»So ziemlich die dümmste Idee, die man haben kann.« Astrophysiker demontiert Musks Mars-Träume

Den Mars kolonisieren: Für Milliardär Elon Musk eine Lebensaufgabe, für den Astrophysiker Adam Becker eine ziemlich verheerende Idee.

Menschen auf dem Mars – für Elon Musk eine schöne Vorstellung. (Bildquelle: Links: Wikimedia Commons, Hintergrund: viperagp, Adobe Stock) Menschen auf dem Mars – für Elon Musk eine schöne Vorstellung. (Bildquelle: Links: Wikimedia Commons, Hintergrund: viperagp, Adobe Stock)

Es klingt wie aus einem Science Fiction Film: In Zeiten von Klimawandel, Globalisierung und politischer Unsicherheit fragen sich Menschen, ob sie nicht einfach die Erde hinter sich lassen und andere Planeten besiedeln könnten.

Für Elon Musk ist der Mars so ein Sehnsuchtsort. Der Tech-Unternehmer spricht öffentlich über konkrete Ideen, wie der rote Planet besiedelt werden könnte.

Gegenwind bekommt er ausgerechnet aus der Wissenschaft: Astrophysiker Adam Becker hält die Erde praktisch immer für die bessere Option.

Tech-Milliardäre im Weltraum

Die Raumfahrt war seither ein staatliches Projekt: Im Kalten Krieg lieferten sich die USA und die Sowjetunion ein Kräftemessen, welcher Staat – und damit auch welches System – in der Lage wäre, zuerst den Mond zu erreichen.

Auch wenn Verschwörungstheorien etwas anderes behaupten: Am 20. Juli 1969 setzten US-amerikanische Astronauten als Erstes den Fuß auf unseren Trabanten in durchschnittlich 384.400 km Entfernung.

Allerdings erlebt die Raumfahrt gerade eine Wende: Die internationale Raumstation ISS wird auf ihr kontrolliertes Verglühen bis 2030 vorbereitet, dafür dringen sehr reiche private Akteure auf den Markt:

Und auf der Webseite von SpaceX gibt die Firma nicht nur das Erreichen des Planeten als Mission aus. Es geht auch darum, ein dauerhaftes Zuhause auf dem Mars zu schaffen.

Astrophysiker: So ziemlich die dümmste Idee, die man haben kann.

Astrophysiker Adam Becker hält die Idee, mit dem Mars eine Art Plan B im Falle einer unbewohnbaren Erde zu haben, für fernab der Realität. Im Rolling-Stone-Artikel What You’ve Suspected Is True: Billionaires Are Not Like Us zitiert Autorin Alex Morris den Forscher mit:

Musk redet über den Mars als eine Art Rettungsboot für die Menschheit, was so ziemlich die dümmste Idee ist, die man haben kann.

Im Interview mit dem YouTube-Kanal The Nerd Reich with Gil Duran zählt Becker einige Gründe auf, warum der Mars eben keine Erde 2.0 ist:

1. Auf dem Mars herrschen lebensfeindliche Bedingungen

Der Astrophysiker formuliert es unverblümt:

Die Schwerkraft ist zu gering, die Strahlungswerte zu hoch, es gibt keine Luft und der Boden ist giftig.

Menschen und andere Säugetiere könnten ohne Raumanzug nicht länger als wenige Minuten auf der Mars-Oberfläche überleben. Ansonsten drohe durch den geringen Luftdruck und Mangel an Sauerstoff ein echtes Horror-Szenario: Eurer Speichel würde auf eurer Zunge verkochen, während ihr erstickt.

2. Terraforming funktioniert nicht so einfach

Laut ESA herrscht auf dem Mars eine Durchschnittstemperatur von -68 Grad Celsius. Dadurch, dass er nur eine sehr dünne Atmosphäre besitzt, schwanken die Temperaturen zwischen Tag und Nacht stark.

Elon Musk hat für diese lebensfeindlichen Bedingungen gleich die nächste Tech-Lösung parat: Terraforming, den Planeten also so zu verändern, dass er bewohnbar wird. In einem Video des Kanals Science Time erklärt der Unternehmer, wie er den Mars bewohnbar machen möchte:

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Der Milliardär schlägt vor, Kernfusion zu nutzen, um zwei kleine Sonnen über dem Nord- und Südpol des Mars zu erzeugen. Die pulsierenden Sonnen sollen dann die Pole des Roten Planeten so weit erwärmen, dass das gefrorene CO₂ vergast und außerdem Wasserdampf freigesetzt wird.

Durch den Treibhauseffekt soll der Planet einerseits erwärmt und die Atmosphäre andererseits verdichtet werden, sodass im Ganzen wärmere, ausgeglichenere Temperaturen herrschen.

Allein dieser Vorschlag hält Beckers Reality-Check nicht stand: In den Eiskappen der Pole gibt es überhaupt nicht genug Material, um eine bewohnbare Atmosphäre zu schaffen. Es ist einfach nicht da.

3. Auswirkungen auf die menschliche Fortpflanzung sind ungeklärt

Der Mars hat eine sehr geringe Schwerkraft, etwa ein Drittel der Gravitation auf der Erde. Becker hebt hervor, dass wir schlicht nicht wissen können, welche Auswirkungen das beispielsweise auf Schwangere und die Entwicklung der Föten hätte.

Das herauszufinden sei, solange man nicht auf dem Mars ist, sehr schwierig – und wenn, wer wollte sich für solche Versuche freiwillig melden? Ohne die wäre aber die einzige andere Möglichkeit, eine Schwangerschaft auf dem Mars isoliert in einer Zentrifuge zu verbringen, die die Gravitation auf der Erde simuliert.

Eine Mars-Kolonie: Ernsthafter Traum oder ein großer Bluff?

Astrophysiker Becker deutet im Interview jedoch auch an, dass solche größenwahnsinnigen Fantasien seiner Ansicht nach nicht nur aus einer generellen Realitätsferne kommen. Er sieht darin eher eine Art Selbstbestätigungsmechanismus:

Mit ihren übergroßen Visionen könnten die Milliardäre einen Anspruch auf extrem viel Geld rechtfertigen. Das würde den Glauben in die eigene Vision wiederum stärken, weil sie sich für einen ja bereits als vorteilhaft herausgestellt hat.

Es liefert eine Rechtfertigung für so ziemlich alles, was sie jemals tun wollen würden, einschließlich ihres scheinbar endlosen Strebens nach mehr.

Gleichzeitig kann man konstatieren, dass ein hypothetischer Exit-Plan natürlich auch anderen Bemühungen auf der Erde den Wind aus den Segeln nehmen kann. Warum sich etwa um die Klimakrise scheren, wenn die Menschheit ohnehin zum Mars auswandern kann?

Für all diejenigen jedenfalls, die glauben, dass ein Leben auf dem Mars zumindest unter bestimmten Umständen angenehmer wäre als auf der Erde, hat Becker drei Szenarien parat:

  1. Ein Asteroideneinschlag von der Größe desjenigen, der die Dinosaurier ausgelöscht hat.
  2. Die Explosion jeder einzelnen Atomwaffe auf der Erde.
  3. Das Worst-Case-Szenario des Klimawandels.

Laut Becker wäre auch nach jeder dieser drei Katastrophen die Erde immer noch bewohnbarer als der Mars.

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