativbranche, so lese ich etwa in den Kommentaren unter meinen Artikeln, sei die Sorge, dass die KI zum Jobverlust führt, groß. Justin ist hier als Gründer im hypothetischen Fall natürlich auf der sicheren Seite. Trotzdem hat er zu dem Thema eine klare Meinung:
KI ist kein Künstler, sie bezieht von Künstlern
.
KI ist nicht kreativ: Justin argumentiert, dass KI zwar Bestehendes reproduzieren und anwenden kann, aber keine echte, neue Kreativität hervorbringt: Wenn du die KI bittest, das aufzugreifen, was du tust, und etwas Neues für dich zu bauen, musst du wissen, dass das schon irgendwo existiert. Sie hat nichts geschaffen, was nicht existiert, sie nimmt nur etwas Bestehendes und wendet es auf deinen Fall an.
Bei Aftershoot ginge es darum, den Fotografen zu unterstützen, nicht ihn zu ersetzen oder seine Arbeit austauschbar zu machen.
Für uns war der Fokus immer darauf: Wie unterstützen wir einen Fotografen? Wie stellen wir sicher, dass ihre Sachen nicht denen anderer Leute gleichen? Wie lernen wir von ihnen und bauen ihre eigenen Modelle, die ihnen ihre eigene personalisierte kreative Erfahrung bieten?.
Das geht so weit, dass die KI von Aftershoot mittlerweile lernen kann, den individuellen Bearbeitungsstil des Fotografen zu übernehmen. Man brauche dafür auch nur eine vergleichsweise geringe Auswahl von etwa 2.500 Bildern.
Trotzdem kommt seine Offenheit für KI nicht von Haus aus:
Wenn du mich vor vier Jahren gefragt hättest, hätte ich gesagt, ich benutze KI für nichts.
Doch mit der Zeit kam das Verständnis: Ich meine, ein besseres Verständnis dafür zu haben, wie alles funktioniert, ist mir wichtig.
KI als technische Entwicklung
Justin sieht die aktuelle Entwicklung als eine weitere technologische Revolution, vergleichbar mit dem Übergang von der Analog- zur Digitalfotografie.
Er ist überzeugt, dass die menschliche Authentizität und Kreativität immer einen unersetzlichen Wert haben werden. Ich glaube wirklich, dass die nächste Generation von Menschen wirklich von Nicht-KI-Dingen angetrieben und an sie gebunden sein wird.
Er verweist auf kleine menschliche Fehler
wie Tippfehler bei einem Autor, die als Zeichen der Echtheit dienen. Es sind diese kleinen Dinge, die signalisieren, dass das ein Mensch war, es war echt, es war authentisch.
Seine Quintessenz:
Die Realität wird der KI immer überlegen sein.
KI wird den Arbeitsmarkt beeinflussen: Justin sieht durchaus Veränderungen durch KI – auch für professionelle Fotografen. Er nennt etwa Produktfotografie, da diese Bilder relativ einfach generiert werden könnten. Dennoch sieht er auch hier keinen kompletten Untergang: Ich denke nicht, dass dieser Bereich ganz verschwinden wird. Ich denke, es geht darum, wie man als Fotograf innovativ ist. Wie man etwas schafft, das KI nicht schafft
.
Denn ein wirklich großartiger Fotograf sei nicht der, der Fotos am besten manipulieren kann, sondern der, der Momente schaffen und ... kleine Zeitfenster jagen kann, die man festhalten und bewahren möchte, und das ist etwas, das KI nicht kann.
Die KI hat auch die Arbeit vom Fotografen Justin verändert
Aftershoot ist ein Produkt, das Justin anbietet. Gleichzeitig hätte sich seine Arbeit als Fotograf dadurch aber auch stark verändert: Ehrlich gesagt könnte ich jetzt, wo ich mich angepasst habe, nie wieder auf die alte Weise arbeiten
. Jedes einzelne Foto, das er macht, laufe durch die KI, bevor er es überhaupt anfasst. Die KI erledige 98 Prozent davon
.
Erst dann komme er wieder ins Spiel: Wow, es ist da. Was, wenn ich es auf die nächste Stufe hebe?
Zumindest seine eigene Arbeit als Fotograf wäre durch den Einsatz von KI nur positiv beeinflusst worden: Meine Arbeit hat sich verbessert, ich bin besser geworden, meine Bilder werden besser verarbeitet, weil ich mehr Zeit habe
. Früher sei es nur darum gegangen, Aufträge fristgerecht abzuliefern und im eigenen Zeitplan zu bleiben.
Heute kann Justin Dinge tun, die er vorher nie getan hätte, wie störende Fluchtweg-Schilder aus einem Foto zu retuschieren.
Jetzt bin ich weit vor dem Zeitplan. Lass mich das einfach auf ein anderes Level bringen und etwas noch Besseres schaffen, als ich es ohne KI hätte tun können
Trotz seiner Arbeit am Startup, bleibt Justin der Fotografie treu: Ich fotografiere immer noch Hochzeiten, ich liebe es immer noch
. Dass er in dem Metier aktiv bleibt, dass er mithilfe von Aftershoot verbessern will, hält er für wichtig:
Ich will immer noch das Problem haben, ich will immer noch aufwachen und sagen: 'Ich habe heute einen Anruf und muss eine Hochzeit bearbeiten, und meine Kunden wollen dies und ich muss das tun.' Ich will immer noch die gleichen Probleme haben, die unsere Nutzer haben.
Auch wenn Aftershoot für ihn heute das leidige Aussortieren der Fotos übernimmt, kann Justin trotzdem nicht nur dem Fotografieren frönen:
Ich verbringe wahrscheinlich mehr Zeit vor dem Computer als früher
. Insofern kann er aus seiner Erfahrung nicht bestätigen, dass man mit KI nebenbei schnell reich werden kann.
Für die, die sich überlegen, mit KI ein Startup zu gründen, hat er dennoch einen Rat:
Ich würde ihnen sagen, das Wichtigste ist, ein Problem zu lösen, das die Menschen wirklich betrifft, und man muss diesem Problem nahe sein. Aber wenn man ein Problem löst, weil man es cool findet? Ich meine, wie viele Unternehmen führen KI in ihre Produkte ein, aber es ist keine nützliche Sache, niemand benutzt es, weil sie einfach nur auf den KI-Zug aufspringen wollen? Wenn ich heute wieder anfangen würde, würde ich nach einem Kernproblem suchen, das KI tatsächlich lösen kann, nicht KI zu etwas Bestehendem hinzufügen.
Ein No-Brainer, denke ich mir im ersten Moment. Aber wenn ich dann daran denke, wie Google viel zu früh den Google Assistant durch ein unfähiges Gemini ersetzt hat und wie Meta derzeit die WhatsApp-Nutzer mit ihrem blauen Ring nervt, scheint das ein Rat zu sein, der noch nicht ganz oben angekommen ist.
Was denkt ihr darüber? Haltet ihr die Auswahl und Nachbearbeitung von Fotos für eine sinnvolle KI-Anwendung? Fotografiert ihr vielleicht sogar selbst und nutzt Aftershoot vielleicht sogar? Und wenn ja, wie hat es eure Arbeit beeinflusst? Schreibt uns eure Meinung und Erfahrungen in die Kommentare!

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