Forscher haben Moos für 283 Tage an die Außenhülle der ISS geklebt – für uns ein erster Schritt zur Begrünung fremder Welten

Ein Experiment, reif für einen Science-Fiction-Roman: Moos, widersetzt sich der widrigsten Umgebung. Was bedeutet das für die Exobiologie?

So grün sah es auf der Hülle der ISS sicher nicht aus, aber Moos-Sporen machten sich durchaus für einige Zeit auf der Außenhaut der Raumstation breit – natürlich aus rein wissenschaftlicher Neugier.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) So grün sah es auf der Hülle der ISS sicher nicht aus, aber Moos-Sporen machten sich durchaus für einige Zeit auf der Außenhaut der Raumstation breit – natürlich aus rein wissenschaftlicher Neugier. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Ein Moostronaut reiste kürzlich zur Internationalen Raumstation (ISS). Sein Auftrag im Dienste der Wissenschaft: Ausloten, wo die Grenzen terrestrischen Lebens liegen. Dafür mussten das Moos außen auf der Hülle der Raumstation Ungemach erdulden.

Die Analyse stellten die Forscher jetzt in einer Studie vor. Sie schürt Hoffnungen für die Existenz von Leben im Kosmos – und die Begrünung fremder Welten.

Moos-Folter im Auftrag der Wissenschaft

Jedes Leben steht vor zwei Herausforderungen: Überleben und Fortpflanzung. Ohne diese beiden Eigenschaften stirbt jedes Wesen rasch wieder aus – vom komplexen Menschenaffen bis zur einfachsten Mikrobe. Um sich zu behaupten, muss Leben Widrigkeiten überwinden und sich dann auch noch vermehren können.

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Das Weltraum-Abenteuer hat sich das Moos mit dem klangvollen Zungenbrecher-Namen »Physcomitrium patens« selbst eingebrockt. Wenn es selbst unter widrigsten Umständen in Wüsten oder der Arktis überlebt, wie schaut es dann im Weltraum aus? Die Forscher reizte der Gedanke, seine auf Erden beobachtete Widerstandsfähigkeit in der extremsten Umgebung auszutesten. 

Aus der Idee wurde ein Vorhaben und schließlich rollten Proben in Spezialcontainern in den Laderaum einer Cygnus-Frachtkapsel, die im März 2022 zur Internationalen Raumstation startete. Dort brachten sie die Sporen außen auf der ISS auf und überließen sie für 283 Tage ihrem Schicksal. Hier durchlebten sie wahrlich eine Tortur:

  • Vakuum
  • Strahlung
  • Trockenheit
  • Kälte/Hitze-Fluktuationen von -196 bis +100 Grad Celsius
  • Mikrogravitation

Vor allem von der Kombination all dieser Stressfaktoren versprachen sich die Forscher eine höhere Aussagekraft. Denn mögen sie vielleicht eine Bestrahlung überstehen, eventuell noch in Vakuum, verschieben sich die Chancen spätestens, wenn wir alle Lasten gleichzeitig auffahren. Der biologische Stress trennt dann wirklich die Spreu vom Weizen.

Überraschung nach Sporen-Ernte im Weltraum

Wir hatten mit einer Überlebensrate von nahezu null gerechnet, doch das Gegenteil war der Fall: Die meisten Sporen überlebten. Wir waren von der außergewöhnlichen Widerstandsfähigkeit dieser winzigen Pflanzenzellen zutiefst beeindruckt. Diese Studie belegt die erstaunliche Belastbarkeit des Lebens, das seinen Ursprung auf der Erde hat.

Tomomichi Fujita von der Universität Hokkaido

Mehr als 80 Prozent der Sporen schafften es, sich zurück auf Erden zu regenerieren und danach erfolgreich zu vermehren. Hiermit bewies das Team mit seinen winzigen Schützlingen erstmals, dass eine frühe, einfache Landpflanze einen längeren Ausflug ins All lebendig überstehen kann.

Die Forscher haben auch einen Verdacht, was dem Moos half: Sie schreiben einen Teil des außerordentlichen Erfolgs seinen Systemen zur DNA-Reparatur zu. Zudem verfügen die Sporen über einen schalenartigen Aufbau, der das Innere schützt – quasi ein außen liegender Panzer.

Wie lange hätten die Sporen des Mooses längstenfalls im All überlebt? Um dieser Frage nachzugehen, nutzten die Forscher die Daten zur Erstellung eines mathematischen Modells, das Ergebnis: 5.600 Tage bzw. rund 15 Jahre. Allerdings betonen sie, dass sowohl die Berechnung als auch die zugrundeliegenden Daten keine finalen Schlüsse zuließen. Die Zahl erlaube bloß eine grobschlächtige Annäherung.

Erst der Anfang einer Reise

Für Tomomichi Fujita ergeben sich spannende Folgerungen:

Dies liefert eindrucksvolle Beweise dafür, dass das Leben, das sich auf der Erde entwickelt hat, auf zellulärer Ebene über intrinsische Mechanismen verfügt, um den Bedingungen des Weltraums zu trotzen.

Die demonstrierte Widerstandskraft legt nahe, dass bestimmte Pflanzensamen im All überwintern können. Wiedererwacht könnten sie dann vielleicht auf einem fremden Planeten sprießen. Wir kennen das bereits von winzigen Tierchen – einst klebten auch sie außen an der ISS.

Derweil trägt selbst simpel anmutendes Moos enormes Potenzial in sich, um uns Grundsätzliches zum (Über)Leben im Universum zu lehren: Das Leben findet eben einen Weg – mitunter auch anderswo als bei uns.

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