»Das ist hier. Das ist Zuhause. Das sind wir« – Eine Rede, ein Geschenk, unzählige Botschaften: Wie ein Wissenschaftler und eine Sonde bis heute gemeinsam die Menschheit aufrütteln

Weltraum-Sonden werfen selten einen Blick zurück, doch wenn sie es tun, schreiben sie mitunter Geschichte. Kürzlich entstand ein inoffizieller Nachfolger des legendären Abbilds eines einzigartigen blassblauen Punktes.

Carl Sagan beschäftigte sich als Astronom intensiv mit dem Sonnensystem und derweil auch mit der Rolle der Erde und ihrer Bewohner im großen Ganzen.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI und NASAJPL) Carl Sagan beschäftigte sich als Astronom intensiv mit dem Sonnensystem und derweil auch mit der Rolle der Erde und ihrer Bewohner im großen Ganzen. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI und NASA/JPL)

Im Juli 2025 nahm eine NASA-Sonde namens Psyche ein Foto der Erde auf. Es ist nur ein Foto, genau genommen bloß eine von vielen Testaufnahmen, und doch weit mehr: neugelebte Geschichte.

Damit erinnert die NASA implizit an ein selbst heute noch millionenfach auf YouTube verfolgtes Ereignis: das Foto »Pale Blue Dot« und die Rede Carl Sagans.

Inzwischen ist Voyager 1, die berühmte Sonde, Fotografin des Bildes und Pionierin, dem Sonnensystem enteilt. Doch hallt ihre und Sagans gemeinsame Botschaft bis heute nach: Mahnung und Ermutigung in einem Atemzug.

Video starten 2:17 Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems - mit an Bord Clyde Tombaugh

Als die Astronomie der Menschheit Demut lehrte

Wir schreiben den 14. Februar 1990. In mehr als sechs Milliarden Kilometern Entfernung (etwa die 40-fache Distanz von Erde zur Sonne) nimmt die Voyager-1-Raumsonde ein bis dahin einzigartiges Foto auf: Inmitten eines endlos scheinenden Panoramas glimmt ein blassblauer Punkt, die Erde. Das »Pale Blue Dot« genannte Bild geht um die Welt.

Radio und Fernsehen strahlen einige Zeit später eine Sendung aus, um das unscheinbar wirkende Bild zu würdigen. In deren Zuge predigt die Stimme eines Mitbegründers des Voyager-Projekts der Menschheit Demut: Sie gehört Carl Sagan. Der Astronom, Astrophysiker und Exobiologe sollte in den folgenden vier Minuten eine Rede halten, die Geschichte schreibt.

Von diesem fernen Aussichtspunkt erscheint die Erde vielleicht nicht besonders bemerkenswert. Doch für uns ist das anders. Betrachte diesen Punkt. Das ist hier. Das ist unser Zuhause. Das sind wir. Auf diesem Punkt haben alle, die du liebst, alle, die du kennst, alle, von denen du je gehört hast, jedes menschliche Wesen, das jemals existierte, ihr Leben verbracht.

Links seht ihr das Originalbild »Pale Blue Dot«, rechts die 2020 mit modernen Bildaufbereitungstechniken neu anhand von Originaldaten exportierte Version.
(Bildquelle: NASAJPL-Caltech) Links seht ihr das Originalbild »Pale Blue Dot«, rechts die 2020 mit modernen Bildaufbereitungstechniken neu anhand von Originaldaten exportierte Version. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech)

Carls Sagans Rede »Pale Blue Dot« in Bild, Ton und Schrift
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Wer sich eine moderne, aufbereitete sowie optisch ansprechend unterlegte Version der Rede von Carl Sagan anhören/-sehen möchte, bitte sehr:

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Die vollständige ins Deutsche übersetzte Rede haben wir euch hier niedergeschrieben. Markiert ist die in der modernen Version herausgenommene Einführung.

Carl Sagans »Pale Blue Dot«:

Von diesem fernen Aussichtspunkt erscheint die Erde vielleicht nicht besonders bemerkenswert. Doch für uns ist das anders. Betrachte diesen Punkt. Das ist hier. Das ist unser Zuhause. Das sind wir. Auf diesem Punkt haben alle, die du liebst, alle, die du kennst, alle, von denen du je gehört hast, jedes menschliche Wesen, das jemals existierte, ihr Leben verbracht.

Die Summe all unserer Freuden und Leiden, Tausende von selbstbewussten Religionen, Ideologien und ökonomischen Doktrinen, jeder Jäger und Sammler, jeder Held und Feigling, jeder Schöpfer und Zerstörer von Zivilisationen, jeder König und Bauer, jedes junge Paar in Liebe, jede Mutter und jeder Vater, jedes Kind, voller Hoffnung, jeder Erfinder und Entdecker, jeder Lehrer der Moral, jeder korrupte Politiker, jeder „Superstar“, jeder „oberste Führer“, jeder Heilige und Sünder in der Geschichte unserer Spezies lebte hier – auf einem Staubkorn, das in einem Sonnenstrahl schwebt.

Die Erde ist eine sehr kleine Bühne in einer gewaltigen kosmischen Arena. Denk an die Flüsse von Blut, die von all diesen Generälen und Kaisern vergossen wurden, damit sie in Ruhm und Triumph für einen Moment die Herrscher über einen Bruchteil dieses Punktes werden konnten. Denk an die endlosen Grausamkeiten, die die Bewohner eines Teils dieses Punktes den kaum unterscheidbaren Bewohnern eines anderen Teils zugefügt haben. Wie häufig ihre Missverständnisse, wie begierig sie darauf sind, einander zu töten, wie glühend ihr Hass.

Unsere Selbstbetrachtungen, unsere eingebildete Selbstwichtigkeit, die Illusion, dass wir eine privilegierte Stellung im Universum einnehmen, werden von diesem Punkt blassen Lichtes infrage gestellt. Unser Planet ist ein einsamer Fleck in der großen, umhüllenden kosmischen Dunkelheit. In unserer Dunkelheit, in all dieser Weite, gibt es keinen Hinweis darauf, dass Hilfe von anderswo kommen wird, um uns vor uns selbst zu retten.

Die Erde ist bis jetzt der einzige bekannte Ort, der Leben birgt. Es gibt keinen anderen Ort, zumindest nicht in naher Zukunft, zu dem unsere Spezies migrieren könnte. Besuchen, ja. Siedeln, noch nicht. Ob es uns gefällt oder nicht, im Moment ist die Erde der Ort, an dem wir uns behaupten müssen.

Es wurde gesagt, dass die Astronomie eine demütigende und charakterbildende Erfahrung ist. Es gibt vielleicht keinen besseren Beweis für die Torheit menschlicher Einbildung als dieses ferne Bild unseres winzigen Planeten. Für mich unterstreicht es, unsere Verantwortung, freundlicher miteinander umzugehen und diesen blassen blauen Punkt, das einzige Zuhause, das wir je gekannt haben, zu bewahren und zu schätzen.

Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte erreichen die Worte eines Wissenschaftlers Millionen von Menschen gleichzeitig – ein Meilenstein in der Wissenschaftskommunikation.

Sein Wortbeitrag selbst muss als eine Abrechnung mit der menschlichen Hybris verstanden werden, die entlarvt im Angesicht des blassblauen Korns namens Erde erbleicht. Sie findet schlicht auf der vor den Zuhörern ausgebreiteten kosmischen Bühne keinen Platz. Einzig unser Planet bleibt, er steht für uns alle, die Heimat der Menschheit.

Voyagers Perspektive 1990 Ungefähr so müssen wir uns Voyagers Blickwinkel am 14. Februar 1990 vorstellen. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech)

Familienfoto Am selben Tag fanden abseits des legendären blassblauen Punktes noch etliche weitere Fotos den Weg in Voyagers Speicher – das von Carl Sagan angeregte Familienportrait aller Planeten des Sonnensystems. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech)

Cassinis Blauer Punkt Der blassblaue Punkt unten rechts, das ist die Erde. NASAs Cassini Raumsonde erstellte dieses Bild. Es besteht allerdings aus mehr als 200 Einzelbildern und ist kein Testfoto wie bei Psyche oder eine Einzelaufnahme wie bei Voyager. (Bildquelle: NASA/JPL/SSI/CICLOPS)

Voyagers Abschiedsgeschenk - ein Vorbild für Folgemissionen

Mit den verklingenden Worten Carl Sagans läutete die NASA auch Voyagers Ende ein. Nur Minuten nach erfolgreicher Übermittlung der Aufnahmen schalteten die NASA-Ingenieure die optische Kamera ab. Voyager 1 schloss ihre Augen und wandte sich der interstellaren Dunkelheit zu.

Sie hatte zu diesem Zeitpunkt ihre primäre Mission der Erforschung der Gasriesen abgeschlossen und befand sich auf einem Kurs, der sie aus dem Sonnensystem herausführen sollte. Das Foto entstand als ein Teil des von Carl Sagan persönlich angeregten Familienbildes der Planeten des Sonnensystems – ein bis heute einzigartiges Abschiedsgeschenk.

1994 veröffentlichte Carl Sagan sein Buch Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space. Hierhin vertieft er seine gedanklichen Reflexionen des da schon legendären Fotos, welchem er mit seiner Rede entscheidend mit zu dessen Status verhalf.

Im Buch betont Sagan seine Überzeugung, dass in der Raumfahrt eine Chance läge, die Menschheit zu vereinen und zukünftige Herausforderungen wie Ressourcenknappheit zu bewältigen. Bevor wir jedoch andere Planeten besiedeln oder gar außerirdische Welten terraformen, müssten wir endlich Verantwortung für die Erde übernehmen – unser blassblauer Fleck auf der Leinwand von kosmischer Weite.

Psyche-Mission der NASA

Psyche startete 2023, um 2029 in einem Orbit um den gleichnamigen Asteroiden anzukommen. Hier soll die Sonde den wahrscheinlich metallreichen Körper auf einen Verdacht hin untersuchen: Er könnte der einstige Kern eines Planetoiden (Zwergplaneten) gewesen sein, der seinen außen liegenden Schichten beraubt worden ist.

Auf dem Weg zu ihm nutzte die NASA am 20. und 23. Juli die Gelegenheit, um mittels Aufnahmen von Erde, Jupiter und Mars Probeaufnahmen anzufertigen. Der Zweck: Tests der Elektronik sowie Kalibrieren der Kameras sowie sonstiger wissenschaftlicher Instrumente an Bord.
Zu diesem Zeitpunkt trennten Sonde und Erde etwa 290 Millionen Kilometer, in etwa die doppelte Entfernung von uns bis zur Sonne. Weitere Testaufnahmen sollen in der Zukunft folgen – mit einem in Konsequenz jedes Mal schrumpfenden blassblauen Ball.

Das ist Psyches Version des legendären Erd-Fotos von Voyager 1. (Bildquelle: NASAJPL-CaltechASU) Das ist Psyches Version des legendären Erd-Fotos von Voyager 1. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech/ASU)

Im Fokus späterer Probebilder sollen aber wohl der Saturn oder der 500 Kilometer durchmessende Asteroid Vesta stehen, da sie ermöglichen, andere Aspekte der Hardware zu testen und mit bekannten Werten abzugleichen - nicht bei allen kommen aber vorzeigbare Fotos für die Öffentlichkeit heraus.

Carl Sagan weilt inzwischen nicht mehr unter uns. Er verstarb im Dezember 1996 im Alter von 62 Jahren. In diesen sechs Jahrzehnten wirkte er an fast allen unbemannten Weltraummissionen zur Erforschung des Sonnensystems mit und trug Ideen bei, die ihn um Milliarden Jahre überleben werden.

Dazu zählen die Voyager-Raumsonden und ihre goldenen Schallplatten. Sie haben das Sonnensystem längst verlassen und ihr Schicksal liegt in fernerer Zukunft als das der Erde selbst. Sie gehören zur elitärsten Gruppe von Vehikeln der Menschheit, unseren Botschaftern für die Ewigkeit – mit an Bord: ein Teil eines Menschen.

Unsere Heimat, dieser winzige Tropfen aus Blau im galaktischen Nichts, wird garantiert, in einigen Milliarden Jahren aufhören zu existieren. Es ist nur eine Frage, wann und was genau mit ihm passieren wird, aber als Roter Riese reißt die Sonne in ihrem Todeskampf die bewohnbare Erde mit – es gibt kein Entkommen. Voyager 1 und 2 fliegen ziemlich sicher selbst dann noch durchs All.

Voyager 1 besuchte diverse Planeten auf ihrer bereits Jahrzehnte währenden Reise. Viele davon fotografierte sie, um unser wissenschaftliches Interesse zu befriedigen. Doch bevor sie ihre Augen für optisches Licht für immer verschloss, nahm sie ein Familienfoto sowie das berühmteste und zugleich winzigste Foto unserer Erde auf.
(Bildquelle: NASAJPL-Caltech und NASAJPL) Voyager 1 besuchte diverse Planeten auf ihrer bereits Jahrzehnte währenden Reise. Viele davon fotografierte sie, um unser wissenschaftliches Interesse zu befriedigen. Doch bevor sie ihre Augen für optisches Licht für immer verschloss, nahm sie ein Familienfoto sowie das berühmteste und zugleich winzigste Foto unserer Erde auf. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech und NASA/JPL)

Meinung der Redaktion (Gerald Weßel): Für mich persönlich gehören die hier von Carl Sagan gesprochenen Worten zu den wichtigsten Zeitzeugnissen der Menschheitsgeschichte. Das Foto dient dabei als Anlass und bildhafte Erinnerung, wie wichtig die Erde und wir alle füreinander sind. Egal wieviel uns trennt, letztendlich haben wir mehr gemeinsam - damals wie heute.

Unsere Aufgabe hat sich über Zehntausende Jahre hinweg nicht verändert: gemeinsam auf der Erde leben. Wie wir das angehen bleibt uns überlassen. Aber eine zweite Chance erhalten wir, nach unserem Wissen, wohl nicht.

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