Hans und Franz gehen es gemütlich an, doch wenn es darum geht, Raketen zu bewegen, macht ihnen keiner etwas vor: vom Vehicle Assembly Building (VAB), einem der voluminösesten Gebäude der Welt, zu den noch heute bedeutendsten Startplätzen der Raumfahrtgeschichte am Kennedy Space Center in Florida.
Allerdings stehen diese größten und wohl zugleich langsamsten Landfahrzeuge der Welt voraussichtlich vor dem Ende ihrer Dienstzeit.
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Rollende Schwerlast-Geschichte und Weltrekordhalter
Ihre offizielle Bezeichnung lautet Missile Crawler Transporter Facilities
, oder vereinfacht CT-1 und CT-2. Beides sind Gleiskettenfahrzeuge der NASA, die seit rund 60 Jahren mehrere Generationen an Raumfahrzeugen zwischen dem Vehicle Assembly Building (VAB) und den Startplätzen 39A und B des Kennedy Space Center transportieren.
Von hier starteten einst die Saturn V zum Mond, die Space Shuttles in den Orbit und sollen demnächst auch das Space Launch System auf seinen Flügen zum Erdtrabanten schicken. Auf ihrem Rücken trugen sie Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte zu historischen Startplätzen.
Die Crews, bestehend aus mehreren Dutzend Personen (Fahr- und Technikpersonal), kennen CT-1 und CT-2 im Alltag unter ihren Kosenamen: Hans und Franz. Der Ursprung der Namen findet sich aber nicht, wie vielleicht mancher vermutet, in den teils deutschen Wurzeln der NASA durch Ingenieure wie den NS-Raketenwissenschaftlern Wernher von Braun, sondern bei einer Comedy-Show: Hans und Franz waren die Namen zweier Sketch-Bodybuilder der Fernsehsendung »Saturday Night Live« (via NASA und nasaspaceflight).
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Im Vehicle Assembly Building (VAB) werden die einzelnen Stufen der Raketen aufeinandergesetzt und eventuelle Feststoffbooster montiert. In der Fachsprache wird dieser Vorgang als Stacking
bezeichnet. Das Gesamtsystem findet dann seinen Platz auf einem mobilen Starttisch und wird in manchen Fällen noch mit einem Versorgungsturm verbunden. Auch die Nutzlast (Satelliten oder Crewkapseln, wie früher bei der Saturn V das Apollo-Raumschiff oder heute Crew Dragon) kommt hier an Bord.
Das Betanken mit Flüssigtreibstoff erfolgt erst am Startort, da zumeist mindestens der Oxidator in Form von Sauerstoff stark heruntergekühlt werden muss. Niemand würde eine buchstäblich mit flüssigem Sprengstoff beladene, durch langsames Erwärmen tickende Bombe in der Sonne Floridas herumfahren. Nur die Feststoffbooster sind bereits beladen, da diese Art von Kraftstoff keine Kühlung benötigt und nur schwer unbeabsichtigt entzündbar ist.
Rund 80 Prozent der Masse einer Orbitalrakete wie der Saturn V oder des Space Launch Systems mit bis zu 3.000 Tonnen Startgewicht macht der Treibstoff aus (via NASA).
Mehr zum VAB erfahrt ihr hier bei uns:
Hans und Franz messen jeweils 40 Meter in der Länge und 35 Meter in der Breite. Nur eine Art Vehikel, vermag die Crawler theoretisch auf den zweiten Platz der größten Fahrzeuge zu verdrängen: Schaufelradbagger, wie sie im Kohletagebau zum Einsatz kommen – allerdings sind das keine frei fahrenden Fahrzeuge, sondern sie hängen an Kabeln.
Für die CT-Crawler gilt das nicht, ganz im Gegenteil: Auf der Fahrt zu den Startrampen versorgen sie ihre Raketenfracht sogar noch mit Strom.
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Obendrein hält CT-2 seit dem jüngsten Umbau den offiziellen Buinness Weltrekord für das schwerste Fahrzeug mit eigenem Antrieb, wie die NASA 2023 mitteilt. Sein eigenes Gewicht von fast 3.000 Tonnen wird links wie rechts jeweils von einem Paar Kettenlaufwerken getragen, ähnlich denen von Panzern.
Beide Crawler basieren technisch auf Fahrzeugen für den Rohstoffabbau – entworfen von der Marion Power Shovel Company. Gemeinsam mit International Harvester, einem bekannten, einstigen Luft- und Raumfahrtkonzern der USA, konstruierten sie die Raketentransporter.
Ähnlich wie die Raketen, die sie von da an für Jahrzehnte transportieren sollten, kamen sie Mitte der 1960er Jahre im Zuge des Apollo-Programms in Einzelteilen nach Florida und wurden dort zusammengesetzt. Ihren ersten Einsatz hatten sie im August 1967 für die unbemannte Apollo 4-Mission.
Behäbig rollendes Kraftwerk
Da sich die Crawler fortbewegen, ihre Nutzlast mit Strom versorgen und sogar lenken müssen, ähneln sie einem rollenden Kraftwerk. Ihre 19.000 Liter fassenden Tanks versorgen fast ein halbes Dutzend Diesel-Generatoren, von denen einige über jeweils 16 Zylinder verfügen.
Sie erzeugen gemeinsam fast 10 Megawatt an Leistung. Das entspricht etwa der durchschnittlichen Leistung eines deutschen Offshore-Windrads oder die Hälfte der derzeit weltweit stärksten Windenergieanlage.
Beladen können CT-1 und CT-2 maximal 1,6 Kilometer pro Stunde (km/h) auf den speziellen Crawlerways rollen. Pro Kilometer verbrennen die Maschinen etwa 350 Liter Treibstoff. Unbeladen schaffen sie rund 3,2 km/h. Die Crawler werden aber laut Aussagen der Fahrer aber selten ausgefahren. (via NASA)
Koloss schleppt historische Riesen
Ihre Plattform balanciert in 6,1 Metern Höhe auf vier hydraulischen Hebevorrichtungen, die auch Unebenheiten während der Fahrt ausgleichen können. In der neuesten Ausführung kann sie knapp mehr als 8.000 Tonnen tragen und dabei die Last sogar noch ein Stück bis auf 7,9 Meter Höhe anheben. Das entspricht dem Gewicht von 20 voll beladenen und betankten Boeing 777 Langstrecken-Verkehrsflugzeugen.
Auf den 752 Quadratmetern Fläche der Plattform fänden 7,5 Fußball-Torraumflächen (der Fünfmeterraum), drei Tennisplätze oder etwa ein Handballfeld Platz.
Extra für die Testfahrten von Hans und Franz am 25. Mai 1966 ließ die NASA eine Attrappe der Saturn V bauen – Größe und Masse entsprach dem (unbetankten) Original, also 110 Meter hoch und 500 Tonnen schwer.
Danach folgten die fünf verschiedenen Space Shuttles mit jeweils 1.300 Tonnen (bestehend aus Orbiter, leerem Außentank und vollen Feststoff-Boostern): Atlantis, Discovery, Columbia, Challenger und Endeavour. Erst seit Kurzem kommt das unbetankte SLS mit seinen 140 Tonnen hinzu.
Hinzu kommen die mobilen Starttische, die im VAB vormontiert werden. Darauf befinden sich neben dem eigentlichen Raumschiff oft auch die massiven Versorgungstürme, die als Halte- und Versorgungspunkte bis kurz vor dem Abheben dienen.
Geschichtsträchtige (Schleich-)Wege
Der Crawlerway gabelt sich auf dem Weg vom VAB hin zu den Startplätzen. Bis zur Startrampe 39A liegen 5,47 Kilometer vor den Crawlern, und von der NASA-Raumschiffwerft bis zur Startrampe 39B sind es 6,76 Kilometer.
Die Steuerung erfolgt per Computer und Laserpeilung. Damit ist eine Genauigkeit von wenigen Zentimetern erreichbar.
Das letzte Kapitel vor der Rente?
Heutzutage rollt vor allem Crawler CT-2, also Franz. Zwischen 2012 und 2017 überholten die Teams von Hersteller und NASA ihn technisch, damit er seine vielleicht letzte Aufgabe übernehmen kann: das Space Launch System (SLS) der NASA zur Startrampe zu verfrachten.
Der modernisierte Crawler bekam neue Generatoren für mehr Leistung und eine stark erhöhte Tragkraft: Er kann nun rund 8.000 Tonnen statt der bisherigen 5.500 Tonnen tragen. So schnell kommt Super-Franz
nicht ins Schwitzen. Zuvor waren 2003 beide Crawler bereits grundlegend modernisiert worden: neue Hydraulikpumpen (für die Plattform und Lenkung), Fahrstände, Bremsen und Elektronik.
Die Crawler stehen indes für eine wohl eher früher als später vergangene Zeit: eine Ära gigantischer, einmalig zu verwendender Raketen und des Space Shuttles als historischem Unikat. Wie viele Flüge das Space Launch System unternehmen wird, ist Mitte 2025 noch unklar. Inwiefern es jemals Nachfolger der SLS geben wird, die auf Franz zur Startrampe rollen, steht somit in den sprichwörtlichen Sternen.
Es könnte also sein, dass die Geschichte der Crawler in den 2030ern ihr letztes Kapitel schreibt.
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